"Heilende Messer" - Geschichte der Medizintechnik im Fruchtkasten


Die Ausstellung "Made in Tuttlingen: Heilende Messer" untersucht die Entwicklung der Tuttlingen Instrumentenbranche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie ist im Hugo-Geißler-Saal des Fruchtkastens vom 15. Mai bis 23. August jeweils 14 bis 17 Uhr zu sehen. Vernissage ist am Freitag, 15. Mai, um 19 Uhr im Foyer des Rathauses.

"Heilende Messer" - Geschichte der Medizintechnik im Fruchtkasten
Gezeigt werden neben Instrumenten auch Fotos von der Produktion, Arbeitsmaschinen und Dokumente, die den Arbeitsfleiß und die Entwicklung der Branche veranschaulichen. Als ganz besonderer Höhepunkt wird ein Film aus den 1930er Jahren gezeigt, der den Produktionsprozess eines Instruments in der AG für Feinmechanik erläutert.

Die Schau beleuchtet den Zeitraum zwischen 1900 und 1950, der zunächst mit einer Blüte des Gewerbes begann. Die Aktiengesellschaft für Feinmechanik hatte den charismatischen Kommerzienrat Karl Christian Scheerer als Flagschiff an der Spitze. Der Schwager des Firmengründers Gottfried Jetter lenkte das Unternehmen von 1890 bis 1932, zunächst gemeinsam mit seinem Bruder Wilhelm, ab 1904 dann alleine. Er zählt zu den großen Unternehmerpersönlichkeiten Württembergs. Unter seiner Aegide war der Betrieb in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden, die heute stadtbildprägenden Fabrikbauten am Ehrenberg waren entstanden. Mit zahlreichen Auslandsniederlassungen hatte er der AG eine marktbeherrschende Stellung verschafft.
Allerdings waren bei seinem Abgang bereits dunkle Wolken am Horizont. Die Inflation und die Weltwirtschaftskrise hatten die Situation grundlegend verändert. Nach einem Boom war die Auftragslage dramatisch eingebrochen. Hinzu kam, dass zu Beginn der 1920er-Jahre eine große Gründungswelle einsetzte. In diesem Zeitraum entstanden Fabriken wie die Chironwerke, die Fa. Huber und Link, Stoma, und die Gebrüder Berchthold, die sich alle erfolgreich auf dem Markt behaupteten.
Andererseits hatten einzelne Betriebe begonnen sich vielversprechend auf eine Sparte zu spezialisieren. Dazu gehörte Georg A. Henke, der sich auf die Herstellung von Spritzen verlegte und damit eine Nachfrage, die durch neue medizinische Entdeckungen wie Penicillin, Salvasan, verschiedene Impfstoffe und Insulin notwendig geworden waren.
Zahlreiche Heimarbeiter, die oft zunächst bei der Aktiengesellschaft gearbeitet hatten, richteten sich zuhause im Untergeschoss eine Werkstätte ein und erledigten einzelne Arbeitsschritte für die großen Betriebe. Dann machten sie sich manche selbstständig und stellten eigene Produkte her, zumal sich inzwischen zahlreiche Zulieferbetriebe in Tuttlingen niedergelassen hatten. Die Handwerker wurden gerne etwas abfällig als "Souterrain-Fabrikanten" bezeichnet. Die Gründungswelle war ausgelöst worden, da viele mit der Arbeitssituation und dem bezahlten Lohn unzufrieden gewesen waren. Zum anderen hatte sich in Tuttlingen die Infrastruktur verbessert und es gab die Möglichkeit Handwerkszeug zu beziehen, Rohlinge zu erwerben, Instrumente galvanisieren zu lassen und vieles mehr. Alle diese Faktoren erleichterten den Schritt in die Selbstständigkeit. Einige dieser Handwerker schlossen sich zu Vertriebsorganisationen zusammen. So entstand beispielsweise 1923 die Firma Gebr. Martin. Sieben Betriebe schlossen sich zuerst unter Führung zweier Brüder namens Martin zusammen. Die Brüder Martin traten bald wieder von dieser Firma aus, die Leitung übernahm dann der Kaufmann Rudolf Buck, der gemeinsam mit den angeschlossenen Firmen die heutige Firma Gebr. Martin zu weltweiter Bedeutung führte.
Kurze Zeit später schlossen sich ungefähr 30 Chirurgiemechaniker zu einer Genossenschaft der "Vereinigten Chirurgiemechaniker GmbH Tuttlingen" zusammen. In den 1930er-Jahren wurden die "Windlers Vereinigte Werkstätten für Chirurgie und Krankenhausbedarf" gegründet, in der sich 18 Firmen, die überwiegend dem Handwerk angehörten, zusammen taten, um sich gegenseitig zu unterstützen. 1941 folgte die Chirurgie-Union eGmbH mit 12 Mitgliedern, die sich später Medicon nannte.
Weitere Themen der Ausstellung sind die Gründung einer Innung im Jahr 1914, die Suche nach dem geeigneten Material für die Instrumente und vieles mehr. Die Ausstellung wird am Freitag, den 15. Mai, um 19 Uhr im Foyer des Rathauses eröffnet werden. Sie ist im Fruchtkasten bis 23. August 2009 samstags, sonntags, dienstags und donnerstags von 14 bis 17 Uhr zu sehen. Am Samstag den 16. Mai 2009 ist die Ausstellung anlässlich des Marktes der Partnerstädte in der Donaustraße bereits ab 10 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei