Gedenkpfad Lager Mühlau

Erinnerung ist Zukunft

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Im Bereich Mühlau, wo heute Tuttlingens Bildungszentrum steht, befand sich bis 1955 ein Barackendorf. Es umfasste ca. 50 Gebäude, die ersten wurden 1942 gebaut.

Neben einer Dokumentation, in der Zeitzeugengespräche und Quellen aus verschiedenen Archiven ausgewertet wurden, entstand auch ein Gedenkpfad. Bodenintarsien aus Pflaster- sowie Leuchtsteinen sollen die Dimensionen des Lagers erfahrbar machen, zwei Kunstwerke setzen sich mit der Geschichte des Ortes auseinander. Folgen wir den dem Gedenkpfad auf seinen Stationen und erfahren etwas über die Geschichte und die Funktionen des Lagers.

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Der Gedenkpfad hat eine Länge von 2,3 Kilometer und beginnt bei der Hauptinformationstafel am Mühlenweg gegenüber des Immanuel-Kant-Gymnasiums
Im Laufe der 13 Jahre seines Bestehens erfüllte das Lager mehrere Funktionen:
Zwangsarbeiter wurden hier ebenso untergebracht wie Kriegsgefangene und Heimatvertriebene. In der Geschichte des Lagers spiegeln sich somit die Geschichte der NS-Diktatur, des Zweiten Weltkriegs sowie der frühen Nachkriegszeit wieder.


Zwangsarbeiterlager

Die ersten zehn Baracken wurden Ende 1942 von der Barackenlager Mühlau GmbH errichtet. Sie dienten der Unterbringung von 660 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, die aus der Sowjetunion und Polen verschleppt worden waren und die in Tuttlinger Betrieben arbeiteten. Wie viele als Folge von Krankheiten oder Erschöpfung starben, ist nicht überliefert.

Durchgangs- und Entlassungslager

Am 21. April 1945 marschierte die 1. französische Armee in Tuttlingen ein. Sie richtete hier das „Dépôt de Transit No 2“ ein, eines von drei Durchgangs- und Entlassungslagern in der französischen Zone für deutsche Wehrmachtsoldaten. Hier wurde entschieden, wer entlassen wurde und wer in Kriegsgefangenschaft ging. Rund 300 000 Menschen erhielten hier ihre Entlassungsscheine. Bis Ende 1948 waren alle Kriegsgefangenen aus Frankreich in die Freiheit entlassen. In dem Areal, auf dem Sie jetzt stehen, befand sich der Exerzierplatz der hier stationierten französischen Soldaten.


Kreisdurchgangslager für Flüchtlinge und Heimatvertriebene

In einigen Baracken wurde zwischen 1949 und 1954 ein Lager für die dem Kreis zugewiesenen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen installiert.

Lager für „Displaced Persons“

Nicht alle Menschen, die während des Krieges als Kriegsgefangene, KZ-Insassen, Zwangsarbeiter oder auch Westarbeiter nach Deutschland gekommen waren, konnten gleich nach Kriegsende zurück in ihre Heimat. Man spricht hier von „Displaced Persons“ also heimatlosen Menschen. Die Zurückgebliebenen wurden bis 1955 in einem Teil des Lagers untergebracht.

Abriss und erstes Gedenken

Bereits 1949 benötigte man nicht mehr alle Baracken und ließ sie nach und nach abbrechen oder versetzen. Die letzten verschwanden 1955. Stehen blieb lediglich die 1946 erbaute Holzkirche, die erst 1964 dem Neubau des Immanuel- Kant-Gymnasiums weichen musste. Als Erinnerung an die Zeit zwischen 1945 und 1948, in der rund 200 deutsche Kriegsgefangene in dem Lager arbeiteten, wurde 1983 der Gedenkstein neben dieser Tafel eingeweiht.

Die zweite Station befindet sich nördlich an ehemaligen Lagerausgang.
2-Dietz

1945 richtete die französische Besatzungsmacht zwischen der Donau und den Bahnlinien ein Lager ein, das zentrale Funktionen für die gesamte französische Besatzungszone hatte. Hier wurde entschieden, welcher deutsche Soldat entlassen wurde und wer in französische Kriegsgefangenschaft kam. Die Entlassenen ließen hier Krieg und Gefangenschaft hinter sich und gingen in die Freiheit - ein Übergang, den die Arbeit von Madeleine Dietz symbolisch darstellt.

Entlassungen

Die vier Alliierten beschlossen im April 1947 einen Repatriierungsplan mit dem Stichtag 31. 2-Entlassschein


Dezember 1948. Dies bedeutete, dass die Franzosen ihre Entlassungen deutlich beschleunigen mussten. Hatte man im Januar 1947 mit 12.000 Mann pro Monat begonnen, steigerte man diese Zahl im Laufe des Jahres 1947 auf Monatsraten von bis zu 40.000. Um entlassen zu werden, mussten sich alle Kriegsgefangenen, die aus französischen Lagern kamen, entweder in Bretzenheim oder in Tuttlingen melden. Erst dort bekamen sie ihren endgültigen Entlassungsschein, der wiederum Voraussetzung war für die ordnungsgemäße Rückkehr ins zivile Leben. Diejenigen Kriegsgefangenen, die repatriiert werden sollten und in der englischen oder nördlichen französischen Besatzungszone zu Hause waren, wurden über das Durchgangslager Bretzenheim geschleust; wer aus der amerikanischen oder südlichen französischen Besatzungszone stammte, musste erst ins Lager Tuttlingen. Für aus der sowjetischen Besatzungszone stammende Kriegsgefangene gab es ein anderes Verfahren. Sie wurden, aus Frankreich kommend, über das Transit-Lager Saaralbe in Lothringen geschleust und in Bebra-Gerstungen an sowjetische Offiziere übergeben.

2-Grafik Hatte die für Entlassungen und Transit zuständige „Equipe“ im Lager Tuttlingen im Jahr 1945 fast ausschließlich mit dem „Transit“ nach Frankreich zu tun, änderte sich dies in den Folgejahren deutlich. Nunmehr waren sie spezialisiert auf die Entlassung und Demobilisierung von aus Frankreich kommenden Kriegsgefangenen.

1946 stieg allein die Zahl der in Tuttlingen durchgeführten Entlassungen von Kriegsgefangenen aus französischem Gewahrsam auf knapp 60.000, was der Hälfte dieser Entlassungen entsprach, die in diesem Jahr von den drei Dépôts in der Französischen Besatzungszone vollzogen wurden.

Das Jahr 1947 brachte eine nochmalige deutliche Steigerung. Damit haben zwischen 300.000 und 400.000 Kriegsgefangene im Tuttlinger Dépôt ihre Entlassungspapiere bekommen. Am 8. Dezember 1948 verließen die letzten repatriierungsfähigen Kriegsgefangenen Frankreich.

2-Zeichnung Ab März 1948 wurden zudem vermehrt Heimkehrer aus russischer Gefangenschaft durch Tuttlingen geschleust. Im Juni wurde mit 1438 Kriegsgefangenen aus russischem Gewahrsam für 1948 ein Höchststand erreicht. Da die Sowjetunion die vereinbarte Entlassungsfrist bis zum 31. Dezember 1948 für sich als nicht bindend ansah, kam die Repatriierung deutscher Kriegsgefangener aus Russland jedoch nur schleppend voran. Erst als die Sowjetunion auf Druck der Alliierten in den beiden Folgejahren mit rund 2 Millionen Kriegsgefangenen die Masse der in ihrem Gewahrsam verbliebenen Gefangenen entließ, schnellten auch in Tuttlingen die Zahlen in die Höhe.

Zurück zum Mühlenweg gelangt man zu einem ehemaligen Eckpunkt des Lagers.
3-Zug

Von 1949 bis 1954 wurden die Baracken als Kreisdurchgangslager für Flüchtlinge aus der sowjetischen Besatzungszone sowie Heimatvertriebene benutzt. Oft wurde es daher auch als „Heimkehrerlager“ bezeichnet. Zeitweise waren bis zu 350 Menschen in den Baracken untergebracht. Wanzen, Zugluft, Bodenkälte und Überbelegung erschwerten das Leben im Lager.

Flüchtlinge und Heimatvertriebene

Die französische Militärregierung betrieb eine restriktive Flüchtlingspolitik. Ein Bevölkerungswachstum sollte unter allen Umständen vermieden, die Aufnahme sogenannter „Volksdeutscher“ verhindert werden. Bei den Verhandlungen im Alliierten Kontrollrat im November 1945 über den „Plan der Umsiedlung der aus Österreich, der Tschechoslowakei, Ungarn und Polen ausgewiesenen Bevölkerung“ in alle vier Besatzungszonen war es der französischen Militärregierung gelungen, die Aufnahme von „Ausgewiesenen“ in die eigene Zone bis April 1946 hinauszuzögern.

In der französischen Besatzungszone bestimmte deshalb die Rückführung der Evakuierten und eine konsequente Abschottungspolitik gegenüber „Ostflüchtlingen“ und insbesondere gegenüber „Volksdeutschen“ (aus Jugoslawien, Rumänien, Bulgarien etc.) die Flüchtlingspolitik. Im August 1946 verhängte die Militärregierung eine totale Zuzugssperre für Deutsche aus den Oststaaten  Erst im April 1949 genehmigte General Koenig den Zuzug von Flüchtlingen, die Familienangehörige in der französischen Besatzungszone hatten oder einen Arbeitsvertrag vorweisen konnten.

Bis zu diesem Zeitpunkt war es der französischen Militärregierung gelungen, eine interalliierte Regelung des Flüchtlingsausgleichs zu verhindern bzw. zu verzögern. Erst jetzt musste auch Württemberg-Hohenzollern Umsiedler im Rahmen des Flüchtlingsausgleichs mit Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern aufnehmen. Bis Ende 1950 sollten 49 000 Umsiedler aufgenommen werden, davon kamen rund 32 000 bereits im Laufe des Jahres 1949.

Als Kreisdurchgangslager für deutsche Heimatvertriebene und Flüchtlinge diente im Kreis Tuttlingen bis 1950 das Evangelische Vereinshaus in Tuttlingen. Am 22. Mai 1950 veranlasste das Innenministerium des Landes Württemberg-Hohenzollern, das nicht mehr voll ausgelastete „Heimkehrerlager“ Mühlau in Tuttlingen fortan auch als Durchgangslager für heimatvertriebene Deutsche zu nutzen und einzurichten. Zwei Baracken mit einer Kapazität von 150 Personen sollten für die Unterbringung von Heimatvertriebenen vorgesehen werden.

Das Landratsamt Tuttlingen setzte diese Vorgaben des Innenministeriums ab Juni 1950 um. Von da an war das Lager Mühlau auch eine vorübergehende Bleibe und Durchgangslager für viele Deutsche, die in Folge des Krieges ihre Heimat im Osten verloren hatten. Das Kreisdurchgangslager für deutsche Heimatvertriebene und Flüchtlinge im Lager Mühlau bestand bis 1954, dann wurde es wieder aufgelöst. Die deutschen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen konnten inzwischen meist in Wohnungen untergebracht werden, vielfach in eigens für sie über Sonderprogramme für Flüchtlingswohnungsbau errichteten Wohnungen und Häusern.

Jetzt führt der Weg Richtung Bahndamm zu dem früheren Standort eins Wachturms.
4-Turm

An dieser Stelle befand sich im Dépôt de Transit einer von mehreren Wachtürmen, auf denen französische Soldatenbewachten. Die Türme waren Teil einer Sicherungsanlage, zur der auch mehrere Stacheldrahtzäune gehörten. Nachts war die Anlage hell erleuchtet.

Bewachung im Zwangsarbeiterlager

Die Ostarbeitererlasse sahen eine strenge Bewachung durch private Wachmannschaften oder den Werkschutz der Betriebe vor, die den Staatspolizeileitstellen unterstellt waren. Für 20 bis 30 Arbeitskräfte war ein Wachmann zu veranschlagen. Bewacht von Wachleuten, wurden die Deportierten in Kolonnen zu ihrer Arbeitsstelle getrieben. Auch die Arbeiter, die in kleineren Betrieben eingesetzt wurden, mussten geleitet werden. Entweder wurden die Zwangsarbeiter in einem von Wachmännern bewachten Zug durch die Stadt getrieben und bei den jeweiligen Arbeitsherren abgegeben oder dieser musste den Arbeiter selber abholen und auf dem Weg begleiten.

Während der Arbeit konnten die Vorgesetzten die Beaufsichtigung übernehmen.
Im Laufe ihres Aufenthalts – wohl zum Kriegsende hin - lockerten sich die Bedingungen und die Bewachung wurde ausgesetzt, wie einige ehemalige Zwangsarbeiter schilderten.

Von 36 Zwangsarbeitern, die in Tuttlingen im Arbeitseinsatz waren, ist bekannt, dass sie einen Fluchtversuch wagten, 18 von ihnen lebten im Lager Mühlau. Wassili Konowal brachte die Fluchtversuche mit den Arbeitsbedingungen in Verbindung. „Es gab Menschen, die aus dem Lager geflohen sind, weil der Chef bei der Arbeit streng war oder sie geschlagen hat“, meinte er dazu.

Die Gründung des Dépôt de Transit No 2

Am 27. April 1945 wurde der zweiten „Cage d´Armée“ die Stadt Tuttlingen als permanenter Standort zugewiesen. Ab dem 28. April sollten alle Kriegsgefangenen, welche die französischen Einheiten dieser Armée machten, nach Tuttlingen dirigiert werden. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich in dieser Stadt ca. 6000 Kriegsgefangene, die vom Deutschen Roten Kreuz versorgt und von ehemaligen (vornehmlich französischen) Kriegsgefangenen bewacht wurden.

Die ehemaligen französischen Kriegsgefangenen jedoch konnten die Rückkehr nach Frankreich kaum erwarten, und die Anzahl der regulären französischen Soldaten, die zur Bewachung vorgesehen waren, wurde als nicht ausreichend angesehen, um die Wachablösung und die quer über ganze Stadt zu leistende Bewachung sicher zu stellen.

Polnische Männer, die in die Wehrmacht per Zwang inkorporiert worden waren, wurden im Lager als „P.M.“ (Police Militaire) beschäftigt. Es ist anzunehmen, dass es sich um „Volksdeutsche“ aus den von den  Nationalsozialisten annektierten westpolnischen Gebieten  handelte, die aufgrund ihrer positiven rassischen Beurteilung  als wehrfähige Männer in der Wehrmacht Dienst leisten mussten.

4-Haeftling Das „2. Bureau Service PG“ der französischen Armee rechnete außerdem mit weiteren Gefangenenkontingenten, die beim Vormarsch der Franzosen nach Lindau, Bregenz und weiter nach Österreich zu erwarten waren. Um der angekündigten großen Anzahl eintreffender Gefangener Herr zu werden, war für den amtierenden Kommandanten der „Cage“, Capitaine Rousseau das Sammeln der Gefangenen auf einem ausreichend großen Gelände naheliegend. Seine Wahl fiel auf ein großes Feld- und Wiesengrundstück an der Donau, an dessen östlicher Grenze sich das ehemalige NS-Zwangsarbeiterlager Mühlau befand.

 Im Süden begrenzte die Donau das Gelände, im Osten und Westen verliefen Eisenbahngleise in Richtung Sigmaringen bzw. Rottweil.

Zum Zwangsarbeiterlager gehörten Baracken, eine Küche und sanitäre Anlagen – freilich von Ungeziefer befallen. Nachdem die sowjetischen Zwangsarbeiter das Lager verlassen hatten, wurden die deutschen Kriegsgefangenen mit dem Bau beziehungsweise Ausbau des eigenen Lagers beauftragt. Zu den ersten Aufgaben gehörten das Einzäunen des Geländes mit Stacheldraht, die Installation einer Beleuchtung und die Versorgung mit Trinkwasser. Die Küche wurde in Gang gesetzt und eine Krankenstation eingerichtet. Eine zweite Stacheldrahtabsperrung sowie Wachtürme komplettierten später die Lagereinrichtung. Ab dem 30. April war die „Cage“ einsatzbereit und hatte am Nachmittag ihre normale Arbeit aufgenommen: „Sortieren“ der Gefangenen, Kontrolle, Informationsbeschaffung sowie die Erfassung der Einheiten.

Das Transitlager

Die Kriegsgefangenen wurden bei ihrer Ankunft im Lager nach bestimmten Kriterien „sortiert“. SS-Angehörige sollten herausgefiltert werden, die übrigen wurden eingeteilt in die Gruppen der Wehrmachtsoldaten mit Mannschaftsdienstgraden, in Unteroffiziere und Offiziere. Offiziere wurden in allen Gewahrsamsstaaten getrennt von den Unteroffizieren und Mannschaften untergebracht. Zudem durften sie gemäß Genfer Konvention nicht zum Arbeitseinsatz herangezogen werden; sie wurden häufig in reine Offiziersdépôts überstellt und dort gefangen gehalten.

Ob überhaupt und wie viele Offiziere über längere Zeit im Tuttlinger Lager waren, wissen wir nicht. Als „Transit-Gefangene“ wurden sie nur einmal erwähnt, als am 8. Mai 1945 – dem Tag der deutschen Kapitulation - sieben deutsche beziehungsweise ungarische Generäle von Tuttlingen nach Straßburg abtransportiert wurden. Unteroffiziere durften nach dem geltenden Kriegsvölkerrecht zumindest zu Aufsichtszwecken eingesetzt werden. Solche Tätigkeiten waren in einem Lager allerdings eher selten. So standen die 20 Kriegsgefangenen, die mit der „Cage“ nach Tuttlingen kamen, unter der Verantwortung eines Feldwebels. Dass ein Unteroffizier im Range eines Feldwebels das Kommando führte, war keine Seltenheit. Häufig avancierten diese zu Meinungsführern innerhalb der Lagerbelegschaft.

Da das Kriegsvölkerrecht außerdem eine Vermischung von Kriegsgefangenen unterschiedlicher Nationalität verbot, wurden die Männer nach ihrer Ankunft im Tuttlinger Lager nach Nationalitäten getrennt. Um ihre Identität nachweisen zu können, mussten die Gefangenen ihr Soldbuch vorlegen. Damit sollte verhindert werden, dass man sich als jemanden ausgeben konnte, der einen höheren Rang als den eines einfachen Soldaten innegehabt hatte, um so dem Arbeitseinsatz zu entgehen.

Gesucht wurde aber auch nach sonstigen Dokumenten und Fotos. Bei diesen kurzen Durchsuchungen war so bei einem Kriegsgefangenen ein kompromittierendes Foto gefunden worden, auf dem er neben dem Leichnam eines Kombattanten der Résistance zu sehen war, den er gerade getötet hatte.

Dieser Fund, so steht zu vermuten, zog für den Kriegsgefangenen polizeiliche Ermittlungen und Untersuchungshaft nach sich. Denn die Partisanenfrage bildete den Schwerpunkt der französischen Kriegsverbrecherprozesse in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Wer verdächtigt wurde, im Rahmen der Partisanenbekämpfung einen Kombattanten der militärischen Formation der Résistance getötet zu haben, wurde eines Kriegsverbrechens beschuldigt und musste sich vor Gericht verantworten.

Rund 60.000 Kriegsgefangene traten von Tuttlingen ihren Weg zur Zwangsarbeit in Frankreich an.

Jetzt entlang des Bahndamms, dann nach rechts in den Bereich des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers.
5-Plan

1942 ließ die Barackenlager Mühlau GmbH Holzbaracken errichten. Sie waren für Arbeiterinnen und Arbeiter bestimmt, die aus der damaligen Sowjetunion und aus Polen verschleppt worden waren. 660 sogenannte Ostarbeiterinnen und Ostarbeiter wohnten hierunter strenger Bewachung und bei schlechter Versorgung. Sie arbeiteten zwangsweise und unter unwürdigen Bedingungen in über 80 Tuttlinger Betrieben. Wie viele als Folge von Krankheiten oder Erschöpfung starben, ist nicht überliefert.

Der Bau des Lagers Mühlau

5-Paar Bald nach dem Kriegsausbruch setzte ein großes Bombardement (Flächenangriffe) der Großstädte und der Industrieanlagen im Ruhrgebiet ein. Deshalb wurden Kinder und nicht in der Industrie tätige Erwachsene evakuiert und in ländliche Regionen geschickt. Die Einwohnerzahl in Tuttlingen war von 18.010 im Mai 1939 auf 21.728 im März 1945 gestiegen. Durch diesen Bevölkerungsanstieg wurde der Wohnraum in Tuttlingen immer rarer.

Um die Wohnungsnot zu lindern, beschloss man, die als minderwertig angesehenen Ostarbeiter in einem Barackenlager unterzubringen – ganz so, wie es in den Ostarbeitererlassen vorgesehen war. Damit sollten die von Zwangsarbeitern belegten Unterkünfte in Gasthäusern frei werden.

Die ersten massenhaft deportierten Ostarbeiter trafen in Tuttlingen im Juni 1942 ein und schon im September erstellte die Abt. Rü (Rüstungsministerium) in Stuttgart Pläne für ein Barackenlager in der Flur Mühlau. Einen Teil des Baugrundes stellte die Stadt gegen eine Pacht zur Verfügung.

5-Portrait Der aus der Ukraine verschleppte Wassili Krakowetzki erinnerte sich 1998, dass er zunächst in der Kegelbahn des Deutschen Hofes schlief und vom Deutschen Hof auch verpflegt wurde. Auch der Ukrainer Michael Strok war zunächst im Gasthaus Falken und später im Lager untergebracht. Alle Interviewten waren mit der privaten Unterbringung zufriedener als mit der im Lager Mühlau.

Das Lager Mühlau war für 600 Zwangsarbeiter ausgelegt. Definitiv waren wohl zeitweise 660 Personen darin untergebracht. Im Lager Mühlau wohnten mit wenigen Ausnahmen so genannte Ostarbeiter, d. h. es waren Menschen, die aus der Sowjetunion und hier hauptsächlich aus der Ukraine stammten. Wenige Weißrussen und Polen fanden sich auch darunter.

Die Barackenlager GmbH

Zum Bau wurde die Barackenlager Mühlau GmbH gegründet, deren Geschäftsführer Fritz Scheerer, der Vorstand der Aktiengesellschaft für Feinmechanik vormals Jetter und Scheerer, war. Das Stammkapital, das von der AG für Feinmechanik und der Schuhfabrik Rieker gestellt wurde, betrug 200.000 RM, die AG war daran mit 140.000 RM und Rieker mit 60.000 RM beteiligt. Ein Vertragsformular im Stadtarchiv gibt Auskunft über die Struktur des Lagers. Vertragspartner konnten die Arbeitgeber werden, die sich bereit erklärten, die Ostarbeiter ihres Betriebes in dem Lager unterzubringen.

Es entstanden Kosten für die Erstellung und Einrichtung des Lagers. Die Einrichtungskosten umfassten Desinfektionsanlagen, Beleuchtung und Kücheneinrichtung. Zudem wurden Bettgestelle, Strohsäcke, Handtücher und Decken sowie Geschirr benötigt, für die der Arbeitgeber des aufgenommen Zwangsarbeiters aufkommen musste. Zusätzliche Kosten konnten zudem für die Entlausung anfallen. Die GmbH stellte im Gegenzug Wachleute. Der Vertrag ließ aber offen, dass gegebenenfalls, wenn die Bewachung nicht gesichert erschien, die Firmen zur Stellung von Wachleuten aufgefordert werden konnten.

Zurück zum Bahndamm zur früheren Rampe.
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Seit 1890 verläuft hier die Eisenbahnlinie in Richtung Donautal. Zu Zeiten des Dépôt de Transit befand sich hier die Ausladerampe, über die die Kriegsgefangenen ins Lager kamen. Für das Erinnerungs- und Freiheitszeichen wurde ganz bewusst diese Stelle gewählt. Madeleine Dietz möchte ein Signal für kommende Generation setzen und daran erinnern, dass Freiheit und Frieden nicht selbstverständlich sind.

Das Dépôt de Transit

Anfangs war das Lager ein so genanntes „Freilager“. Es bestand aus dem alten Zwangsarbeiterlager und einem Gelände, das aus weitläufigen Wiesen und Feldern bestand.

6-Depot

Während für die französische Kommandantur fünf Privathäuser in der dem Lagergelände benachbarten Straße „In Göhren“ beschlagnahmt wurden, mussten für das Lager zusätzliche Baracken gebaut werden. Es sollte eine Aufnahmekapazität zwischen 5.000 und 10.000 Mann haben.

Insgesamt entstanden Baracken, die in fünf Lagereinheiten unterschieden wurden.

Neben dem alten Lager, dem Zwangsarbeiterlager, gab es Lager für die Transitabfertigung der Kriegsgefangenen, es gab Lager für die Arbeitskommandos vor Ort und es gab einen Sicherheitstrakt für Kriegsgefangene, die durch Fluchtversuche aufgefallen waren. Es gab außerdem eine Krankenbaracke.

Nach einigen Metern rechts bis zum IKG, dann links in den Bereich der früheren Lagerkirche.
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1946 wurde an dieser Stelle auf Initiative des französischen Lagerkommandanten und nach Plänen des Lagerinsassen Georg Matt eine Kirche errichtet. Der Holzbau wurde mit einem steinernen Fußboden ausgestattet. Beim Transport der Kolbinger Platten verunglückte ein Kriegsgefangener tödlich. Die Kirche besaß ein Altarbild und einen Kreuzweg des Malers Carolus Vocke. 200 bis 250 Gottesdienstbesucher fanden Platz. Zunächst überkonfessionell angelegt, wurde sie 1952 der katholischen Kirchengemeinde übergeben. 1964 wurde die Kirche abgerissen.

Die Lagerkirche

Die Kirche wurde im Sommer 1946 erbaut, am 6. September selbigen Jahres wurde sie eingeweiht. Die Bauarbeiten sind von den Kriegsgefangenen selbst ausgeführt worden. Die Entwürfe für die Kirche lieferte der Architekt Matt, die Ausmalung besorgte Carolus Vocke. Bei den Bauarbeiten kam ein Kriegsgefangener ums Leben.

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Die Kirche war überkonfessionell angelegt und von zwei Kriegsgefangenen betreut. Der evangelische Pfarrer hieß Eugen Schofer, der katholische Wasmer. Schofer verfasste eine kleine Schrift. In dieser heißt es: „Die Kirche, in der katholische und evangelische Gottesdienste der Lagergemeinde stattfinden, will eine Brücke sein zwischen den Herzen und den Völkern.“ Die Kirche wurde von Kriegsgefangenen ausgestaltet. Besonders beeindruckend waren die Gemälde von Carolus Vocke.

Carolus Vocke (1899- 1979)

7-Vocke Carolus Vocke wurde als Karl Vocke am 23. Juni 1899 in Heilbronn geboren. Er besuchte die Karlsruher Kunstakademie als Schüler des Malers Walter Georgi, des Keramikers Carl Kornhas und des Bildhauers Georg Schreyögg. 1923 zog ihn der Akademieprofessor Hans Adolf Bühler als Meisterschüler 1923 zur Ausmalung des Karlsruher Rathaussaales heran.

Als 1939 ein Wettbewerb zur Ausmalung des neu von der Stadt angekauften Hecht-Gebäudes in Tuttlingen ausgeschrieben wurde, bewarb sich Vocke und erhielt gemeinsam mit dem Maler Schober den Zuschlag. Er schuf ein monumentales Wandgemälde, das den Titel „Symphonie der Technik“ trug.

Vocke kam zum zweiten Mal als Kriegsgefangener Ende des Zweiten Weltkriegs nach Tuttlingen- nämlich ins Lager Mühlau. Er fand als Maler rasch die Anerkennung der französischen Militärverwaltung und erhielt Gelegenheit, sein Können als Gestalter großer Wandbilder zu beweisen; zuerst beim Entwurf und bei der malerischen Ausführung der Altarwand in der Lagerkirche des Tuttlinger Entlassungslagers, dann bei der Ausmalung der Kuppel in der Gedächtnishalle auf dem Tuttlinger Friedhof. Er malte Fresken in zahlreichen Kirchen im Raum Bodensee, Hegau und Oberschwaben. Bekannt sind Wandbilder von Vocke aus den Jahren 1947 bis 1964 in Mühlhausen, in Lippertsreute, in Ravensburg, in Frankfurt, in Berlin, in Stuttgart, in Überlingen (Kirche), im Schloss Laszago (Nähe Como; Großer Gartensaal), in Beuron und in Meersburg (Café Droste).

Vocke fand viel Freundschaft und Anerkennung in Tuttlingen. Die lockere und duftige Atmosphäre seiner Landschaftsaquarelle und die treffsichere Hand bei Porträtaufträgen verschafften ihm viele Sympathien.

Carolus Vocke wandte sich nach mehrjährigem Aufenthalt in Tuttlingen nach Mannheim. Er übernahm dort die künstlerisch schwierige Aufgabe, die durch Bomben völlig zerstörten barocken Deckenfresken in der Mannheimer Residenz einfühlsam nachzuschaffen, und so restaurierte er auch mit großem Geschick und feinem Gespür das Rokoko Theater im Schwetzinger Schloss. 1979 starb er in Mannheim und wurde auf dem Friedhof Freudenheim bestattet. In Mannheim wurde eine Straße nach ihm benannt.

Zurück zum Bahndamm, durch die Unterführung zur Donau, dem Radweg folgen zum früheren Eckpunkt am Bahndamm.
8-Essen

„Ich habe immer Hunger gehabt“, sagte der ehemalige Zwangsarbeiter Wassili Krakowetzki. Dies war auch in späteren Jahren nicht anders: Alle Lagerinsassen - gleich ob Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Flüchtlinge oder Heimatvertriebe - schildern in ihren Erinnerungen die schlechten Lebensbedingungen im Lager. Beklagt werden vor allem Überfüllung, schlechtes Essen und verheerende hygienische Verhältnisse. Besonders lästig war eine Wanzenplage.

Lebensbedingungen im Zwangsarbeiterlager

8_Gefangene Nach eigenen Angaben arbeiteten die Verschleppten von Montag bis Freitag 12 Stunden in den Betrieben, bei einer Stunde Mittagspause, in der das Mittagessen gereicht wurde. Meist waren sie von 7 Uhr bis 19 Uhr beschäftigt. Am Wochenende gehen die Aussagen auseinander: Fraglich ist, ob samstags ganztags oder halbtags gearbeitet wurde, aber vielleicht variierte das auch von Betrieb zu Betrieb oder es richtete sich nach dem Arbeitsaufkommen.

Arbeitsschutzbedingungen galten nicht im gleichen Umfang wie bei deutschen Arbeitern. So wurden Ostarbeiterkinder ab 10 Jahren zur Arbeit herangezogen, ab vierzehn Jahren wurden sie wie Erwachsene eingesetzt, erhielten aber nur zwischen 25% und 90% der Löhne der Erwachsenen. Nach den Vorschriften für Ostarbeiterkinder durften diese im Alter von zwölf bis vierzehn Jahren lediglich vier Stunden leichte Tätigkeiten ausüben.

Der Großteil der Verschleppten war Landarbeiter, die die Gesetzmäßigkeiten einer Fabrik nicht kannten und auch nicht gewohnt waren, an Maschinen zu arbeiten. Dies drosselte die Produktivität. Das Verhältnis zum Meister war ausschlaggebend, ob das Arbeitsverhältnis von den Verschleppten als positiv oder negativ empfunden wurde. Erwähnt wird nicht nur psychische, sondern auch physische Gewalt.

Die Verpflegung im Zwangsarbeiterlager

Hunger war das Hauptthema aller Berichte von Zwangsarbeitern, wobei die Schilderungen sehr stark voneinander abweichen. Die Berichte der Arbeiterinnen und Arbeiter aus der Sowjetunion zeigen, dass deren Arbeits- und Lebensbedingungen erheblich schlechter waren als diejenigen der Westarbeiter.

Für das Essen im Lager Mühlau verantwortlich war der Wirt des Gasthauses „Blaues Träuble“ in der Gutenbergstraße 18, Albert Schumacher. Für die so genannte „Gemeinschaftsverspflegung“ waren von Albert Schumacher drei Personen aus der Sowjetunion als Hilfsköche (2 Männer, 1 Frau) beschäftigt.

Verpflegung im Dépôt de Transit

Die Versorgungssituation der Kriegsgefangenen in französischem Gewahrsam war bis in den Herbst 1946 hinein äußerst prekär. Die durchschnittliche Kalorienzahl in Lagern im französischen Mutterland lag sowohl 1945 als auch 1946 deutlich unter 2000.

8-Kessel

In der Dokumentation der Lagergeschichte von René Kretz ist von einer täglichen Kalorienzahl zwischen 1200 und 2400 die Rede. Anfangs wurde an jeden Gefangenen einmal am Tag Kartoffelsuppe ausgegeben. Die Ernährung der Massen war problematisch und stellte ein großes Problem dar. Dies galt insbesondere für den Monat Mai 1945. Die Suppenausgabe musste über den ganzen Tag verteilt werden, besonders an Tagen wie dem 11. Mai, als das Lager mit über 23.000 Mann belegt war.

Von Karl Heinz Mehler, der als 15-Jähriger als Kriegsgefangener nach Tuttlingen kam und dort das Kriegsende erlebte, wissen wir, dass alle Gefangenen an einer Verpflegungsstation vorbei auf eine Wiese geschleust wurden, um erst am Abend in das eigentliche Lager zurückzukehren. Die Verpflegung beschrieb er als „äußerst dürftig“. Seiner Erinnerung nach bestand sie aus etwa einem „halben Liter Rübenbrühe und dazu ein Stück Weißbrot“. Tagsüber hätten die Gefangenen auf der Wiese „Brennnesseln und Gänseblümchen“ gesammelt und diese als Salat gegessen. Dennoch lautete sein Fazit: „Wir mußten zwar hungern, aber am Verhungern war keiner.“

Es gelang dagegen offensichtlich sehr schnell, die Wasserversorgung sicherzustellen. Wie der erste Lagerarzt Dr. Erich Kratschmer erinnerte, wurde eine Leitung mit vier Zapfstellen auf dem Lagergelände verlegt. Hier versorgten sich die Gefangenen, die auf freiem Gelände waren, mit Trinkwasser.

Besser gestellt waren, was die Ernährung anging, diejenigen, die als Kriegsgefangene auf längere Zeit im Lager blieben, arbeitsfähig waren und außerhalb des Lagers zum Arbeitseinsatz geschickt wurden.

Ab dem 1. Januar 1946 konnten Kriegsgefangene auch bei zivilen Arbeitgebern, zum Beispiel in der Landwirtschaft, eingesetzt werden. In beiden Fällen bestand die Gelegenheit, sich zusätzlich Verpflegung zu beschaffen oder eine zusätzliche Ration gestellt zu bekommen. Dies galt nicht nur für Forstarbeiter, sondern ebenso für Kriegsgefangene, die in einem Arbeitskommando in Immendingen arbeiteten. Dort galt es, bei einer französischen Pioniereinheit Holzbretter am Bahnhof zu verladen und andere „ziemlich stupiden Arbeiten“ zu verrichten.

Wie der Kriegsgefangene Klinghardt im Oktober 1945 seiner Frau schrieb, war die Verpflegung aber deutlich besser als im Lager Schömberg (Balingen) in dem er vor Tuttlingen gewesen war. Die Lagersuppen – abwechselnd Kartoffel-, Graupen- oder Nudelsuppe – hätten deutlich mehr Fleischanteil, zudem gebe es täglich ein Pfund Brot für die arbeitenden Kriegsgefangenen. Gab es abends keine Suppe, dann bekamen die Gefangenen „60 g anständigen Käse, Butter oder Marmelade“, was „alles schöne Genüsse“ seien. Sein Außenkommando in Immendingen bekam außerdem von der örtlichen Kirchengemeinde zusätzliche Verpflegung – „Gemüsesuppe, Kartoffelsalat, Kohlgemüse, Pellkartoffeln, etwas Brot“. Sie seien „immer köstlich satt“, berichtete er nach Hause.

Dem Bahndamm westlich folgen, dann durch die Bahnunterführung in den Bereich des früheren Ausländerlagers.
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Nach Kriegsende blieben zahlreiche Menschen, die zuvor verschleppt oder inhaftiert worden oder teils auch freiwillig gekommen waren, in Deutschland. Aus den verschiedensten Gründen war ihnen die Rückkehr in die Heimat nicht möglich. Sie wurden als „Displaced Persons“, also heimatlose Personen, bezeichnet und in Lagern untergebracht. Als solches wurde von 1949 bis 1955 auch ein Teil des Lagers Mühlau genutzt. Dafür wurde ein Bereich durch einen Drahtzaun von den anderen Baracken getrennt. Zehntausende „Displaced Persons“ wurden während dieser sechs Jahre durch das Lager geschleust.


Displaced Persons in den Nachkriegsjahren: Menschliches „Treibgut“ des Weltkriegs

Im Lager Mühlau wurden von 1949 bis 1955 Zehntausende Displaced Persons – Menschen, die der Zweite Weltkrieg heimatlos gemacht hatte und die von Lager zu Lager, von einer vorübergehenden Bleibe zur anderen zogen, durch das Lager Mühlau als Durchgangslager geschleust. Mehrere tausend Displaced Persons erhielten für einen längeren Zeitraum, für Monate oder gar Jahre, eine Aufenthaltsmöglichkeit in diesem Lager. Einige der Displaced Persons, die länger im Lager Mühlau weilten, fanden in und um Tuttlingen Arbeitsmöglichkeiten, ihre Kinder gingen hier zur Schule.

Das „Ausländerlager“ in der Mühlau in Tuttlingen wie auch das Lager Mühlau insgesamt stellt ein wichtiges Stück der lokalen und regionalen Zeitgeschichte dar. Das Lager Mühlau und das Schicksal der hier untergebrachten Menschen spiegeln die schlimmen Folgen der verheerenden Nazi-Herrschaft und eines furchtbaren Krieges wider.

Der von den Alliierten geprägte Begriff Displaced Persons bezeichnet Zivilpersonen, die sich kriegsbedingt außerhalb ihres Heimatstaats aufhielten und ohne Hilfe nicht zurückkehren konnten. Zu diesen heimatlosen Personen gehörten Zwangsarbeiter, die während des Kriegs in deutschen Betrieben gearbeitet hatten, ehemalige KZ-Häftlinge und ehemalige Kriegsgefangene ebenso wie Osteuropäer, die 1944/45 vor der sowjetischen Armee geflüchtet oder nach Kriegsende dem kommunistisch gewordenen Machtbereich entflohen waren. Die Displaced Persons hatten durch Krieg und Zwangsverschleppung ihre Heimat verloren, waren entwurzelt oder wollten nicht zurückkehren, weil ihre Heimat von den Sowjets besetzt und kommunistisch regiert war, oder auch, weil manche von ihnen während des Kriegs mit den Deutschen zusammengearbeitet hatten.

Mit der Befreiung durch die Alliierten eröffnete sich für die Zwangsverschleppten die Chance zur Rückkehr in ihre Heimatländer. Die Mehrheit machte auch von dieser Möglichkeit Gebrauch. Vor allem bei den Staatsangehörigen der westlichen Allierten stellte die Rückführung in ihre Heimatländer, die sogenannte Repatriierung, kein großes Problem dar. Gleiches galt für die ehemaligen Fremdarbeiter aus West-, Nord- und Südeuropa.

Anders sah es hingegen mit den aus Osteuropa stammenden Displaced Persons aus. In den westlichen Besatzungszonen zurück blieben vor allem Menschen aus dem Baltikum, aus Polen und aus der Westukraine, die aus politischen Gründen eine Rückkehr in ihre von der Sowjetunion annektierten oder unter sowjetischen Einfluss geratenen Heimatländer ablehnten.

9-Lager_50er-Jahre

Die Besatzungsmächte brachten den größten Teil der in Westdeutschland verbliebenen Displaced Persons in Sammellagern unter, wo sie von der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) bzw. ab 1947 von der Nachfolgeorganisation IRO (International Refugee Organization) betreut wurden. Im Zeitraum vom Mai 1945 bis Anfang des Jahres 1946 lebten laut dem 1949 verfassten Rechenschaftsbericht des französischen Kreisgouverneurs Jean Lucien Estrade 1.500 Displaced Persons im Kreis Tuttlingen und erhielten Unterstützung:

Eine „ungefähr zehn Mal so große Anzahl“ wurde laut Estrade in dieser Zeit durch den Kreis durchgeschleust. Die Repatriierungskommission des Kreises Tuttlingen nahm in dieser Phase die Repatriierung von mehr als 1.000 Franzosen, 700 Griechen und 400 Holländern vor. Im November 1946 befanden sich insgesamt 460 Displaced Persons im Kreis Tuttlingen.

Schließung des Lagers

Seit dem Jahre 1954 drängten die Landesbehörden und die Landkreisverwaltung auf eine Schließung des Ausländerlagers Mühlau. Der Tuttlinger Landrat Dr. Geiger schrieb im November 1954 folgenden Aktenvermerk: „Auf Grund des schlechten baulichen Zustands des Lagers Mühlau und vor allem um den Insassen ein weiteres Lagerleben zu ersparen, hat das Regierungspräsidium die Auflösung des Ausländerlagers und die Unterbringung der Lagerinsassen in Wohnraum im Regierungsbezirk Südwürttemberg-Hohenzollern beschlossen.“

Bereits seit dem Frühjahr 1954 hatte die Landkreisverwaltung vermehrt Displaced Persons wieder in privaten Gebäuden außerhalb des Lagers Mühlau untergebracht.

Am 7. November 1955 wurde das Lager Mühlau offiziell aufgelöst. „Bis zu diesem Tage sind alle früheren Lagerbewohner innerhalb des Regierungsbezirks Südwürttemberg-Hohenzollern in privatem Wohnraum untergebracht worden“, stellte das Landratsamt in einem Schreiben vom 18. Januar 1956 fest.

Zurück zum Ausgangspunkt durch Straßenunterführung dann In Göhren.
Cover_Muehlau-Buch

Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Flüchtlinge -  die Menschen, die zwischen 1942 und 1955 im Lager Mühlau lebten, kamen aus den unterschiedlichsten Gründen nach Tuttlingen. Ein von der Stadt Tuttlingen herausgegebenes Buch zeichnet die facettenreiche Geschichte des Lagers nach.

Auf 216 reich bebilderten Seiten wird die Geschichte des Lagers dargestellt, auch zahlreiche Originaldokumente sind abgedruckt. Gegliedert ist das Buch in vier Abschnitte:
  • Gunda Woll beschreibt die Geschichte des Zwangsarbeiterlager
  • Astrid Gehrig hat die Zeit des Kriegsgefangenlagers nachgezeichnet
  • Daniel Stehle hat Zeitzeugengespräche ausgewertet
  • Hans-Joachim Schuster berichtet über das Lager für Displaced Persons
Das Buch kann beim Museum erworben werden.