Verleihung des Kulturpreises an Marlis Petersen im kleinen Burghof der Honburg - 1. Juli 2016


Meine sehr geehrten Damen und Herren,
 
genau eine Woche vor der Eröffnung des Honberg-Sommers darf ich Sie zu einer ganz besonderen Kulturveranstaltung auf dem Honberg begrüßen – der Verleihung des Kulturpreises der Stadt Tuttlingen an Marlis Petersen.
 
Eingestimmt wurden wir von Stephan Matthias Lademann am Klavier und dem Tenor Matthias Klink – zwei langjährige Musikerfreunde von Marlis Petersen. Bewusst hatten wir auf die Nennung im Programm verzichtet – schließlich sollte es eine Überraschung für Marlis Petersen sein, ich hoffe, sie ist uns gelungen. Und ich gebe zu: Es war nicht ganz einfach, an Marlis Petersen vorbei eine Überraschung zu organisieren. Schließlich ist sie Perfektionistin und überlässt Dinge nur sehr ungern dem Zufall – für meine Mitarbeiterin Frau Terlinden war die Vorbereitung dieser Veranstaltung also ein ausgesprochen spannendes Projekt.
 
Ich freue mich, heute in dieser besonderen Atmosphäre so viele Gäste begrüßen zu dürfen: Mein besonderer Gruß gilt den politischen Vertretern der Stadt – den zahlreichen anwesenden Vertretern des Gemeinderates, die beschlossen haben, Marlis Petersen mit dem Kulturpreis auszuzeichnen. Begrüßen darf ich außerdem den Landtagsabgeordneten Lars Patrick Berg.
Ein herzliches Willkommen gilt auch meinem Vorgänger im Amt des Oberbürgermeisters, unserem Ehrengeschenkträger Heinz-Jürgen Koloczek sowie seiner Frau Hiltrud.
 
Nahezu vollständig vertreten sind unsere bisherigen Kulturpreisträger. Ich begrüße
  • Udo Braitsch
  • Helmut Brand
  • Günter Hermann
  • Christof „Stiefel“ Manz
  • Roland Martin
und ganz besonders Siegfried Burger, der ja zu den frühen Mentoren von Marlis Petersen zählt
 
Als Vertreter der Kirchen darf ich
 
Dekan Matthias Koschar von der katholischen Kirche
und Ute Gebert von der evangelischen Kirche
bei uns willkommen heißen.
 
Wenn eine erfolgreiche Musikerin in der Stadt geehrt wird, in der sie aufwuchs und ihre Jugend verbracht hat, wird so eine Veranstaltung nahezu automatisch zu einem Familien-, Klassen- und Ehemaligentreffen. Ich begrüße daher herzlich
 
ihre Mutter Marion Petersen – ihr Vater Werner Petersen kann leider aus gesundheitlichen Gründen nicht bei uns sein – ein Gruß an ihn aber auch an dieser Stelle
frühere Musiklehrer von Marlis Petersen, stellvertretend ihr Klavierlehrer Horst Weiss
ihre einstigen Kollegen von der Band „Square“
Freunde und Studienkollegen
und zahlreiche ihrer früheren Klassenkameradinnen und Klassenkameraden vom Abi-Jahrgang 1987 des IKG
 
Ganz besonders aber begrüße ich den Stargast unseres heutigen Abends: Marlis Petersen. Herzlich willkommen, zu Hause  in Tuttlingen.
 
Meine Damen und Herren,
 
es gibt mehrere Stichworte, Namen und Begriffe für die Tuttlingen weit über die Region, ja sogar weit über Deutschland bekannt ist.
 
Man kennt das Weltzentrum der Medizintechnik, seine Produkte und die verschiedenen Unternehmen.
 
Spätestens seit diesem Wochenende ist auch das Southside-Festival weit über die Zielgruppe hinaus bekannt.
 
Und man kennt die eine oder herausragende Persönlichkeit, die aus Tuttlingen stammt oder hier wichtige Jahre ihres Lebens verbracht hat.
 
Eine solche Persönlichkeit ehren wir heute.
 
„Sängerin des Jahres“ – diesen Titel vergeben Opernkritiker im Auftrag der Zeitschrift „Opernwelt“ seit über 20 Jahren. Nur einer Sängerin gelang es, diesen Titel bereits drei mal zu erringen: Es war Marlis Petersen.
 
Diese außergewöhnliche Würdigung unterstreicht ihre Bedeutung auf den Bühnen Deutschlands.
 
Ihr internationales Renommee wird durch ein anderes Detail deutlich: In der Fotogalerie der Metropolitan Opera in New York, der „Met“, einem der wichtigsten wenn nicht gar dem wichtigsten Opernhaus der Welt, hängt ihr Portrait gleichrangig mit Legenden wie Enrico Caruso, Luciano Pavarotti, Placido Domingo und Maria Callas.
 
Und der Weg, der Marlis Petersen in die „Met“, aber auch in die Wiener Staatsoper oder die Staatsoper in Berlin, führte, begann in Tuttlingen.
 
Man muss natürlich genau sein. Geboren wurde Marlis Petersen nicht in unserer Stadt. Dies war in Sindelfingen. Aber bereits im Alter von drei Jahren zog die Familie an die Donau – ihr Vater nahm eine Stelle als Betriebstechniker im Klinikum an. In Tuttlingen verbrachte Marlis Petersen also ihre Kindheit und Jugend, hier ging sie in die Schule – und hier entdeckte sie auch ihre Liebe zur Musik. Und andere entdeckten das besondere Talent, mit dem sie gesegnet ist.
 
Schon früh spielte sie mehrere Instrumente. Klavier lernte sie bei Horst Weiß, Querflöte bei Heinz Imrich -  beides Lehrer an der Musikschule der Stadt Tuttlingen. Marlis Petersen ist somit – dies sei nebenbei erwähnt – ein eindrucksvolles Beispiel, welche Talente an unserer Schule gefördert werden. Und wenn es je noch eines Beweises für den Sinn und die Notwendigkeit der kommunalen Musikschularbeit bedurft hätte: Er sitzt heute Abend in der ersten Reihe.
 
Parallel zur Ausbildung an der Musikschule sang Marlis Petersen im Kirchenchor – und hier hatte sie das besondere Glück, einen guten Mentor zu finden, ein Mensch, der ein besonderes Gespür für außergewöhnliche Talente hat und den ich an dieser Stelle nochmals besonders begrüßen darf: Unseren Kulturpreisträger Siegfried Burger. Er entdeckte schon bald, dass Marlis Petersen mehr ist als eine normale Sängerin: Er übertrug ihr Solorollen – die erste war in der Schubert-Messe, später kam die Jubelmesse von Weber. Er förderte sie und ermutigte sie auch, die Musik zum Beruf zu machen – ein guter Rat, wie man heute sieht.
 
Die außergewöhnliche Karriere von Marlis Petersen – auch dies sei hier erwähnt - ist im Übrigen nicht die einzige, die von Siegfried Burger mit befördert wurde: Die Mezzosopranistin Doris Soffel ist ebenso eine frühere Burger-Schülerin wie die heute in Freiburg unterrichtende Gesangsprofessorin Dorothea Wirtz.
 
Doch zurück zu Marlis Petersen.  Dass sie gute Lehrer hatte, war ein wichtiger Faktor für ihren späteren Erfolg. Doch es kamen weitere hinzu.
 
Marlis Petersen fand in Tuttlingen viele Jugendliche, die ihre Leidenschaft für die Musik teilten, die mit dem gleichen Eifer und der gleichen Ernsthaftigkeit musizierten. Anfangs sei Marlis Petersen auch nicht einmal so extrem aufgefallen, berichtet einer – in ihrer Jahrgangsstufe am IKG habe es einfach sehr viele gute und begeisterte Musiker gegeben. Junge Musiker, die begeistert zusammen musizierten, Ensembles bildeten – darunter auch die Band „Square“, die heute nahezu in der kompletten Originalbesetzung anwesend ist und eine seltene Reunion feiern kann.
 
Zum musikalischen Freundeskreis kam ein Elternhaus, das den musikalischen Ambitionen der Tochter gegenüber nicht nur aufgeschlossen war, sondern sie sogar unterstützte. Dies war zwar nicht ganz von Beginn an so – den Eltern schien eine Musikerkarriere zunächst zu unsicher. Mit dem Ziel, Musik auf Lehramt zu studieren, waren sie dann aber sehr einverstanden und förderten dies nach Kräften. Aus dem Lehramt wurde dann zwar nichts – aber in bin sicher: Mit der Karriere der Weltklassesopranistin haben sie sich dann doch auch arrangieren können. 
 
Das persönliche Umfeld während ihrer  Tuttlinger Jugendzeit wirkte befruchtend auf die Fähigkeiten, die Marlis Petersen von Haus aus mitbrachte: Ein außergewöhnliches Maß an Durchsetzungskraft – und vielfältige Begabung – sowohl als Sängerin und Pianistin, aber auch als Sportlerin, die mit einer außergewöhnlichen Körperbeherrschung gesegnet ist.
 
Der Weg zur hauptberuflichen Musikerin begann dann mit dem Studium an der Stuttgarter Musikhochschule. Schon nach nur einem Vorspiel erhielt sie ihren Studienplatz – wie mit den Eltern vereinbart wurde es Schulmusik mit Hauptfach Klavier sowie Gesang. Dazu kam eine Jazz- und Steptanzausbildung an der New York City Dance School, ebenfalls in Stuttgart. Und bereits wenige Jahre nach dem Abitur ging Marlis Petersen dann doch nicht zurück an ein Gymnasium sondern trat ihr erstes festes Engagement an: Als Sopranistin an den Städtischen Bühnen Nürnberg.
 
Von  nun an baute Marlis Petersen ihre Karriere systematisch auf. Von 1998 bis 2003 war sie festes Ensemblemitglied der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf und Duisburg, erarbeitete sich das klassische Repertoire, sang in Mozart-Opern ebenso wie im Rosenkavalier und im Freischütz. Und 2002 übernahm sie erstmals die Rolle, mit der sie weltberühmt wurde: Die Lulu aus der gleichnamigen Oper von Alban Berg.
 
Als „Idealfall“ für diese Rolle nannte sie erst jüngst die Süddeutsche Zeitung – und wenn wir Marlis Petersen heute so entspannt vor uns in den Stuhlreihen des Honbergs sehen, müssen wir doch etwas schmunzeln in Anbetracht der Attribute, mit denen ihre Paraderolle so gerne belegt wird: Dem männermordenden Gift, der süßen Versuchung, der tödlichen Kindfrau, dem Verhängnis - dem Inbegriff der femme fatale schlechthin.
 
Auf der Bühne hat Marlis Petersen diese Rolle aber perfekt verkörpert. Und hier zeigte sich, dass zu ihrer musikalischen Begabung und auch hohes Schauspielerisches Talent kommt. Sie lebte diese Rolle, sie verschmolz mit ihr - und mit der gleichen Kraft, mit der die Lulu bei Alban Berg die Männer in ihren Bann zieht, elektrisierte sie das Publikum. „Die ganze Welt will Marlis Petersen in dieser Rolle sehen“, sagte der Publizist Harald Eggebrecht. Zwischen 2002 und 2015 spielte sie in zehn verschiedenen Inszenierungen die Lulu – unter anderem in Wien, Hamburg, Chicago, New York und Athen.
 
Allein auf diese Rolle will sie sich aber dennoch nicht festlegen – sie will eben nicht nur „die ewige Lulu“ sein. Denn ihr Repertoire ist weitaus breiter aufgestellt. Es reicht vom Barock über die Klassik bis zur zeitgenössischen Musik, sie ist sowohl als Opern- als auch als Liedsängerin erfolgreich. Hin zu Liederabenden hat sie ihren Schwerpunkt nun auch stärker gesetzt, erst letzte Woche hatte sie einen gefeierten Auftritt bei der Schubertiade in Schwarzenberg. Und seit diesem Jahr gönnt sich Marlis Petersen auch mehr Phasen abseits der großen Opernhäuser. Denn wer wie sie über vier Jahre im Voraus ausgebucht ist, läuft Gefahr, zu verbrennen, wenn man jedes Angebot annimmt.
 
Doch Marlis Petersen weiß, wie man auch im aufreibenden internationalen Konzertbetrieb das Leben genießen kann. Sie bezeichnet sich selbst als „Lichtmensch“, liebt Kreuzfahrten, als Wohnort hat sie Athen gewählt – relativ spontan vor wenigen Jahren. Nachdem ihr das Grau des Berliner Winters auf die Seele geschlagen hatte.   
 
Seit Jahren spielt sich ihr Leben auf verschiedenen Kontinenten ab. Den Bezug zu Tuttlingen hat sie aber nie verloren. Regelmäßig besucht sie ihre Eltern – und natürlich pflegt sie auch weiterhin viele Kontakte mit Freundinnen und Freunden aus der Jugend. Die engen Bindungen, die auch durch die Musik entstanden sind, funktionieren bis heute.
 
Und bei ihren Besuchen in Tuttlingen kann man auch erleben, dass der Weltstar Petersen ohne Starallüren auskommt. Natürlich und bescheiden tritt sie auf – und mit etwas Glück steht man plötzlich neben ihr beim Kaffeetrinken bei  „Stiefel“. Dass Marlis Petersen auf dem Boden geblieben ist, hört man auch: Den warmen schwäbischen Einschlag in ihrer Sprachmelodie hat sie auch in Wien, Hamburg und Berlin nie ganz abgelegt.
 
Daher freuen wir uns auch immer besonders, wenn wir Marlis Petersen ab und an in der Stadthalle erleben können. Dass diese Momente selten sind, wird jeder verstehen – umso wertvoller sind sie. Und gerne lade ich Sie heute dazu ein, bald wieder auf der Bühne unserer Stadthalle aufzutreten. 
 
Meine Damen und Herren,
 
Tuttlingen ist stolz auf Marlis Petersen. Wir freuen uns mit ihr und für sie über ihre Erfolge – und wir freuen uns, dass der Keim dazu in Tuttlingen gelegt wurde. In einem Umfeld, in dem alles zusammen kam, damit sich ein solches Ausnahmetalent entfalten konnte.
 
Marlis Petersen ist die musikalische Botschafterin unserer Stadt schlechthin. Mit ihren Auftritten auf den Bühnen der Welt trägt sie auch den Namen Tuttlingens mit. Und umgekehrt sind ihre Erfolge auch für manchen Tuttlinger ein Ansporn gewesen, sich mit Opern zu befassen, die ihm bis dahin fremd waren und es vermutlich auch geblieben wären. Auf diese Weise wirkt sie also in verschiedene Richtungen als Kulturbotschafterin.
 
Einstimmig hat der Gemeinderat der Stadt Tuttlingen daher beschlossen, Marlis Petersen mit dem Kulturpreis der Stadt Tuttlingen zu ehren.
 
Die Urkunde trägt den folgenden Text:
 
„Kunst und Kultur sind unverzichtbare Bestandteile unseres Lebens. Eine Gesellschaft lebt von künstlerischer Reflexion, von den Anstößen und Diskussionsbeiträgen ihrer Kulturschaffenden. Die Stadt Tuttlingen fördert die Kultur und zeichnet besondere Leistungen aus.
 
In Anerkennung ihrer Verdienste würdigt die Stadt Tuttlingen Marlis Petersen
mit dem Kulturpreis.
 
Tuttlingen, den 1. Juli 2016 - Michael Beck
Oberbürgermeister“
 
Der eigentliche Kulturpreis ist ein Kunstwerk, in diesem Falle eine Arbeit von Hans-Uwe Hähn, dem Leiter der Jugendkunstschule. Ich bin sicher, dass es in Athen einen schönen Platz finden wird.