Redensammlung

Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Amos Fröhlich – Freitag, 2. Oktober, 18.30, Stadthalle, kleiner Saal


Meine sehr geehrten Damen
und Herren,
 
willkommen zum zweiten Teil unserer heutigen Veranstaltungen – und nachdem es mittlerweile schon recht frisch geworden war, darf ich Sie nun auch in der Wärme begrüßen.
 
Wir haben diese Veranstaltung bewusst zweigeteilt. Die Benennung des Julius-Fröhlich-Platzes haben wir aus naheliegenden Gründen direkt vor Ort gefeiert. Für den zweiten Teil aber wäre eine Feier im Stehen und im Freien nicht angemessen gewesen. Ich habe nämlich – der zweiten Einladungskarte konnten Sie es ja bereits entnehmen – heute eine besondere Ehre: Im Auftrag des Bundespräsidenten darf ich Amos Fröhlich das Bundesverdienstkreuz übergeben – genauer gesagt: Das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Den Anstoß dazu gab seinerzeit unser Landtagsabgeordneter Guido Wolf, der diese Ehrung auch beantragt hat. Gerne wäre er heute auch bei uns gewesen, andere Termine hindern ihn daran. Er lässt Sie aber alle herzlich grüßen.
 
Meine Damen und Herren,


mit der Benennung des Julius-Fröhlich-Platzes haben wir einem Stück Geschichte seinen Platz im Stadtbild gegeben. Ei-  nem Stück Geschichte aus der Zeit, die mit gutem Grund als das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte bezeichnet wird: Der Zeit der NS-Diktatur, die in Krieg und millionenfachem Massenmord mündete.
 
Es ist mir ein ganz persönliches Anliegen, dass wir in Tuttlingen eine aktive Gedenkkultur betreiben. Denn nur, wer die Geschichte kennt, kann auch aus ihr lernen. Besonders wichtig ist es, auch die Geschichte vor Ort zu kennen – sich klarzumachen, dass Geschichte nicht nur in den Hauptstädten oder auf den Schlachtfeldern geschrieben wurde und wird, sondern auch vor unserer Haustüre – hier in Tuttlingen.
 
Aus diesem Grund haben wir heute den Julius-Fröhlich-Platz benannt.
 
Aus diesem Grund haben wir den Gedenkpfad Lager Mühlau angelegt.
 
Und aus diesem Grund werden wir im kommenden Jahr die ersten Stolpersteine in Tuttlingen setzen – mitten im Herzen der Stadt, in der Rathausstraße und in der Donaustraße.
 
Zu einer aktiven Gedenkkultur gehört aber noch mehr. So gut und eindrucksvoll  Gedenkstätten,  Denkmäler und Museen auch gestaltet sein mögen: Wir brauchen immer auch die Menschen, die diese Ideen vermitteln. Die als Zeitzeugen dafür sorgen, dass die Vergangenheit lebendig bleibt. Und die dadurch einer abstrakten Geschichte ein Gesicht geben.
 
Einen solchen Menschen ehren wir heute.
 
Geboren wurde Amos Fröhlich im Jahre 1930 in Tuttlingen. In der Geburtsurkunde hieß er noch Walter Fröhlich. Und bereits die Geschichte seines Vornamens weist auf eine Biografie hin, die sich in verschiedenen Welten abspielt.
 
Wie wir wissen, gelang es der Familie Fröhlich, Deutschland noch rechtzeitig verlassen. 1938, noch vor der Reichspogromnacht, siedelte sie ins britische Mandatsgebiet Palästina und gehörte zu den Begründern der Siedlung Shavei Zion, in der sich vor allem Juden aus Rexingen niederließen. Dort wurde aus Walter Fröhlich dann auch Amos Fröhlich.
 
In der Siedlung wuchs Amos Fröhlich auf, besuchte die Volksschule und später die Landwirtschaftsschule. 1953, er war gerade mal 23 Jahre alt, wurde er Betriebsleiter in Shavei Zion. Spätestens hier hätte er     sagen können, dass er endgültig in der neuen Heimat der Familie angekommen ist.
 
Aber den Weg, den Amos Fröhlich danach einschlug, war ungewöhnlich. Denn er führte ihn zurück nach Deutschland – nur wenige Jahre nach Kriegsende, nur wenige Jahre nach der Shoa. In das Land, in dem viele der Täter von einst noch lebten – und dies, wie man heute weiß, oft komfortabel und in guten Positionen.
 
Aber Amos Fröhlich ist ein Mensch, der genau differenziert. Für ihn gibt es keine Pauschalverurteilung. Für ihn gibt es nur einzelne Menschen, von denen jeder seine ganz persönliche Verantwortung trägt. Und so hatte er es auch in seiner Tuttlinger Kindheit erlebt:  Auch hier gab es die Nazi-Lehrer, die ihre Parolen verbreiteten – aber hier gab es auch Freunde und gute Nachbarn, die sich in ihrer Beziehung zur Familie Fröhlich nicht durch den hasserfüllte Ideologie des NS-Regimes beeinflussen ließen.
 
In Deutschland absolvierte Amos Fröhlich  zunächst eine Begabtenprüfung, anschließend studierte er in München Tiermedizin. Es waren die Jahre, in denen auch seine Eltern Elise und Julius Fröhlich die Sommermonate regelmäßig in Tuttlingen verbrachten. Amos Fröhlich pendelte also oft zwischen Tuttlingen und München – und eine dieser Fahrten hatte weitreichende Folgen: Er nahm eine Anhalterin mit – die später zu seiner Frau Gilla wurde, und die ich an dieser Stelle auch herzlich hier bei uns begrüße.
 
Durch die Ehe mit einer Deutschen setzte Amos Fröhlich also schon früh ein Zeichen der Aussöhnung. Die ersten Jahre nach der Eheschließung verbrachte das Paar in Europa, nach Abschluss des Studiums war Amos Fröhlich als Tierarzt in der Schweiz tätig. 1965 kehrte er nach Israel zurück – nach Shavei Zion. Dort ist er seither als Tierarzt  für die Siedlung zuständig – und für die umliegenden Orte.
 
Dass er als solcher einen herausragenden Ruf genießt, erfährt man übrigens an den ungewöhnlichsten Orten der Welt: Erst jüngst, so erzählte mir ein Tuttlinger, war er mit seiner Frau in Rom unterwegs. In einem Restaurant kamen die beiden mit einem israelischen Ehepaar ins Gespräch. Und schnell stellte sich heraus, dass die vier einen gemeinsamen Bekannten hatten: Den Tierarzt Amos Fröhlich. Wenn ihr Hund gesundheitliche Probleme habe, so erzählten die Israelis, gebe es keine bessere Wahl als Amos Fröhlich.
 
In Shavei Zion machte sich Amos Fröhlich aber nicht nur als Tierarzt einen Namen: Er gehört auch zu den Chronisten der Siedlung - schließlich ist war er vom ersten Tag an dabei. Er sicherte wertvolle Zeugnisse aus der Geschichte des Dorfes und auch aus Rexingen – denn ohne die württembergische Vorgeschichte wäre auch Shavei Zion nicht denkbar. Amos Fröhlich dokumentierte also auch untergegangene Welt jüdischen Lebens im heutigen Baden-Württemberg.
 
Seit vielen Jahren nun organisiert Amos Fröhlich in Shavei Zion Führungen und empfängt Gäste – und hier kommt nun seine Rolle als Kulturvermittler ins Gespräch. Denn regelmäßig begleitet er auch deutsche Besuchergruppen durch die Siedlung. So gehört es zum Beispiel bei Israel-Reisen der Landeszentrale für politische Bildung zum festen Programm, dass Amos Fröhlich durch Shavei Zion führt und ausgiebig mit den Gästen diskutiert.
 
Als ständiger Pendler zwischen Kontinenten und Kulturen hat er aber auch in Deutschland schon vielen Menschen von seinen Erfahrungen und den seiner Familie erzählt. Vor allem in Rexingen, der Heimat seiner Eltern und Großeltern, hat er bleibende Spuren hinterlassen. Seit es dort den Träger- und Förderverein Alte Synagoge gibt, hat Amos Fröhlich unzählige Vorträge gehalten, vor Schulklassen gesprochen und Schüleraustausche organisiert und begleitet. Im Rexinger Synagogenverein engagiert er sich auch im hohen Alter noch als Beiratsmitglied.
 
Was aber motiviert Amos Fröhlich zu diesem Engagement? Man kann es vielleicht mit wenigen Worten zusammenfassen: Amos Fröhlich geht es darum, Wissen und Erfahrungen weiterzugeben. Denn die Vergangenheit darf nicht vergessen werden, wenn man die Lehren für die Gegenwart ziehen will. Er ist ein Kämpfer für Toleranz und die Verständigung zwischen Religionen, Kulturen und Nationen.
 
Bei all dem ist Amos Fröhlich ein ruhiger und bescheidener Mensch, er braucht dafür keine großen Erklärungen und Theorien, er geht von einem Grundsatz aus, der so einfach ist, dass er eigentlich selbstverständlich sein müsste - es leider aber nicht ist: Man kann Menschen nur nach ihren Taten beurteilen - nicht nach der Gruppe, zu der sie gehören. Denn pauschale Verurteilungen oder Schuldzuweisungen waren noch nie ein Weg zum Frieden.
 
An seinem ganz persönlichen Werk der Vermittlung arbeitet Amos Fröhlich seit Jahrzehnten: Unaufgeregt, aber beharrlich. Nüchtern, aber eindringlich. Und auf diese Weise hat er in all den Jahren zahlreiche Menschen bewegt und somit auch erreicht. Er leistet im schweren Feld der Völkerverständigung wertvolle Basisarbeit.
 
Wie schon sein Vater Julius ist Amos Fröhlich bis heute unserer Stadt tief verbunden – der Stadt, die er mit Kindheitserinnerung verbindet, in der jeden Winkel kennt, über die er mehr weiß als viele Menschen, die ihr ganzes Leben hier verbracht haben. Hier hat er Freunde, mit denen er seit Jahrzehnten in Kontakt steht,  teils seit Kindertagen.
 
Es freut mich daher ganz besonders, dass sein Geburtsort Tuttlingen auch der Ort ist, an dem Amos Fröhlich heute diese außergewöhnliche Ehrung erhält. Und auch Tuttlingen ist stolz darauf, dass Sie, lieber Amos Fröhlich, ein Sohn unserer Stadt sind.
 
Im Namen des Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland übergebe ich Ihnen, Amos Fröhlich, nun das
 
Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
 
Herzlich Glückwunsch.