Redensammlung

Eröffnung der Ausstellung "Grafeneck 1940 – Geschichte und Erinnerung" - Montag, 23. Mai 2016


„Grafeneck 1940 – Geschichte und Erinnerung“ heißt die Ausstellung, die wir heute eröffnen. Die Ausstellung ist das Begleitprogramm zu einer Kunstaktion, die wir am morgigen Vormittag erleben werden: Ab 9 Uhr wird der Künstler Gunter Demnig die ersten Tuttlinger Stolpersteine verlegen. Auch in unserer Stadt wird man künftig Teile des größten dezentralen Denkmals der Welt finden. Ich darf Sie heute bereits herzlich dazu einladen.
 
Den Beschluss, auch in Tuttlingen Stolpersteine zu verlegen, fasste der Gemeinderat im Herbst 2014. Dies ist nicht allzu lange her. Gerade mal eineinhalb Jahre. Doch in diesen eineinhalb Jahren haben sich Dinge ereignet, die man noch kurz zuvor für undenkbar gehalten hätte:
  • In mehreren deutschen Städten finden Woche für Woche fremdenfeindliche Demonstrationen statt – und dies mit oft mehreren tausend Teilnehmern.
  • Die Zahl der rechtsextremen Straftaten in Deutschland ist stark angestiegen - besonders extrem die Gewalt gegen Flüchtlinge: Laut BKA gab es 2015 insgesamt 924 Straftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte, 2014 waren es 199 – also eine Steigerung um 364 %
  • In zahlreichen Landesparlamenten haben Rechtspopulisten Platz genommen – teils mit deutlich zweistelligen Ergebnissen.
  • In mehreren europäischen Staaten stellen rechtspopulistische Parteien die Regierung, sind an Regierungen beteiligt oder liegen in Wahlprognosen weit vorne.
  • Und in einigen dieser Staaten werden Grundregeln der Demokratie wie die Freiheit der Presse oder die Unabhängigkeit der Justiz Stück für Stück demontiert.
All dies, meine Damen und Herren, hat sich in den letzten eineinhalb Jahren zugetragen. Und auch in Tuttlingen spüren wir diese Entwicklung: Für den 12. Juni ist eine Demonstration mit eindeutig asylfeindlichem Hintergrund angemeldet. Zwar stammen die Initiatoren nicht aus der Stadt – und ich warne auch davor, einer Gruppe von auswärts angereisten Hetzern zu viel Bedeutung zu schenken. Deutlich wird dennoch, dass Ausgrenzung, Vorurteile und der Hass gegen Minderheiten auch bei manchen Menschen in unserer Stadt auf fruchtbaren Boden fallen.
Vor diesem Hintergrund sind die Stolpersteine aktueller denn je – leider auch aktueller als zum Zeitpunkt des Gemeinderatsbeschlusses. Denn je stärker rechtsextreme Tendenzen werden, desto wichtiger ist es, die Erinnerung wach zu halten: Die Erinnerung an die Folgen einer Ideologie, die auf Vorurteilen und Ausgrenzung beruhte und die auf direktem Weg zu Krieg und Massenmord führte.
 
Die Stolpersteine sind das jüngste mehrerer Projekte zur Erinnerungskultur in unserer Stadt. 2014 weihten wir den Gedenkpfad Lager Mühlau ein, 2015 den Julius-Fröhlich-Platz.
 
Denn je weniger die lebenden Zeugen werden, desto wichtiger ist eine Gedenkultur, die an diese Verbrechen erinnert -  als Warnung, dass so etwas nie wieder geschehen darf. Wir wollen an die Opfer und die Leidtragenden des menschenverachtenden Systems erinnern, und diese Verpflichtung in die Zukunft tragen. Deshalb brauchen wir Mahnmal und Gedenkstätten – mehr denn je.
 
Nach dem Krieg suchte man das Vergessen, in den späten 60er Jahren suchte die revoltierende Jugend nach Aufklärung. Aufgearbeitet wurden in den 1980er Jahren vor allem die Schicksale der jüdischen Bewohner und der Widerständler. Nicht beachtet wurden lange Zeit die Opfer, denen unsere Ausstellung gewidmet ist und von denen es – nach heutigem Kenntnisstand – auch 36 aus Tuttlingen gab. Denn die Euthanasie-Opfer wurden lange vergessen, manchmal auch in den Familien.
 
Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auf dem Tuttlinger Friedhof ein Ehrenmal errichtet, auf dem alle damals bekannten NS-Opfer benannt wurden. Dort finden wir zahlreiche der Namen, doch deren Spuren verloren sich später oft. Jetzt – im Rahmen des Stolperstein-Projekts -  wurde begonnen, die biografischen Informationen zu diesen Personen zu erforschen zu sammeln und zu dokumentieren. Damit wurden diese Opferschicksale aufgearbeitet.
 
Neben dem Holocaust gehört der Mord an Kranken und Behinderten - oder solchen, die man als krank und behindert erklärt hatte - zu den abscheulichsten Verbrechen der nationalsozialistischen Diktatur.  Es waren die Schwachen, die sich nicht wehren konnten, die als erste Opfer des verbrecherischen Regimes wurden. Es erfüllt mich und viele andere mit Trauer, mit Unverständnis und mit Wut, dass es möglich war, die besonders Hilfsbedürftigen, so unmenschlich und sadistisch, so systematisch und rücksichtslos, umzubringen.
 
Mehr als 70.000 Menschen starben in sechs so genannten Tötungsanstalten. Eine davon war Grafeneck, das jetzt zur Gemeinde Gomadingen gehört und idyllisch auf der Schwäbischen Alb liegt.
Die Ausstellung, die wir heute eröffnen, berichtet über die Verbrechen, die dort begangen wurden.
 
Für drei dieser Opfer aus Grafeneck verlegen wird morgen je einen Stolperstein. Gewidmet sind sie Pauline Dold, Franz Klaiber und Albert Ulrich, die in der Anstalt Grafeneck ermordet wurden. Außerdem gedenken wir dem Kommunisten Paul Rall sowie dem Zwangsarbeiter Anoni Midinski.
 
Lassen Sie mich exemplarisch kurz auf die Geschichte von Franz Klaiber eingehen.
Franz Klaiber war ein Kriegsveteran – ein Mensch, der seelisch gebrochen aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrte. Er hatte seine Gesundheit für sein Vaterland geopfert. Wenige Jahre nach Kriegsende wurde er arbeitsunfähig, die Folgen des Krieges hatten zu einem unheilbaren Nervenleiden geführt. Mehrere Aufenthalte in Heilanstalten folgten, eine Genesung war nicht mehr abzusehen. In der menschverachtenden Ideologie der Nazis galt sein Leben nun als „wertlos“ – 1940 wurde er in Grafeneck ermordet.  Seine Familie wurde nach seiner Tötung und Einäscherung benachrichtigt. Sie ließ die Urne nach Tuttlingen überführen und beisetzen. Hier erkannte man das Schicksal dieses Opfers und begrub ihn gleich auf dem Ehrenfriedhof bei den anderen Opfern des Ersten Weltkriegs - ein Grund auf die Tuttlinger stolz zu sein, wer immer diese Entscheidung auch getroffen haben mag. Sein Grab ist heute noch dort zu sehen.
 
Es sind Einzelschicksale wie das von Franz Klaiber, die die ganze Grausamkeit der Geschichte deutlich werden lassen - deutlicher als Zahlen und Statistiken. Umso wichtiger ist es, die Erinnerung an diese Menschen wach zu halten. Denn ich bin überzeugt: Wer sich mit diesen Schicksalen auseinandersetzt, müsste eigentlich - insofern er auch nur eine Mindestmaß an Empathie verfügt -  immun sein gegen die Rufe rechter Rattenfänger.   
   
Ich möchte mich daher bei denen bedanken, die sich für die Erforschung der Schicksale stark gemacht habe:
 
Stadtarchivar Alexander Röhm
Kreisarchivar Dr. Hans-Joachim Schuster
Museumsleiterin Gunda Woll.
 Außerdem möchte ich mich bei allen bedanken, die diese Forschung unterstützt haben.
 
Meine Damen und Herrn,
der ehemalige Bundespräsident Prof. Dr. Roman Herzog proklamierte den 27. Januar als Gedenktag für die Opfer den Nationalsozialismus mit folgenden Worten:
„Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“
 
Mit der Aufarbeitung der Geschichte der Tuttlinger Euthanasieopfer und der morgigen Verlegung der ersten Stolpersteine haben wir einen Schritt in diese Richtung getan.