Redensammlung

Erste Begehung Historischer Pfad Lager Mühlau, Donnerstag, 8. Mai 2014


Grußwort
TEIL I – Bei Gedenkstein vor IKG

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Landtagspräsident,
sehr geehrter Herr Landrat Bär,
sehr geehrte Familie Kretz,
sehr geehrte ehemaligen Lagerinsassen,
sehr geehrter Herr Beiswenger,
sehr geehrte Frau Dietz,

zur feierlichen ersten Begehung des historischen Gedenkpfades „Lager Mühlau“ heiße ich Sie herzlich willkommen. Ich begrüße herzlich

- Herrn Landtagspräsident Guido Wolf
- Herrn Landrat Bär
- und die Mitglieder des Gemeinderates, die im Oktober 2012 einstimmig beschlossen haben, diesen Gedenkpfad anzulegen.

Besonders aber freut es mich, heute mehrere Menschen begrüßen zu dürfen, deren eigene Lebensgeschichte eng mit dem Lager Mühlau verknüpft ist:

- Stellvertretend für viele ehemalige Insassen des Lagers begrüße ich Herrn Otto Beiswenger, der auch aktiv am jetzigen Projekt beteiligt war.

- Willkommen heiße ich auch Familie Kretz, die Nachfahren des ehemaligen Lagerkommandanten.

Ein herzlicher Gruß gilt natürlich auch den Mitwirkenden des Projekts, allen voran der Künstlerin Madeleine Dietz, den Sponsoren und der Presse.

Heute jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 69. Mal. Am 7. Mai 1945 unterzeichnete Generaloberst Jodl, der Chef des Wehrmachtführungsstabes, das Waffenstillstandabkommen und gab damit die bedingungslose Kapitulation der deutschen Truppen bekannt. Am 8. Mai trat sie dann in Kraft.

Wir haben dieses Datum bewusst als Tag für die erste Begehung unseres Gedenkpfades Lager Mühlau gewählt. Schließlich ist die Geschichte des Lagers eng mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen verknüpft.

Heute gilt der 8. Mai nicht mehr als Tag der Kapitulation sondern als Tag der Befreiung. Bahnbrechend für diese Neubewertung war die Rede des früheren Bundespräsident Richard Weizsäcker im Jahr 1985. Nicht mehr Kapitulation und Niederlage, sondern Befreiung von Krieg und NS-Diktatur sind seit Weizsäckers Rede der Grundtenor der Erinnerungskultur. "Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung", meinte Weizsäcker 1985.

Ganz in diesem Sinne ist es uns wichtig, auch mit dem Gedenkpfad Lager Mühlau ein Stück Erinnerungskultur zu pflegen.

Auf diesem, zur Zeit seiner größten Ausdehnung 12,3 Hektar großen Areal, spielten sich Schicksale ab, die wir uns als Nachkriegsgeborene nicht mehr vorstellen können. Umso mehr ist es unsere Pflicht, die Erinnerung an diese Zeit als Mahnung zu bewahren:
- Die Erinnerung an die Verbrechen eines Unrechtsregimes und seine Folgen.
- Und die Erinnerung an die Folgen von Krieg.

Erst seit wenigen Tagen wird im Zusammenhang mit der Ukraine immer wieder von der Gefahr eines Dritten Weltkriegs gesprochen. Umso wichtiger ist es, sich stets bewusst zu halten, was ein Weltkrieg bedeutet. Und vor allem welche Folgen er für die Millionen von Menschen hatte.

Konkret erinnern wir hier im Lager Mühlau an zwei Kapitel der Geschichte:

- Wir erinnern an die Schrecken der NS-Diktatur, die vor allen die Zwangsarbeiter, die hier auf engstem Raum eingesperrt waren, zu erleiden hatten.

- Und wir erinnern an die rund 400.000 deutschen Kriegsgefangenen, die dieses Lager nach dem Krieg passierten.

Besonders von 1945 und 1948, als das Lager Transit- und Entlassungslager der französischen Besatzungsmacht war, hatte es eine Bedeutung, die weit über Tuttlingen hinaus reichte. Es war eines von drei Entlassungslagern in der französischen Zone, in denen über das Schicksal der gefangen genommenen Wehrmachtssoldaten entschieden wurde. Rund 70 000 kamen von hier aus für längere Zeit in französische Kriegsgefangenschaft. Rund 300 000 bis 400 000 erhielten aber in Tuttlingen ihre Entlassungspapiere. Nach dem Ende des NS-Regimes, des Krieges und der Kriegsgefangenschaft konnten die ehemaligen Soldaten  jetzt ihr Leben neu in die Hand nehmen. Man kann es auch so ausdrücken: Für rund 400 000 Menschen endete der Krieg in Tuttlingen.

Dieser Aufbruch und die Herausforderungen, die nach der Entlassung folgten, symbolisiert das erste von zwei Kunstwerken von Madeleine Dietz. Es trägt die Inschrift „Freiheit leben“ – und steht ziemlich genau an der Stelle, wo die Entlassenen das Lager verließen.

Ein zweites Kunstwerk mit dem Titel „Weder offen noch zu“ markiert den Ort, an dem die Gefangenen einst von einer Bahnrampe aus ins Lager kamen. Die beiden Kunstwerke stehen also für Übergangssituationen: Den Weg in die Gefangenschaft – und den Weg in die Freiheit.

Die beiden Arbeiten von Madeleine Dietz sind die markantesten Stationen des Gedenkpfades. Ziel war dabei, ein Bewusstsein für die Geschichte des Lagers zu schaffen. Dies gilt besonders, weil sich heute auf diesem geschichtsträchtigen Boden über tausend Schüler täglich bewegen. Gleichzeitig lässt die jetzige Bebauung lässt kaum Rückschlüsse über die frühere Nutzung zu. Der Erinnerungsstein der ehemaligen Lagerinsassen, der 1983 errichtet wurde, und eine kleine Tafel waren bisher die einzigen Zeugen der Vergangenheit.

Der Gedenkpfad will zunächst einmal die Dimension des Lagers erfahrbar zu machen. Dazu wurden die Ecken mit sechs Punkten markiert. Drei zentrale Felder ergänzen den Pfad. Jeder Punkt ist mit Bodenintarsien markiert, von denen bei Dunkelheit manche Steine leuchten. Ein Besuch bei Nacht lohnt sich also.

Erläuterungstafeln erläutern jede Station und greifen verschiedene Aspekte der Lagergeschichte auf. Die zentrale Informationstafel unterhalb des Parkplatzes gibt einen Gesamtüberblick über die Geschichte.
Bewusst wurde die Tafel neben den Gedenkstein gestellt, den die früheren Lagerinsassen 1983 bei einem Treffen aufgestellt hatten. Schon damals existierte der Wunsch, an diesen Ort zu erinnern.

Der Rundweg markiert die Ausmaße des Lagers. Er folgt den Grenzen des Lagers und hat einen Umfang von 2,3 Kilometern. Zurzeit ist der Weg sogar noch etwas länger, da man wegen der Brückenverbreitung einen Umweg gehen muss.

Die erste Station ist an der Haupttafel hier beim IKG. Dann geht es weiter über das Tor „Freiheit Leben“ und dann immer den Pfeilen folgend zu den insgesamt neun Stationen.

Heute begehen wir diesen Pfad nun zum ersten Mal. Und bei dieser Gelegenheit möchte ich mich herzlich bei allen bedanken, die das Projekt möglich gemacht haben.

Finanziell gefördert wurde es durch den Naturpark Obere Donau mit Mitteln des Landes Baden-Württemberg und der Europäischen Union.

Die Aesculap AG stiftete die Tafeln.

Dem Büro Dreiseitl danke ich für die Idee mit den Bodenintarsien.

Innerhalb der Verwaltung war der Gedenkpfad eine Kooperation der Kulturabteilung und der Grünplanung. Aktiv waren dabei
- Gunda Woll
- Anna-Maria Ehrmann-Schindlbeck
- Margret Rieß
- Jochen Rapp

Bevor wir losgehen, hören wir zwei Lehrer, Andreas Jany und Thomas Zepf. Sie haben an einem Schulprojekt mitgearbeitet, bei dem sich Schülerinnen und Schüler mit dem Thema befassten. Vor allem aber werden sie berichten, wie Schülerinnen und Schüler das Thema in Zukunft nahegebracht werden soll. Immerhin geht es um das Areal, auf dem heute ihre Schule steht.

Nach dem Rundgang sehen wir uns dann in der Aula wieder. Die Festrede zum heutigen Tage wird dort Landtagspräsident Guido Wolf halten.

Nun aber sind wir gespannt auf den Beitrag von Andreas Jany und Thomas Zepf.