Altes Krematorium

Das Alte Krematorium wurde 1926/27 auf die Initiative des Tuttlinger Feuerbestattungsvereins hin gebaut und gehört zu den frühen Krematorien in Deutschland. Das erste in Deutschland wurde 1878 in Gotha gebaut, weitere entstanden 1880-1900. Der Entwurf geht auf den Tuttlinger Architekten und Stadtbaumeister Paul Biber (1892-1940) zurück. 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Bau eines Krematoriums wie andernorts aus hygienischen Gründen und wegen des Bevölkerungszuwachses notwendig geworden. Widerstand gegen den Bau gab es zunächst vor allem von Seiten der Kirchen. Während der Aufklärung und verstärkt mit der französischen Revolution fand die Feuerbestattung wieder Zuspruch, so dass sie 1800 in Frankreich offiziell zugelassen wurde. Die katholische Kirche hingegen verbot die Einäscherung 1886 und toleriert sie erst wieder seit 1963. In den 1900er- Jahren setzten sich Freidenkerverbände und die Arbeiterbewegung für die Feuerbestattung ein. Die Nationalsozialisten missbrauchten die Krematorien für ihre Zwecke. Im Tuttlinger Krematorium wurden zwischen September 1944 und April 1945 auch Opfer des nationalsozialistischen Konzentrationslagers in Spaichingen, einem Außenlager von Natzweiler-Struthof im Elsass, verbrannt.

Seit Beginn der 1980er-Jahre wird das Alte Tuttlinger Krematorium nicht mehr als solches genutzt. Die gesamte Anlage ist bis hin zu den Details der Ausstattung noch unverändert aus der Bauzeit erhalten geblieben. Durch ein Tor gelangt man zu dem in eine Platzanlage integrierten symmetrischen Gebäudekomplex. Im Zentrum steht ein zweigeschossiger Pavillon mit Glockendach, der von zwei niedrigeren Gebäudeteilen flankiert wird. Die gesamte Anlage wirkt wie ein neobarockes Palais. An dem Bau lassen sich aber auch durchaus moderne Tendenzen der 1920er-Jahre erkennen, wie sie zum Beispiel auch für die Architektur des Neuen Bauens charakteristisch sind: Die drei schlichten zentralen Fensteröffnungen, die wie ineinander geschobenen Baukörper, die oktogonalen seitlichen Fenster sowie die teilweise Verwendung des Baustoffes Beton. Eine ähnliche Architekturauffassung findet sich in dieser Zeit bei Paul Bonatz und den Vertretern der „Stuttgarter Schule“.

Die Glasmalereien und die Lampen wurden von der Stuttgarter Firma Wilhelm Pfau ausgeführt. Mit der bildmächtigen Darstellung einer Gestalt, die sich wie ein Phönix aus der Asche gen Himmel erhebt, gelang eine überzeugende Umsetzung der damals eben nicht unumstrittenen Vorstellung, dass auch eine Feuerbestattung einer Auferstehung der Toten nicht im Wege stehe. Das Bild arbeitet einerseits mit der gewohnten christlichen Symbolik, indem es an traditionelle Himmelfahrts- oder Kreuzigungsdarstellungen erinnert, gleichzeitig kommt in der Flamme und der Urne auch das Thema der Feuerbestattung selbst zum Ausdruck. Anklänge an Jugendstil-Ornamentik sind vor allem in der Flamme zu erkennen, die Auffassung der Figuren orientiert sich dagegen stark an vergleichbaren Darstellungen auf spätgotischen Altartafeln.

Noch 2003 gab es Bestrebungen, das Alte Krematorium abzureißen. Dagegen engagierte sich eine Bürgerinitiative aus Reihen des Heimatforums. Nachdem die Abrisspläne ad acta gelegt waren, sanierten die Bürger das Gebäude in Eigenleistung und trugen auch über 250 000 Euro an Spenden zusammen. Seit 2007 wird das Alte Krematorium als Kulturhaus genutzt.