Vom Kolonialwarenladen zur „grünen Wiese“ Ausstellung im Fruchtkasten über Einzelhandel


Dem Tuttlinger Einzelhandel widmet sich die nächste Ausstellung im Fruchtkasten. Eröffnet wird sie am Dienstag, 8. Dezember, um 19 Uhr im „Bettenhaus Manz“. Zu sehen ist dann bis zum 18. April 2010 im Hugo-Geissler-Saal des Fruchtkastens.

Foto Kiener um 1900
Einkaufen anno dazumal: Das Fotogeschäft Kiener um 1900.

2009 wurde zum Schicksalsjahr für den Tuttlinger Einzelhandel. Warenhäuser schlossen ebenso wie Metzger oder Buchhändler. Diese Entwicklung nahm das Museum zum Anlass, eine Ausstellung zusammenzustellen, die einen Blick zurück wirft und die Entwicklung der Einkaufsmöglichkeiten verfolgt.

Während 1732 neben einen Wochenmarkt und zwei Jahrmärkten vier Handels- und Kaufleute, 31 Bäcker und 13 Metzger existierten, versorgten bereits 1866 46 Bäcker und 19 Metzger sowie etwa 140 andere Läden die Bevölkerung mit Waren. Kolonialwarenläden und Kaufhäuser entstanden im 19. Jahrhundert als neuartige Handelsorte. Zuvor hatte der überwiegende Teil der Bevölkerung die Lebensmittel vorwiegend selbst angebaut, lediglich Luxusgüter, Salz und Gewürze waren dazu gekauft worden.
Die Ausstellung verfolgt die Entwicklung des Tuttlinger Einzelhandels von der Verleihung des Marktrechts durch König Sigismund an die Stadt im Jahre 1415 bis in die jüngere Vergangenheit. Gezeigt werden Fotos und Gegenstände von Tuttlinger Läden, Dokumente und vieles mehr.

Nach einem ersten Aufblühen der Einkauflandschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann sich um 1900 bereits ein neuer Trend abzuzeichnen. Es entstanden Handelsketten, deren Filialen sich auch in Tuttlingen niederließen. Da sie keinen Zwischenhandel benötigten, konnten sie ihre Waren günstiger anbieten. Die erste großen Lebensmittelhandelskette, die in Tuttlingen eine Filiale gründete, gehörte Kaiser`s Kaffeegeschäft, das bereits im Jahr 1900 Gebäude Bahnhofstraße 17 einen Laden betrieb. Geschäfte von Tengelmann und Edeka folgten.

Zu selben Zeit setzte die genossenschaftliche Bewegung einen deutlichen Gegenakzent, der länger als 60 Jahre die Situation des Lebensmitteleinzelhandels beeinflusste: 1894 gründeten 375 Personen wegen eines "erheblichen Milchpreisaufschlages" den Konsum-Verein. Die genossenschaftliche Idee, die hinter dem Konsumverein stand, fand nicht nur in Arbeiterkreisen Interesse, sondern sprach "alle Schichten und Interessengruppen" an. Der Konsumverein konnte nach kurzer Zeit das Gebäude Zeughausstraße 21 erwerben und darin das erste Ladengeschäft eröffnen. Es folgte der Laden Gerberstraße 8 (1898), bei dem sich auch das Großlager befand. Später folgten Läden in den Gebäuden Möhringer Straße 69, Gartenstraße 60 und Läden in den Kreisgemeinden.

Eine weitere Veränderung zeichnete sich in den 1950er Jahren ab. Die erste Idee des Selbstbedienungsladens schwappte aus Amerika nach Deutschland über. Die Konsumgenossenschaften knüpften an die alte Tugend an, Vorreiter bei der Modernisierung zu sein. So eröffnete der Konsum am 14. Februar 1955 den ersten Selbstbedienungsladen in Tuttlingen an der Ecke Rote/ Goethestraße. In dieser Zeit hatte die Genossenschaft 7500 Mitglieder, 24 Verkaufsstellen und einen Gesamtumsatz von fast 12 Millionen DM.

Mit dem Vordringen der Discounter und der großen Einzelhandelsfilialisten änderte sich das Klima für die Konsumgenossenschaften grundlegend. Immer mehr Genossenschaften in ganz Europa kamen in wirtschaftliche Bedrängnis. „In unserem Raum haben sich seit 1970 praktisch in jeder Stadt Verbrauchermärkte etabliert. Sie haben ihren Standort in der Regel in der Randzone der Städte, „auf der grünen Wiese“ gewählt.“, resümierte Peter Marquardt in einer Zeitungsbeilage der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg 1981. In Tuttlingen hielt mit dem Aldi in der Bahnhofstraße der erste Discounter Einzug. Zur gleichen Zeit entstand auf der „grünen Wiese“ Richtung Ludwigstal der Großmarkt 2000.

INFO:

Die Ausstellung ist bis zum 18. April jeweils samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Am 24. und 31. Dezember sowie über Fastnacht bleibt das Museum geschlossen.

Mehr Informationen über das Museum im Fruchtkasten finden Sie hier.