Von der Forschung über die Opfer zu den Spuren der Täter - Ausstellung erinnert an NS-Zeit


Wie funktionierte die NS-Diktatur in Tuttlingen, und wer waren ihre prominenten Vertreter? Mit diesen Fragen befasst sich die Ausstellung „Zum Nationalsozialismus in Tuttlingen“ im Fruchtkasten. Am Freitag wurde sie in einem bis auf den letzten Platz besetzten Rathausfoyer eröffnet.


Konzipierte die Ausstellung: Museumsleiterin Gunda Woll im Gespräch mit OB Michael Beck.

Es begann mit der Recherche zu den Stolpersteinen.  2014 begann Museumsleiterin Gunda Woll damit – und was sie dann erlebte, umschrieb sie am Freitag mit drastischen Worten: „Es tat sich ein Abgrund auf.“ Zu Beginn sei man davon ausgegangen, dass man in Tuttlingen vielleicht 20 bis 30 Steine verlegen würde. Doch je tiefer Woll und ihre Mitstreiter in die Geschichte einstiegen, desto mehr Fälle wurden bekannt. „Mittlerweile wissen wir von über 100 Tuttlingerinnen und Tuttlingern, die während der NS-Zeit ihr Leben verloren“, so Woll.

Doch noch etwas fiel den Historikern ins Auge: Die Namen und Funktionen all der Menschen, die in Tuttlingen das „Dritte Reich“ repräsentierten – allen voran Kreisleiter Gottfried Huber. Der war zwar korrupt, schwärzte Bürger bei der Gestapo an und regierte mit Drohungen und Erpressungen, galt aber als nur mäßig brutal – nach dem Krieg wurde er als „minderbelastet“ eingestuft. Aber auch ambivalente Biographien fielen auf – zum Beispiel die von Fabrikant Hans Scheerer: Der saß zwar zeitweise für die NSDAP im Gemeinderat, wurde aber nach kritischen Bemerkungen im Bahnhofsrestaurant festgenommen. Am anderen Ende der Skala: Der SS-Mann Erwin Stengelin – zu den Stationen seiner blutigen Karriere gehörten Orte wie Grafeneck, Hadamar, Majdanek und Sobibor.

17 solcher Biographien werden bei der Ausstellung im Fruchtkasten nun nachgezeichnet. Dazu kommen Exponate aus der NS-Zeit – von Fotografien einer hakenkreuzübersäten Stadt bis zu Lehrtafeln in Rassenkunde oder zum richtigen Einsatz von Gasmasken.

Bei der Eröffnung am Freitag ging OB Michael Beck auch darauf ein, dass es bereits 1985 eine vergleichbare Ausstellung gab. Sie basierte vor allem auf Zeitzeugeninterviews. Gezeigt wurde sie im evangelischen Gemeindehaus, im Rathaus hatte man seinerzeit Bedenken. „Dies hat sich geändert- heute sind Sie willkommen“, so Beck. An die NS-Zeit,  so der OB, müsse auch 75 Jahre nach Kriegsende erinnert werden, unter solche Verbrechen könne man keinen Schlussstrich ziehen. „Wer es darauf anlegt, dass der Holocaust in Vergessenheit gerät, stellt sich fast auf eine Stufe mit denen, die ihn leugnen.“

INFO:
Die Ausstellung „Zur NS-Zeit in Tuttlingen“ ist bis 5. April 2020 im Hugo-Geißler-Saal des Fruchtkastens zu sehen und kann samstags, sonntags, dienstags und donnerstags von 14 bis 17 Uhr besichtigt werden.