Evangelische
Stadtkirche

Zum Reformationsfest 1817, 14 Jahre nach dem Stadtbrand, wurde die neue Kirche eingeweiht. Der schlichte, noch anspruchslose Bau entstand nach Entwürfen des Bauinspektors Carl Christian Nieffer (*1787, ein Schüler des Stuttgarter Architekten und Hofbaumeisters Nikolaus Friedrich Thouret). Er gestaltete den Sakralbau nach dem Vorbild der spätantiken Basilika.

Ihr heutiges Aussehen hat die Kirche durch Umbauten erhalten. 1868 wurde der Turm erhöht. Er sollte den Turm der geplanten katholischen St. Galluskirche überragen. 1893 malte Rudolf Yelin d.Ä. (1864-1940), Stuttgart, die Bilder an der Kanzelwand: „Gebetskampf Jesu in Gethsemane“ und „Christi Himmelfahrt“. Darunter malte Yelin die friesartigen Bilder „Jesus als Kinderfreund“ und „Kreuztragung“. Die Altarwand wurde mit einer gemalten Renaissance-Architektur belebt, ausgeführt von Fritz Hummel, Reutlingen. Schließlich bekam Heinrich Dolmetsch, Stuttgart, im Jahre 1903 den Auftrag, die Kirche innen und außen zu erneuern. Durch diesen Umbau erhielt die evangelische Stadtkirche ihr unverkennbares Aussehen und wurde als Jugendstilkirche berühmt.

Der prägendste Eingriff erfolgte an der Nordfassade. Ein mächtiger Giebel wurde aufgerichtet. Vier Pilaster, die durch Rundbogen verbunden wurden und somit die Fassade rhythmisieren, haben oben Kapitelle, auf denen die Evangelisten Matthäus (mit Engel) und Johannes (mit Adler) sowie die beiden früheren Kirchenpatrone Petrus (mit Schlüssel) und Paulus (mit Schwert) stehen. Darüber befindet sich im Giebeldreieck eine Christusfigur. Christus, Petrus und Matthäus schufen die Stuttgarter Bildhauer Lindenberger und Rühle, Paulus und Johannes sind das Werk des Tuttlinger Bildhauers Christian Teufel.Die wesentlichen architektonischen Gliederungen der Fassade sind mit Stuckbändern und Pflanzenornamenten aus reinem Zement versehen, ebenso die Gliederungen um Türen und Fenster an beiden Längswänden.

Im Innern orientierten sich die Künstler bei der Ausschmückung von Decke, Wänden, Säulen und Säulenkapitellen an früheren Stilelementen. Türumrahmungen und Kirchenbänke erhielten holzgeschnitzte Verzierungen im Jugendstil, ebenso die Brüstungen der Emporen, die Kanzel, das Orgelgehäuse und die Fenster.

Nachdem Überlegungen bis hin zu Profanisierung und Abriss angestellt worden waren, wurde die Kirche 1974 bis 1978 in sorgfältigster Weise restauriert. Aus diesem Anlass schuf Roland Martin, Bildhauer in Tuttlingen, Altar, Kanzelpult und Taufgerät neu, wobei die Lamelle als wesentliches Gestaltungselement zur Harmonie der Innengestaltung beiträgt.
Rainer Mattes