"Zum Nationalsozialismus in Tuttlingen"

Biografien von Opfern und Tätern


Mit der NS-Zeit in Tuttlingen befasst sich die Ausstellung „Zum Nationalsozialismus in Tuttlingen“. Sie wurde am Freitag, 22. November 2019, durch Oberbürgermeister Michael Beck eröffnet. Die Schau ist bis 5. April 2020 im Hugo-Geißler-Saal des Fruchtkastens zu sehen und kann samstags, sonntags, dienstags und donnerstags von 14 bis 17 Uhr besichtigt werden.

Als 1933 die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, gab es in Tuttlingen einen demokratisch gewählten Gemeinderat mit einem von den Einwohnern Tuttlingens gewählten Oberbürgermeister als Vorsitzenden. Der Gemeinderat bestand seit 1932 aus 24 Mitgliedern, die sich auf fünf Gruppierungen bzw. Parteien verteilten. Die „Wirtschaftliche Vereinigung der bürgerlichen Berufsstände“ war die größte Fraktion und hatte zehn Sitze, die SPD neun, das Zentrum zwei, die KPD einen Sitz. Seit 1932 war die NSDAP mit zwei Sitzen im Gemeinderat vertreten.
 
Die Machtübernahme auf lokaler Ebene ging dann Schlag auf Schlag: Bereits in der Märzsitzung fehlten die SPD-Mitglieder und der KPD-Mann, von denen die meisten verhaftet und im KZ Heuberg inhaftiert waren. Der parteilose Oberbürgermeister Paul Scherer bekannte sich zur neuen Reichs- und Landesregierung, obwohl er kein NSDAP-Mitglied war und bis zum Ende seiner Amtszeit im Jahr 1938 auch nicht in die Partei eintrat. Erstaunlich ist, dass er nicht umgehend seines Amtes enthoben wurde, wie es in vielen anderen Städten geschah. Der seit 1908 amtierende Oberbürgermeister wurde freilich zur Marionette der NSDAP und des Kreisleiters Huber, der am 9. Mai 1933 auch in den Gemeinderat einzog. Er musste freilich einiges aushalten, wurde gemobbt und schikaniert.
 
Nach der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes im März 1933 wurde der Gemeinderat aufgelöst und eine neue Zusammensetzung bestimmt, deren Sitzverteilung sich an dem Ergebnis der Reichstagswahl vom März 1933 orientieren sollte. Elf Mandate beanspruchte die NSDAP für sich, sechs Vertreter der SPD wurden bestimmt, traten ihre Mandate aber nicht an. Mit dem Schlossermeister Friedrich Schosser und dem ehemaligen Gewerkschaftssekretär Johann Hautli waren bis 1935 noch zwei Vertreter des Zentrums im Gemeinderat. Außerdem war die Kampffront Schwarz-Weiß-Rot mit einem Sitz vertreten.
 
Die beiden Zentrumspolitiker waren bis zur nächsten Umbesetzung 1935 im Gemeinderat vertreten, hatten allerdings keinen Sitz in den Ausschüssen. In den Sitzungen herrschte das Führerprinzip vor, es wurde zwar diskutiert, was aber gemacht wurde, bestimmte die Partei. Das Schicksal der beiden Zentrum-Vertreter zeigt den Umgang mit Andersdenkenden. Johannes Hautli war Gewerkschaftssekretär einer aufgelösten Gewerkschaft. Er fand einen Hilfsjob bei den Stadtwerken und wurde dort entlassen, nachdem er sich geweigert hatte, ein Abzeichen des Winterhilfswerks zu kaufen. Friedrich Schosser wurde 1935 in die Psychiatrie eingeliefert, wo er 1940 starb.

Diese beiden Stadträte standen ebenso wie alle, die sich nicht zur NSDAP bekannten, außerhalb der propagierten Volksgemeinschaft, die durch Rituale wie Massenaufmärsche, Fackelzüge, die propagandistisch aufgezogenen Straßensammlungen für das Winterhilfswerk, der Eintopfsonntag, eine konsequente nationalsozialistische Erziehung oder die Ehrung der Mutter beförderten wurde.
 
Die Ausstellung stellt das Schicksal und die Biografien vieler Akteuren vor. Neben dem Kreisleiter Gottlieb Huber und dem SA-Mann Eugen Renninger werden auch Personen vorgestellt, die aus der NSDAP Tuttlingen hervorgingen. Dazu gehören der Reichsamtleiter Ernst Huber, der Gestapo-Chef aus Mühlhausen i. E. Hermann Scheuring oder der KZ-Wächter Erwin Stengelin. Viele Lebensläufe weisen Widersprüche auf, wie der des Chiron-Chefs Otto Stäbler oder der von Aesculap-Direktor Hans Scheerer.