Redensammlung

Volkstrauertag 2018 - Sonntag, 18. November 2018 – Ehrenfriedhof


Begrüßung durch OB Michael Beck

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie herzlich zur Gedenkfeier zum Volkstrauertag 2018.

Es ist das erste Mal, dass diese Feier-stunde in unserem neu gestalteten Bür-gerpark stattfindet – erst im September haben wir ihn eingeweiht. Aber ich denke, dass gerade auch am heutigen Tag gut sichtbar wird, welche Idee hinter der Um-gestaltung des Alten Friedhofs zum Bür-gerpark steckt: Wir wollten einen Ort schaffen, der zum einen ein Treffpunkt ist, zum anderen aber ein Ort der Erinnerung. So wurden auch die Kriegergräber neu ge-fasst und die Mahnmale für die Vertriebe-nen und die Opfer der NS-Diktatur stärker hervor gehoben. Im Mittelpunkt aber steht weiterhin die Gedächtnishalle – der Ort,  an dem die Namen der Opfer der beiden Weltkriege dauerhaft verewigt sind.

Zu dieser Feier begrüße ich vor allem die-jenigen, die sie heute aktiv mitgestalten. Mein Gruß gilt

-    den Vertreter der Gemeinderatsfraktio-nen
-    Martin Brenndörfer vom Verband der Siebenbürger Sachsen
-    dem Städtischen Blasorchester – heute noch einmal unter der Leitung von Klaus Steckeler
-    und vor allem den Schülerinnen und Schülern der LURS und des OHG, die heute Beiträge zu dieser Feier leisten werden.

Besonders freue ich mich, dass heute auch die Gedenkrede von zwei jungen Menschen, von Sophia Berger und Annika Dold, gehalten wird. In einer Zeit, in der die Zeuginnen und Zeugen des Zweiten Weltkrieges immer seltener werden, ist es unendlich wichtig, dass sich gerade junge Leute mit der Geschichte auseinanderset-zen.

Meine Damen und Herren,

in den letzten Tagen gab es mehrere An-lässe, an denen wir mit der Geschichte konfrontiert wurden.

-    Am Wochenende waren eine Delegation des Gemeinderates und ich gemeinsam in unserer französischen Partnerstadt Draguignan. Wir waren eingeladen, um an den Gedenkfeiern aus Anlass des Kriegsendes vor 100 Jahren teilzuneh-men.

-    Am Dienstag hatten wir im Rathaus Be-such der Autorin Juna Grossmann. Juna Grossmann ist Deutsche jüdischen Glaubens, lebt und arbeitet in Berlin – und berichtete in ihrer Lesung von den Erfahrungen, die sie mit dem ganz all-täglichen Antisemitismus macht.

-    Und am Mittwoch wurden zum dritten Mal in unserer Stadt Stolpersteine ver-legt. Über 70 000 hat der Künstler Gun-ter Demnig mittlerweile europaweit in den Boden eingelassen. Die fünf jüngs-ten Tuttlinger Steine erinnern an drei Euthanasie-Opfer, einen politisch Ver-folgten und einen Zwangsarbeiter, der nach einem Fluchtversuch hingerichtet wurde.

Alle diese drei Ereignisse zeigen uns deut-lich, wie stark die Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt – und auch, wo un-sere Aufgaben in der Gegenwart liegen.

Deutlich wurde auch, wie unterschiedlich Menschen die verschiedenen Ereignisse wahrnehmen. Das Ende des Ersten Welt-krieges spielt beispielsweise in Deutsch-land keine große Rolle mehr in der öffent-lichen Wahrnehmung. In Frankreich hin-gegen wird der Erste Weltkrieg bis heute als „la grande guerre“, also der „große Krieg“, bezeichnet – und in Draguignan wurde das Jubiläum eine Woche lang ge-feiert. Dabei ist oft vom Sieg die Rede – und in manchen Äußerungen hört man bis heute Ressentiments gegen Deutschland. Umso erfreulicher ist es, dass mein Amts-kollege in Draguignan, Richard Strambio, die Versöhnung betont. Er sagte, dass es keine Sieger gab, weil im Krieg alle verlie-ren. Darum war es ihm wichtig, dass unse-re Tuttlinger Delegation aus dem Land der ehemaligen Kriegsgegner Teil der Feier war. Und als unsere Tuttlinger Gemeinde-räte ihren Kranz niederlegten, gab es spontanen Applaus – was bei einer solchen Feier nicht üblich ist.

Ich erzähle das so ausführlich, weil es deutlich macht, dass Versöhnung und per-sönlicher Austausch den Hass überwinden können. Und diese Botschaft ist heute wichtiger denn je.

Und wozu Hass und Fanatismus in der Lage sind, wurde uns bei der Stolperstein-Verlegung am Mittwoch wieder deutlich vor Augen geführt: Drei der Opfer wurden ermordet, weil sie als Insassen von Heil-anstalten als lebensunwert galten – einer davon war übrigens erkrankt, weil er die Erlebnisse des Ersten Weltkriegs nicht verkraftet hatte.

Wir könnten uns es jetzt einfach machen und darauf hinweisen, dass dies alles schon lange zurück liegt. Auch die Reich-spogromnacht – auch hier gab es ja ein tragisches Jubiläum – liegt schon 80 Jahre in der Vergangenheit.

Wer sich in dieser Sicherheit wiegt, wurde am Dienstag bei der Lesung mit Juna Grossmann eines besseren belehrt: Es war erschütternd, mit wie vielen Vorurteilen, Vorwürfen und Ablehnung sie von den unterschiedlichsten Leuten konfrontiert wird. In der Gegenwart. In Berlin. Einer Stadt, die überall als Sinnbild für Weltof-fenheit und Ungezwungenheit steht.

Was dabei besonders erschütternd war: Die Aggressionen nehmen drastisch zu, die Stimmung wird immer feindseliger. Vor fünf Jahren, so berichtete Juna Gross-mann, hätte sie es sich beim besten Willen nicht vorstellen können, auch nur darüber nachzudenken, ob sie Deutschland viel-leicht verlässt. Heute ist es anders.

Meine Damen und Herren,
die Gedenkveranstaltungen der letzten Tage haben eines deutlich gezeigt:
Eine Veranstaltung wie der Volkstrauertag, der Gedenktag gegen Krieg und Gewalt schlechthin, ist immer aktuell. Leider.

Und deshalb bin ich froh, dass bei der heutigen Veranstaltung junge Leute eine tragende Rolle übernehmen. Denn der Kampf für Frieden, Gerechtigkeit und Tole-ranz, gegen Nationalismus, Gewalt und Hass, wird in jeder Generation nötig sein.


Rede von Annika Dold und Sophia Beger, OHG

Der Erste und der Zweite Weltkrieg.
Ich kenne diese Kriege nicht.
Ich war kein Politiker, der diese Kriege erklärte.
Ich war kein General, der seine Truppen strategisch platzierte.
Ich war kein LKW-Fahrer, der die Soldaten an die Front brachte.
Ich war kein Soldat, der seinem vermeintlichen Feind ins Gesicht sah, bevor er ihn tötete.
Ich war kein Militärarzt, der Verwundete versorgte.
Ich war keine Arbeiterin, die in einem ursprünglichen Männerberuf arbeitete, um die Kriegsindustrie am Laufen zu halten.
Ich war kein Radiosprecher, der stetig unschöne und beschönigte Nachrichten in der Heimat verbreitete. Ich war kein Verantwortlicher, der die Kapitulationsverträge unterschrieb, als der Krieg als verloren galt.
Ich war kein Kriegsgefangener, der in einem Land der Siegermächte darauf hoffte, seine Familie noch in diesem Leben wiederzusehen.
Ich war keine verzweifelte Ehefrau, die ihren Kindern von der baldigen Rückkehr ihres Vaters erzählte.
Ich war kein Postbote, der Gefallenenbriefe überbringen musste.
Ich war kein Bäcker, vor dessen Geschäft schon früh morgens ewig lange Schlangen standen, um ein halbes Brot zu ergattern.
Ich war kein hungriger Obdachloser, der in den Trümmern der Gebäude eine Heimat suchte.
Ich bin kein Kind des Krieges.

Ich bin ein Kind des Friedens, denn ich bin Teil der Folgegeneration auf die Kriege.
Das Wort Krieg ist mir nur aus den Erzählungen meiner Großeltern bekannt, die zum Zeitpunkt des 2. Weltkrieges selbst noch Kinder waren. Kinder wie ich, die spielen, lachen, albern, Kind sein wollten, jedoch immer dazu gedrängt wurden, bedachtsam und erwachsen zu sein. Sie haben nicht verstanden, warum ihre Eltern nicht wollten, dass sie zu den alliierten Soldaten und ihren Panzern gehen, um um Schokolade zu bitten. Oft bekamen sie Schokolade, jedoch immer zusammen mit einer Zurechtweisung der besorgten Eltern. Als Kind kann man Gefahr noch nicht richtig einschätzen, aber das mussten meine Großeltern jetzt auf einen Schlag können. Für mich ist es unvorstellbar, dass sich diese Schokoladengeschichte in der Nordstadt von Tuttlingen zugetragen hat. Bewaffnete Soldaten! In den Straßen von Tuttlingen! Die Auswirkungen des Krieges zeigten sich nicht irgendwo in weiter Entfernung, sie standen, im wahrsten Sinne des Wortes, direkt vor der Haustür.

Vor meiner Haustür stand nie ein Soldat, dessen Waffe bedrohlich im Sonnenlicht glänzt. Es kam auch nie ein Postbote, der einen Gefallenenbrief in den Briefkasten gesteckt hat. Das einzige, was vor meiner Haustür gelegentlich steht, ist die Nachbarskatze, die auf ein Leckerli wartet.
Und genau das ist Frieden:
Frieden ist die sorglose Ruhe, die nur von einem zärtlichen „Miau!“ unterbrochen wird. Kein Knall einer Waffe, keine Sirene als Warnung vor einem Bombenangriff und keine Schreie verängstigter Menschen berühren diese Ruhe.
Frieden ist das bedenkenlose Verlassen des Hauses, wenn man einkaufen geht.
Frieden ist der soziale Umgang und die Unterstützung anderer.
Frieden ist die Hoffnung auf die stetige Besserung der aktuellen Lebensumstände.
Frieden ist die Voraussetzungen für Freiheit. Die Freiheit öffentlich seine Meinung kundzutun und jederzeit selbstbestimmt zu leben, ohne dabei die Selbstbestimmung anderer zu verletzen.
So wie auch schon Peter Maffay sang:
„Die Freiheit die ich meine, ist wie ein neuer Tag.
Die Freiheit die ich meine, ist was ich wirklich mag.
Die Freiheit die ich meine ist ohne blinde Wut.
Liebe die ich meine, ist viel Gefühl und Mut.“

Doch selbst im Frieden und in der Freiheit, die wir heute genießen, findet sich nach wie vor blinde Wut. Menschen, die sich selbst die Hand vor die Augen legen und blindlings andere wegen ihrer Herkunft oder Kultur verachten. Wir sind nicht hinweg über die Geschichte des Krieges, nur weil er nicht mehr vor unserer Haustür stattfindet. 2014 sind weltweit 146.000 - 220.000 Menschen an direkten Kampfhandlungen gestorben. Momentan gibt es 17 Kriege auf der Welt, die zum Beispiel in Syrien zahlreichen Soldaten und Zivilisten das Leben gekostet haben. In diesen Regionen erleben Kinder in meinem Alter die Dinge, von denen mir meine Großeltern erzählt haben. Die Vergangenheit meiner Großeltern ist ihre Gegenwart. Meine alltäglich friedliche Gegenwart ist das, wonach sie sich sehnen.

Und genau darin liegt das Problem unserer Gesellschaft: Frieden ist Alltag geworden. Frieden ist wie eine Zugfahrt durch eine wunderschöne Landschaft. Die Bahnstrecke führt an unberührten, Sonnenlicht spiegelnden Seen, frisch gemähten tief grünen Wiesen und an aufblühenden Bäumen im Frühling vorbei. Trotz zunehmender Geschwindigkeit sind diese Seen, Wiesen und Bäume für jeden Passagier des Zuges gut sichtbar. Doch um die Schönheit der Landschaft des Friedens zu erblicken, muss man seinen Blick aus dem Fenster richten. Sieht man nicht hin, zieht die Schönheit an einem vorbei. Ohne den Blick aus dem Fenster erkennt man die vielseitigen Vorzüge der gewählten Strecke nicht. Die Herrlichkeit des Friedens liegt also nicht in den Seen, Wiesen und Bäumen an sich, die Herrlichkeit des Friedens entsteht in unseren Köpfen, wenn wir bereit dazu sind, aus dem Fenster zu sehen und die Vorteile des Friedens zu erkennen. Es liegt an uns, hin- oder wegzusehen.
Doch mit jeder weiteren Stunde, jedem weiteren Tag jedem weiteren Monat, in dem der Zug durch die immer gleich aufblühende Landschaft hin und her fährt sehen immer weniger Menschen aus dem Fenster. Wir meinen diese atemberaubende Landschaft schon oft genug gesehen zu haben und lenken unseren Blick lieber auf unsere Handys, um uns über „spannendere“ Geschehnisse zu informieren: „Die Landschaft draußen ist doch trotzdem da, auch wenn ich nicht hinsehe...“, sagen wir zu uns selbst. Aber woher können wir das wissen, wenn wir nicht hinsehen? Wir haben ab dem ersten Blick weg vom Fenster angefangen uns auf unserem Frieden auszuruhen. Aber Frieden ist keine Selbstverständlichkeit! Frieden ist kein Alltag! Denn Frieden ist jeden Blick aus dem Fenster wert, denn nur durch stetiges Hinsehen können wir Warnsignale für die Bedrohung des Friedens wahrnehmen. Nur durch Hinsehen können wir seine Herrlichkeit erfassen, die geschützt werden muss. Nur durch Hinsehen und die Reaktion auf das Geschehene können wir den Frieden bewahren.

Und dennoch gibt es Menschen, die sich bewusst dazu entschieden haben, die Realität an sich vorbeiziehen zu lassen. So nehmen sie die Bedrohung des Friedens und der Freiheit eines jeden oft gar nicht wahr. Nicht einmal, wenn sei selbst die Bedrohung des Friedens darstellen. Gute Beispiele dafür sind momentan der amerikanische, der ungarische oder der brasilianische Präsident.

Dabei sind es nicht die Mexikaner oder Syrer, die die Bäume in der Landschaft des Friedens fällen, sondern die Angst der Bürger vor dem Fremden. Diese Angst wird zur Gefahr für den Frieden, weil sie der perfekte Nährboden für radikale und extreme Parteien darstellt. Auf diesem Nährboden gedeiht die Vorstellung, dass die Welt in schwarz und weiß, gut und böse eingeteilt ist, wodurch sich die Gesellschaft scheinbar spaltet und der Friedenszug ins Wanken gerät. Eben dieses Wanken ist nicht nur in Amerika der Ukraine oder Brasilien zu spüren, sondern auch schon in Deutschland: Jeder dritte Deutsche vertritt ausländerfeindliche Ansichten, jeder 10. antisemitische und die AFD gewinnt trotz ihrem Vokabular aus der NS-Zeit an Wählern. Haben wir denn gar nichts gelernt aus der Vergangenheit? Sind wir wirklich so blind, diese Friedensgefahr durch unsere eigene Angst nicht zu erkennen? Warum verlieren wir die Wertschätzung für die Landschaft, die unser Leben lebenswert macht?

Wir müssen uns an diese Kriege erinnern, um unsere idyllische Zugfahrt wieder wertzuschätzen. Um nicht die gleichen Fehler wie damals erneut zu machen. Und deshalb bin ich heute hier. Erinnerungen an Vergangenes erleichtern die Weichenstellung für die Zukunft und bringt einen wieder dazu, aus dem Fenster zu sehen. Denn letztlich sind wir doch alle nur Passagiere im gleichen Zug. Wir alle sind die Zukunft. Wir alle sind Kinder des Friedens. Lasst uns dafür sorgen, dass auch unsere Kinder, Kinder des Friedens sein werden.

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„Ich habe immer Hunger gehabt.“ Dies ist ein Satz, welcher im Gedächtnis bleibt. Er stammt von Wassili Krakowetzki, welcher im Januar 1928 in Balabanowka, der Ukraine, geboren wurde. Er hat etwas erlebt, was ihn mit Tuttlingen verbindet, jedoch nicht im positiven Sinne: Wassili Krakowetzki war von 1942 bis 1945 als Zwangsarbeiter in Tuttlingen eingesetzt.
Viele dieser osteuropäischen Zwangsarbeiter wurden im Lager Mühlau interniert, sie mussten in Holzbaracken wohnen und in, von Ungeziefer befallenen Betten, schlafen, ohne Möglichkeit, sich frei zu bewegen. Wassili Krakowetzki erinnert sich mit diesem eindrücklichen Satz an die Zeit seiner Gefangenschaft.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Lager Mühlau zu einem Kriegsgefangenenlager umfunktioniert, aus welchem dann auch später deutsche Kriegsgefangene entlassen wurden. Auch die Kriegsgefangenen litten unter einer mangelhaften Ernährung. Für viele dieser Soldaten ging es nach den Jahren des Schreckens endlich zurück in die Heimat, oder zu dem, was eben davon übrig geblieben war.
Ich kann mich erinnern, wie meine Großmutter mir vom Krieg erzählte und was sie erlebt hatte, damals war sie selbst noch ein Kind. Ihre Mutter hatte nach dem Krieg das erste Mal wieder einen Erdbeerkuchen gebacken mit Sahne und die Freude meiner Großmutter sei so groß gewesen, dass sie den Kuchen fast alleine aufgegessen habe. Diese Geschichte machte mir erstmals bewusst, wie groß der Hunger und die Entbehrungen im Krieg gewesen sein mussten.
Genau 100 Jahre sind nun seit dem Ende des Ersten Weltkriegs vergangen, mehr als 70 Jahre liegt der Zweite Weltkrieg zurück. Unserer Generation ist der Krieg eben nur noch aus solchen Erzählungen überliefert. Und dabei sind es eben nicht nur Erzählungen und alte Geschichten, der Krieg ist noch nicht lange her. Wir haben nun das Glück, zumindest im Westen, 70 Jahre in Frieden und in einer Demokratie zu leben.
70 Jahre nach Ende des Krieges gehen wir in Deutschland zur Schule, wobei sich unsere Gymnasien, zusammen mit den anderen Berufsschulen, auf einem besonderen Gelände befinden. Unser Schulzentrum ist der Ort, an dem einst Wassili Krakowetzki Hunger litt und an dem nach dem Ende des Krieges die Kriegsgefangenen entlassen wurden. Auf diesem geschichtsträchtigen Boden befindet sich heute ein Ort der Begegnung. Schüler aus Tuttlingen nehmen an Schüleraustauschen Teil mit Nachbarländern wie Frankreich und Polen, also Ländern, mit denen Deutschland einst Krieg führte. Ich darf stolz sagen, Freunde in Polen und Amerika gefunden zu haben, mit welchen ich heute noch in Kontakt stehe.
Und doch ist die Erinnerung wichtig, Krieg und Leid wird immer mit der Geschichte unseres Landes verknüpft sein. Vor einigen Wochen hatten wir einen besonderen Gast an unserer Schule. Julius Fröhlich, einst ein Tuttlinger, welcher in der Zeit des Nationalsozialismus auf Grund seines jüdischen Glaubens mit seinen Eltern floh, berichtete als Zeitzeuge von seiner Kindheit. Als vor genau 80 Jahren die Reichspogromnacht eine neue Welle des Hasses eröffnete, hatte die Familie Fröhlich kurz zuvor ihr Heimatland verlassen und sich in Sicherheit bringen können. Auch dieses Schicksal sollte uns eine Mahnung sein. Im letzten Jahr wurde in Tuttlingen ein Stolperstein verlegt, der an die Familie Fröhlich erinnert. Der Ort, an dem Herr Fröhlich sprach, das Otto-Hahn-Gymnasium, ist heute eine „Schule ohne Rassismus“. Wir setzen uns ein für Toleranz und Offenheit gegenüber anderen Menschen.
Und gerade in dieser Zeit schüren rechtspopulistische Parteien und Gruppen den Hass gegen Migranten und „Nicht-Deutsche“. Erst am Mittwoch berichtete die jüdische Autorin Juna Grossmann bei uns in der Schule über einen sorgenerregenden Anstieg des Antisemitismus in Deutschland. Aus ihrem Buch erzählte sie von ihren eigenen Erfahrungen und Erzählungen anderer deutscher Juden aus ihrem Bekanntenkreis. Eine Diskriminierung, welche mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, fand nach einer bereits begangenen Straftat statt. Nachdem ein jüdischer Bekannter von Frau Grossmann auf der Straße angegriffen wurde, habe ihn die Polizei gefragt, warum er denn auch in der Öffentlichkeit eine Kippa trage.
Frau Grossmann schloss ihre Lesung dann ab mit den Worten: „Alle meine jüdischen Freunde haben einen Plan, wohin sie gehen, falls es in Deutschland bald überhaupt nicht mehr auszuhalten ist.“

Erschreckend ist auch, dass unsere Generation, wir, die die Zukunft von Deutschland sind, immer stärker die Demokratie ablehnt. Vielleicht liegt es daran, dass wir noch niemals einen Krieg erleben mussten und somit nur die Dinge sehen, welche nicht so laufen, wie wir uns es erhoffen.

Dabei geht es uns doch so gut, Frieden darf niemals als selbstverständlich angesehen werden. In unserer Gegenwart darf man die Vergangenheit niemals vergessen, denn die Vergangenheit ist das, was die Gegenwart bestimmt und was uns alle betrifft. Und um unser aller Vergangenheit zu verstehen, muss man sich mit ihr befassen und sich Zeit nehmen, zu reflektieren. Wir können das Geschehene zwar nicht mehr rückgängig machen, aber durch die Erinnerung an die vergangene Zeit versuchen, die Zukunft mit zu gestalten.  Das sind wir Wassili Krakowetzki und allen anderen Menschen, die in Konzentrationslagern oder in den beiden Weltkriegen umkamen, schuldig.

Gedicht zum Volkstrauertag 2018 - Vorgetragen von Schülerinnen und Schülern der LURS
 
FÜR DEN FRIEDEN
(Autorin: Susanne Späth)
 
Mia ist 4 und schläft abends nicht ein.
Ihr Bauch tut ihr weh, der Arm und das Bein,
sie fragt sich: „Kann das wirklich das Leben sein?“
Ihre Mama ist traurig und gesteht sich nicht ein,
dass der Mann, den sie einst liebte, sich benimmt, wie ein Schwein.
Oft ist er wütend, trinkt zu viel Bier, zu viel Wein.
Wohin mit der Wut? – Ihm fällt nur das ein,
was er selbst oft erlebt hat – auch er war mal klein.
Niemand sieht Mias Angst, ihre Pein,
aber eines ist sicher, sie schafft´s nicht allein.
Und  auch wenn es nicht offensichtlich schien,
obwohl Mias Augen um Hilfe schrien,
ist hier das Ergebnis und das lässt keinen kalt:
Mia wurde keine 5 Jahre alt.
 
Amir ist 14, als er nach Deutschland kommt.
Seine Haut ist dunkler, sein Haar nicht so blond,
wie das der anderen Kinder und prompt
hört er Dinge, die die anderen zu ihm sagen:
„Geh weg! Ich kann es nicht mehr ertragen,
dass deine Familie hierherkommt,
und bekommt, was uns zusteht. Wir plagen
uns jeden Tag, für die Rente, den Wagen,
die Wohnung, die Reise – was soll ich noch sagen?“
Amir wünscht sich, er könnte zurück,
doch das Schicksal ist manchmal ein Missgeschick.
Zu Hause ist Krieg, die Häuser zerbombt,
man weiß nie, wann der nächste Angriff kommt.
Hier ist er alleine, seine Familie noch dort,
jeden Tag hofft er, sie könnten auch fort.
Er versteht nicht, warum ihn hier keiner will,
doch ihm fehlen die Worte, so bleibt er ganz still
und erträgt die Blicke, die Sprüche, den Hass.
Wie einfach wäre alles mit dem richtigen Pass...
 
Avesta ist 11, als sie ihr Zuhause verliert,
den Vater, die Brüder – was ist nur passiert?
Sie selbst wird zum Opfer, zur Sklavin bestimmt,
muss tun, was Erwachsene tun – doch sie ist noch ein Kind.
Die Angst begleitet sie Tag für Tag,
ist ständig bei ihr und Avesta vermag
nicht zu glauben, wozu diese Menschen imstande,
die morden und rauben in diesem Lande,
das nicht ihr Land ist, nicht ihr Glaube, ihr Leben.
Schule und Freizeit – das hat´ s mal gegeben.
Avesta ist 12, als sie die Nerven verliert,
ihr Peiniger hat grad seine Waffe poliert.
Der Hunger, die Schande, sie hält´s nicht mehr aus,
rennt wie der Teufel aus dem Haus.
Die Kugel war schneller, doch Avesta ist nun,
nicht länger sein verdammtes Leibeigentum.
 
Levi und Dana sind füreinander bestimmt,
wollen heiraten, ein Haus mit Garten, ein Kind.
Sie spüren, dass Unheil liegt in der Luft,
zu den Maiers nebenan,
da entstand eine Kluft,
die nicht mehr zu überwinden war.
Und plötzlich waren all diese Ghettos da.
Ein Umzug wurde ihnen ans Herz gelegt,
zum Fliehen war es nun eindeutig zu spät.
Der gelbe Stern auf der Jacke, das Stigmata,
das anzeigte: „Heute sind wir noch da...“
Wie lange noch konnte keiner sagen,
wohin denn all diese Wagen
mit Freunden, Bekannten, den Eltern fuhr.
„Was machen wir nur? Was machen wir nur?“
hörte man an allen Ecken.
Oft brachte es auch nichts, sich zu verstecken.
Bald war es auch an Dana und Levi,
ihre Sachen zu packen, sich aufzumachen,
auf eine Reise ohne Wiederkehr.
Von Heiraten, Haus und Kind – da sprach keiner mehr.
 
Richard ist 16, als ein Brief ihn erreicht,
er sei unabdinglich für den Führer, das Reich.
In der Schule, da trichterte man ihm ein,
es sei wichtig, hart zu sein, nicht so weich.
Er träumt vom Schreiben, liest viel und kann
Nicht viel anfangen mit der HJ und dem anderen Kram.
Und doch kann er nichts dagegen tun,
dass es aus ist mit dem Traum vom Schriftstellertum.
Er wird zum Soldat, zum Rädchen im Getriebe,
hat keine Erfahrung gemacht in der Liebe,
im Schützengraben redet keiner mehr davon,
alles, was Richard hört, ist der monotone Ton
von Maschinengewehren, Gemetzel, Geschrei –
und er weiß, nun ist es soweit, nun ist alles vorbei.
Seine Eltern erreicht nur kurz danach
Ein Brief , sie waren noch nicht mal ganz wach.
„Sie können stolz sein auf Ihren Sohn.
Er starb für das Vaterland, den Führer...“ – welch Hohn!
 
„Du bist uns willkommen“, steht auf dem Plakat,
als Mohammed ankommt an einem sonnigen Tag.
Er ist müde von der langen Zeit,
die er verbrachte auf Lastwagen, Booten – so weit
weg von zu Hause, genießt er es nun,
dass die Menschen ihm hier so viel Gutes tun.
Er gibt sich Mühe, nimmt sich viel Zeit
Für jede Fortbildungsmöglichkeit.
Die Sprache ist schwierig, doch er strengt sich an
Und trifft eines Tages auf einen Mann,
der einen Lehrling sucht für seinen Betrieb.
Und Mohammed freute sich riesig und blieb.
Einige Jahre lebt er nun schon hier,
hat Freunde, trinkt auch ganz gern mal ein Bier.
Er weiß, dass es Menschen gibt, die denken,
er solle verschwinden, doch er ließ sich nie kränken.
Doch nach und nach, da fing es an,
dass nicht nur ein einzelner kahlrasierter Mann
mit Bomberjacke und Schnürstiefeln an,
ihn auf der Straße offen bedrohte.
Er hörte sogar, man solle die Boote,
auf dem Mittelmeer nicht mehr ans Ufer lassen.
„Zu viele kommen! Wir woll´n nicht zulassen,
dass die unser Geld kriegen, und alles verprassen!
Die haben Handys und Markenklamotten
Und hausen hier wie die Hottentotten!“
In Mohammeds Stadt gehen die Leute raus,
mit Wut im Bauch und erhobener Faust.
Es sind nicht nur die Glatzen, auch Männer mit Hut
Und Frauen, deren Münder schäumen vor Wut.
Mohammed hatte bisher nie Angst,
doch seine Freunde raten ihm: „Du kannst
Nicht dahin, nicht dorthin, das ist zu gefährlich!“
Und Mohammed? - Der kann ganz ehrlich
Nicht glauben, was er abends in den Nachrichten sieht
Und was auf den Straßen dieser Stadt geschieht.
Haben die Leute denn gar nichts gelernt?
Die Geschichte ist doch gar nicht so weit entfernt.
 
Nur ein paar Schicksale werden hier erzählt,
alle sind erdacht und doch nicht verkehrt.
Gewalt hat nicht nur ein einz´ges Gesicht,
egal, wo sie stattfindet, wir wollen sie nicht!
Opfer kann jeder sein, jeder, der hier verweilt,
von Habgier, Rassismus, Hass und Gewalt.
Es scheint im Wesen des Menschen zu liegen,
andre zu quälen, zu töten oder zu besiegen.
Egal, wo wir hinschauen, vor unserer Tür, in der Welt,
scheint Krieg und Gewalt das zu sein, was nur zählt.
So viele Menschen sind bis heute gestorben.
Hört das denn nie auf – nicht heute, nicht morgen?
Wann lernen wir endlich, dass Krieg nie ein Ziel ist,
dass Missgunst und Hass nicht das Ende vom Lied ist,
nicht sein darf, denn wo kommen wir denn sonst hin?
Und was erzählen wir unserem Kind,
wenn es fragt: „Warum habt ihr denn nichts getan,
wann ist der Zeitpunkt denn, sag mir doch wann,
die Menschen verstehen, dass Krieg sich nicht lohnt?“
Dass wir nur gewinnen, wenn der Frieden hier wohnt.
Dass Frieden der Schlüssel ist zu jedem Problem,
ist das denn so schwierig, könnt ihr das nicht sehen?
Wo Respekt zu Haus ist und Solidarität,
wo Zivilcourage für Aufstehen steht,
wo Liebe und Respekt die Hauptsache sind,
nur das kann eine Welt sein für Mann, Frau und Kind.
 
Am heutigen Tage gedenken wir denen,
die Opfer wurden, im Irak und im Jemen,
in Amerika und Deutschland, in Frankreich und überall,
ihr Tod ist doch mehr als ein schlimmer Unfall.
Ein Schaden, der eben dann passiert,
wenn scheinbar einer gewinnt, aber jeder verliert.
Denn darum darf es auf keinen Fall gehen,
es sind Menschenleben, die darf niemand einfach so nehmen.
Am heutigen Tag denken wir an all jene,
die nicht mehr da sind, doch sind all ihre Pläne,
ihre Wünsche und Träume den unseren so ähnlich,
deswegen ist das hier für jeden von uns sehr persönlich.
Wir wünschen uns Frieden für alle Welt,
denn das ist das, was für uns alle zählt.