Interimsprojekt hinter verschlossenen Türen – „Wertpapier“-Serie von Anja Luithle in der Galerie


Die Galerie der Stadt ist aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie geschlossen. Die Stadt hat sich jedoch entschlossen, die Toiletten im Haus für Besucher der Innenstadt zu öffnen und so den verschärften Hygienevorschriften Rechnung zu tragen. Damit die Bürger bei ihrem „Besuch“ nicht auf leere Ausstellungswände blicken müssen, hat sich die Künstlerin Anja Luithle bereitgefunden, die Galerie vom 8. Dezember bis 8. Januar mit einer thematisch passenden Werkserie mit dem Titel „Wertpapiere“ auszustatten.

Werk aus der Wertpapier-Serie von Anja Luithle
 
Ihren Ursprung hat die Werkserie schon im Jahr 2010, lange vor Corona, doch hat sie nicht zuletzt dadurch in jüngster Zeit überregionale Aufmerksamkeit erfahren. Die Frage nach dem Wert der Kunst in unserer ökonomisch geprägten Gesellschaft wird in diesem Werkkomplex sehr grundsätzlich aufgeworfen. Für die „Wertpapiere“-Serie verwendet die Künstlerin Anja Luithle (geboren 1968, lebt in Wendlingen) unterschiedlichste Toilettenpapiere verschiedener Herkunft aus aller Herren Länder. Indem sie mit einem Handruckverfahren bedruckt sind, erhält die reine Zweckmäßigkeit des Papiers einen ideellen künstlerischen Wert. Die ist zum einen eine Anspielung, dass auch Kunst dem Marktgeschehen unterworfen ist und ihr wirtschaftlicher Wert aus dem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Zum anderen bemisst sich aber der ideelle Wert von Kunst nicht am Materiellen, sondern im Bereich des Gedanklichen sowie Gestalterischen, das ebenso einem menschlichen Grundbedürfnis entspringt. Die mit der „Wertpapier“-Serie verbundene ironische Frage zur Relevanz der Investition in die Kunst ist somit eine rein rhetorische. Wie im richtigen Aktiengeschäft trägt eine Investition in die Kunst gerade oft in der Langfristigkeit ihre nicht absehbaren Früchte.
 
Die Gefahr der Ansteckung bringt unsere ganze Gesellschaft in Not und zwingt in vielerlei Hinsicht, neue und ungewohnte Wege zu gehen. Wenn das öffentliche Leben in großen Teilen eingedämmt ist und Kultureinrichtungen als notwendigen Beitrag zum Schutze aller ihre Pforten für Besucherinnen und Besucher schließen müssen, sind Kunstschaffende in besonderer Weise betroffen. Die derzeitige Ausnahmesituation gibt Anlass, die Rolle der Kunst unter einem anderen Blickwinkel zu betrachten: dem eines tröstlichen, wenn nicht gar essentiellen Lebenselixiers in schweren Zeiten.
 
Als Begleiterscheinung der ersten Corona-Welle im März 2020 hat die große Nachfrage ein neues Licht auf die Ressource Toilettenpapier und seine Wertsteigerung geworfen. Im Zuge der Pandemie hat kurioserweise auch die „Wertpapier“-Serie einen großen Nachfrageschub erfahren. Das SWR-Fernsehen besuchte Anja Luithle in ihrem Atelier und drehte einen Film zu Geschichte, Machart und Bedeutung der Wertpapierserie, der dieser zu einer ungeahnten „Wertsteigerung“ verhalf.
 
Die Anbringung von 85 verschiedenen Drucken der „Wertpapier“-Serie in der nur für Toilettengänger zugänglichen Galerie ist somit ein Plädoyer für die Kunst, die kein Luxus ist, sondern sich gerade in schweren Zeiten mit ihrer gedanklichen Inspiration als Grundbedürfnis erweist. Einen Einblick in das, was nur einer exklusiven Klientel vorbehalten ist, gibt für alle anderen ab dem 14. Dezember eine Filmdokumentation unter www.galerie-tuttlingen.de. Die Galerie bittet um Beachtung, dass es sich bei der „Wertpapier“-Serie nicht um eine Ausstellung handelt. Der Zutritt ist nur Nutzern der Toiletten gestattet. Die Hygieneregeln sind strengstens zu beachten und die Verweildauer im Gebäude ist kurz zu halten.
 
Weitere Informationen zur „Wertpapier“-Serie finden Sie auch unter www.anjaluithle-wertpapier.de.