Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Flüchtlinge – Neues Buch stellt Geschichte des Lagers Mühlau dar


Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Flüchtlinge -  die Menschen, die zwischen 1942 und 1955 im Lager Mühlau lebten, kamen aus den unterschiedlichsten Gründen nach Tuttlingen. Ein von der Stadt Tuttlingen herausgegebenes Buch zeichnet jetzt die facettenreiche Geschichte des Lagers nach. Am Freitag wurde es vorgestellt.

Im allgemeinen Bewusstsein war es vor allem das Kriegsgefangenlager, das „Depot de transit No. 2“. Rund 400 000 deutsche Soldaten durchliefen in den Jahren 1945 bis 1948 das Lager, kamen von hier aus für längere Zeit in Kriegsgefangenschaft oder erhielten ihre Entlasspapiere. Die Zeit davor und danach war vielen Tuttlingern nicht mehr bewusst.

Mit dem Gedenkpfad und dem begleitenden Buch wurden diese Lücken nun geschlossen. „Die Geschichte des Lagers hat viele Aspekte, die bisher den meisten nicht bekannt waren“, sagte OB Michael Beck bei der Vorstellung des Buchs am Freitag, bevor die vier Autoren über ihre Arbeit berichteten.

Auf 216 reich bebilderten Seiten wird die Geschichte des Lagers nachgezeichnet, auch zahlreiche Originaldokumente sind abgedruckt. Museumsleiterin Gunda Woll beschreibt die Zeit des Zwangsarbeiterlagers von 1942 bis 1945. Dabei konnte sie auf Zeitzeugengespräche zurückgreifen, die sie bereits 1995 geführt hatte, als die Stadt Tuttlingen ehemalige Zwangsarbeiter aus der früheren Sowjetunion eingeladen hatte.  Zahlreiche Quellen aus französischen Archiven hat Dr. Astrid Gehrig ausgewertet.  Viele davon waren erst jetzt zugänglich, weil sie bisher unter  Verschluss waren. Außerdem konnte sie auf die privaten Aufzeichnungen des Lagerkommandaten René  Kretz zurückgreifen, deren Nachfahren die Unterlagen zur Verfügung stellten.

Persönliche Erinnerungen bringt der Text von Daniel Stehle ins Spiel. Er hat zahlreiche Zeitzeugen befragt – die unter anderem von abenteuerlichen Fluchtversuchen zu berichten wussten. Kreisarchivar Dr. Hans-Joachim Schuster wiederum hat die letzten Jahre des Lagers beleuchtet: Die Zeit, in der in der Mühlau Flüchtlinge und „Displaced Persons“ untergebracht waren – Menschen, deren abenteuerliche Irrwege durch Europa auch durch Tuttlingen geführt hatten.

Das auffälligste Gebäude des Lagers war die 1946 gebaute Lagerkirche. Ihr widmete am Freitag Dekan Matthias Koschar einen Kurzvortrag.  Für 250 Personen war die innerhalb weniger Wochen errichtete Kirche ausgelegt. Der Künstler Carolus Vocke hatte sie künstlerisch ausgestaltet, und im Gegensatz zur 1964 abgerissenen Kirche ist ein Teil dieser Arbeiten erhalten – unter anderem der heutige Tabernakel von St. Gallus. „Auf diese Weise“, so Koschar, „ist die Lagerkirche bis heute im Herzen von St. Gallus präsent.“

INFO:
Das Buch wird über das Museum im Fruchtkasten kostenlos abgegeben. Ab Mittwoch, 14. Mai, ist im Fruchtkasten auch eine Ausstellung über das Lager Mühlau zu sehen.

Bildunterschrift:
Stellten das Lager Mühlau-Buch vor:  Daniel Stehle, Dr. Hans-Joachim Schuster, Gunda Woll, Dr. Astrid Gehrig, Dekan Matthias Koschar, OB Michael Beck.