Die architektonische Idee 

Sie trennt zwar nur ein Jahrzehnt, doch der Charakter der beiden Gebäude ist ein völlig unterschiedlicher: Im IKG spürt man noch die fortschrittsgläubige Großzügigkeit der 1960er-Jahre mit lichten und breiten Gängen und einem riesigen Foyer. Im OHG wirkt alles schon etwas bescheidener und auf den eigentlichen Zweck reduziert. Immerhin: Der Pragmatismus der 1970er-Jahre kam auch in Tuttlingen bunt daher – im Falle des OHG in knallgelb.

Innenansicht des IKG

„Mit zwei so verschiedenen Gebäuden zu arbeiten, war eine sehr spannende Aufgabe“, sagt Architekt Peter Franck. Er gehört zum Team des Münchner Büros Krug Grossmann Architekten, das zusammen mit dem Büro Ernst² die Sanierung beider Schulen planerisch plante und begleitete.

Grundlage für die Architekten war das pädagogische Konzept, das im Vorfeld gemeinsam mit den Schulen erarbeitet wurde. Dabei wurden schnell zwei Dinge deutlich: Zum einen reichen die vorhandenen Räume nicht aus. Und zum anderen ist in den bestehenden Bauten eine völlig neue Raumaufteilung nötig. Im Fall des IKG führte dies zum Beispiel dazu, dass die Fachräume weitgehend in den Turm wanderten, wo früher die Oberstufe unterrichtet wurde. Die heutige Sekundarstufe II ist nun im Ostflügel des IKG untergebracht – und zwar als gemeinsame Stufe von IKG und OHG.

Außenansicht des IKG

Im OHG waren die Änderungen noch drastischer: Da es hier fast nur Leichtbauwände gab, wurde der Bau nahezu komplett entkernt und neu aufgebaut. Direkt neben dem frisch aufgebauten Altbau entstand ein zusätzlicher Trakt für Fachräume. Er ist übrigens der einzige komplette Neubau, der im Rahmen des Projekts errichtet wurde.

Trotz aller Änderungen: Der grundlegende Charakter beider Gebäude sollte erhalten bleiben. Das betrifft vor allem das IKG mit seiner sehr hochwertigen Innenausstattung aus den 1960er-Jahren: Die Natursteinböden im Foyer oder das wertvolle Massivholzparkett in der Aula wurden ebenso restauriert wie die künstlerisch gestalteten Betonelemente mit ihrer geometrischen Formensprache.

Innenansicht des IKG

Auf die Aula und ihr 60er-Jahre-Flair legten die Architekten dabei ein besonderes Augenmerk – allein schon aus dem Grund, dass eine separate Schulaula heute eine Besonderheit ist. Im Raumprogramm eines Neubaus hätte sie nie Platz gefunden. Umso wichtiger war es, den originalen Charakter des Raums zu bewahren: So wurden zum Beispiel die Wandelemente aus Eiche größtenteils erhalten und neue Wandelemente in Ornamentik und Aussehen an die bestehenden angepasst. Bewusst wurden auch normale Alterungsspuren in Kauf genommen. Dass sich dahinter nun neueste Veranstaltungstechnik verbirgt, muss man wissen.

Ähnliches gilt für das ganze Projekt: Denn ein großer Teil des Aufwandes fiel hinter den Kulissen an und fällt im Alltag so gut wie nicht auf. Schließlich entsprach bei den 50 bis 60 Jahre alten Gebäuden fast nichts mehr den heutigen Vorgaben und Standards – egal ob Haustechnik, Brand- oder Wärmeschutz. Und der Turm des IKG musste zusätzlich auch den neuesten Vorgaben in Sachen Erdbebensicherheit angepasst werden.

Außenansicht des OHG

Als IKG und OHG gebaut wurden, waren es zwei komplett getrennte Gymnasien. Eigenständige Schulen mit eigenen Profilen sind sie weiterhin, die Schnittmengen sind im Laufe der Jahrzehnte aber deutlich größer geworden. Dass es zum Beispiel eine gemeinsame Sekundarstufe II gibt, dürfte ein Alleinstellungsmerkmal sein. Auch das schlug sich im Raumprogramm und der Architektur nieder.

Besonders deutlich wird die Betonung der Gemeinsamkeiten in der Außengestaltung. So wurden alle Gebäude mit einer einheitlichen Keramikfassade verkleidet, die freilich auch Platz für subtile Unterschiede lässt. Sichtbar werden diese durch die farblich abgesetzten Fensterleibungen und Sonnenjalousien. Diese geben deutliche Hinweise auf die jeweilige Schule: Beim OHG blieb es beim traditionellen Gelb, beim IKG gab es einen Wechsel zu frischen Grüntönen. Dieses Farbkonzept zieht sich durch den gesamten Campus - der nun auch mehr als bisher als solcher wahrgenommen wird. Und der Ostflügel des IKG, wo die Sekundarstufe II beider Schulen unterrichtet wird? Hier mischen sich Gelb und Grün in vergleichbaren Anteilen.

Innenansicht des OHG

Zahlen und Daten

Bauausführung: 2020 – 2026

Projektkosten (netto): 75,9 Millionen Euro

Umbauter Raum: 86.000 m³

Nutzfläche: 16.000 m²