Redensammlung

OB Michael Beck zum Volkstrauertag: "Zeichen gegen Hass, Gewalt und Terror setzen"


Zu einer Gedenkfeier für die Opfer der Pariser Terroranschläge wurde der Volkstrauertag in Tuttlingen. OB Michael Beck forderte dazu auf, sich für Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe und gegen Hass und Gewalt zu engagieren. Dies seien wir den Opfern in Paris und überall auf der Welt schuldig.

Hier Becks Rede im Wortlaut:

Meine sehr geehrten Damen
und Herren,

im Namen der Stadt Tuttlingen und des Gemeinderates begrüße ich Sie zu unserer diesjährigen Gedenkfeier zum Volkstrauertag auf dem Alten Friedhof.

Wir alle sind noch schockiert und haben die furchtbaren Bilder aus Paris in unseren Köpfen. Wieder einmal wurde uns in Erinnerung gerufen, dass es auch in Europa keine Sicherheit vor Terror und Gewalt gibt. Und dass der Hass, den manche Menschen in sich tragen, jede normale menschliche Regung überwindet.

Bevor wir also mit der offiziellen Feier zum Volkstrauertag beginnen, bitte ich Sie, dass wir nun schweigend der über 120 unschuldigen Opfer von Paris gedenken. Lassen Sie uns von Tuttlingen aus ein Zeichen der Solidarität nach Frankreich senden.

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Meine Damen und Herren,
die brutalen Attentate von Paris zeigen, wie wichtig es ist, dass Menschen weltweit aufstehen, um Zeichen gegen Hass, Gewalt und Terror zu setzen – egal, welcher Nation oder welcher Religion sie angehören. Der heutige Volkstrauertag ist ein passender Anlass dafür. Ich danke daher all denen, die heute ihren Beitrag zu dieser Feier leisten:

- Edith Schmidts von der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen, die im Anschluss die Flamme am Vertriebenendenkmal entzünden wird
- dem Städtischen Blasorchester unter der Leitung von Klaus Steckeler, das mit „Über allen Gipfeln ist Ruh“  diese Feierstunde sehr stimmungsvoll eröffnet hat
- den Schülerinnen und Schülern der Klasse 8 der Hermann-Hesse-Realschule, die uns gemeinsam mit ihrer Lehrerin Sabine Hagedorn den Beitrag „Mauern überwinden“ zeigen werden
- den Vertretern der Gemeinderatsfraktionen, die nachher gemeinsam mit mir den Kranz niederlegen werden
- und natürlich unserem heutigen Hauptredner, Dekan Sebastian Berghaus
Meine Damen und Herren,

über 120 unschuldige Menschen fielen den Attentaten von Paris zum Opfer. Es waren Männer und Frauen wie Sie oder ich - Menschen, die einfach nur einen gemütlichen Abend im Restaurant genießen wollten, die ein Konzert besuchten, oder die als Polizist ihren Dienst taten. Sie verloren ihr Leben, weil sich Terroristen in ihrer grenzenlosen Verblendung und Anmaßung zu Herren über Leben und Tod erklärten. Unser aller Mitgefühl gilt den Opfern und ihren Angehörigen, die nun mit dem Verlust ihrer Liebsten leben müssen.

Die Attentate von Paris zeigen uns nur zu deutlich, dass in einer globalisierten Welt nicht nur Waren oder Reisende keine Grenzen mehr kennen, sondern auch die Konflikte dieser Welt. Sie erinnern uns auf schmerzhafte Weise daran, dass nach dem Ende des Kalten Krieges vor 25 Jahren andere Fronten entstanden sind – Fronten, die leider noch irrationaler sind als das einstige Gegenüber von Kommunismus und westlicher Demokratie.

Diese Fronten haben sich in den letzten Jahren verhärtet. Und mit ihnen der Hass der islamistischen Terroristen auf alles, was als westlich gilt: Unsere Art zu leben, unsere Demokratie, unsere pluralistische und freiheitliche Gesellschaft.

Wie müssen allerdings auch feststellen: Alle Versuche des Westens, mit militärischen Mitteln im Nahen Osten einzugreifen, sind gescheitert. Sie haben die Welt nicht sicherer gemacht – im Gegenteil. Jeder militärische Schlag gegen Al Qaida, gegen die Taliban, gegen den IS hat neue Kämpfer hervorgebracht.

Die Terroristen von Paris gaben vor, im Namen des Islam zu handeln. Dies macht mir Angst. Zum einen, weil sich religiöse Fanatiker, denen auch ihr eigenes Leben egal ist, durch kein rationales Argument mehr stoppen lassen. Es handelt sich um tickende Zeitbomben, die jederzeit und überall hochgehen können. Zum anderen fürchte ich um das gute Zusammenleben der verschiedenen Religionen – auch in unserer Stadt. In der jetzigen Situation kann ich daher nur an die Vernunft appellieren: Denn wer nun alle Muslime unter Generalverdacht stellt, vertieft die Gräben zwischen den Kulturen, grenzt Menschen aus und trägt so im schlimmsten Fall dazu bei, dass sie radikalisiert werden.

Aber auch an muslimischen Mitbürger appelliere ich: Stehen Sie auf, lassen Sie es nicht bieten, dass Ihr Glauben von Verbrechern in Misskredit gebracht wird. Wehren Sie sich dagegen, dass Mörder vorgeben, im Namen Ihrer Religion zu handeln. Machen Sie deutlich, dass ein Selbstmordattentäter kein heldenhafter Märtyrer ist, auf den die Familie stolz sein kann, sondern ein feiger Verbrecher, der nur Verachtung verdient.

Die großen Konflikte der Welt können wir nicht durch gegenseitige Schuldzuweisungen lösen, sondern nur im Dialog. Dieser darf nicht abbrechen – auch und gerade nicht nach diesem Freitag.
 
Nur gemeinsam können wir die Herausforderungen bewältigen, die wir auch in unserer Stadt haben. Denn die Konflikte der Welt führen dazu, dass auch zu uns Menschen kommen, die vor genau diesen Konflikten geflohen sind.

Auch vor diesem Hintergrund hebt sich der heutige Volkstrauertag von früheren Gedenktagen ab. Auch damals wurde viel von Krieg, Gewalt, Flucht und Vertreibung auf der Welt gesprochen – aber es hatte hier in Tuttlingen eher theoretischen Charakter. Es war in der Regel weit weg. In diesem Jahr haben die Opfer dieser Konflikte Gesichter bekommen. Sie leben unter uns.

Alleine in Tuttlingen wohnen mittlerweile 400 Flüchtlinge – und dies sind nur die, die noch auf den Ausgang ihres Asylverfahrens warten. Dazu kommen jene, die bereits anerkannt und geduldet sind. Und wöchentlich werden es mehr.  

Die Flüchtlinge von heute lenken gleichzeitig unseren Blick auf die Opfer von gestern. Wie war es damals, als auch aus Deutschland Menschen fliehen mussten, weil sie anderen Glaubens oder einer anderen politischen Überzeugung waren? Als Millionen von Menschen mitten in Europa starben – auf den Schlachtfeldern, in den Konzentrationslagern, in den Flüchtlingstrecks oder in ihren zerbombten Wohnungen? Wie war es mit denen, die nach dem Krieg vertrieben wurden, weil sie Deutsche waren? Und wie kamen diese Entwicklungen erst in Gang? Wie war es möglich, dass binnen weniger Jahre aus Deutschland - auch damals eines der wirtschaftlich, wissenschaftlich und kulturell am weitesten entwickelten Länder der Welt -  binnen weniger Jahre eine brutale Diktatur wurde, die Unterdrückung, Mord und Krieg über die halbe Welt brachte?

Diese Fragen müssen uns auch im Herbst 2015 beschäftigen. Denn unser Land zeigt derzeit ein zwiespältiges Bild.

Auf der einen Seite sehen wir eine nach wie vor ungeahnte Hilfsbereitschaft, wir sehen Menschen, die Zeit, Kraft, Empathie und Geld geben, um Schwächeren zu unterstützen, um Flüchtlinge in unserer Gesellschaft willkommen zu heißen und ihnen helfen, den Weg in unsere Gesellschaft und unser Wertesystem zu finden. Diese Menschen müssen wir nach Kräften unterstützen.

Wir sehen Menschen, die guten Willens sind, aber Zweifel haben, ob unser Land diese Herausforderungen meistern wird. Die auch Sorgen haben – gerade auch nach den Pariser Anschlägen. Deren Sorgen müssen wir ernst nehmen. Wir müssen ihnen klar machen, dass es ja gerade dieser Terror ist, vor dem die Menschen geflohen sind, dass sie Opfer und nicht Täter sind. Und gerade wir als politisch Verantwortliche müssen alles dafür tun, damit Angela Merkel mit ihrem optimistischen Wort „Wir schaffen das“ Recht behalten wird.
 
Wir sehen aber auch Menschen, die unverhohlenen Hass äußern – und die aus den Morden vom Freitag nun auf widerwärtige Weise Kapital schlagen. Schon seit Wochen schwadronieren sie auf Versammlungen vom 1000-jährigen Deutschland oder bedauern, dass die KZs leider gerade geschlossen seien. Sie tragen Galgen durch die Straßen, an denen sie Politiker aufknöpfen möchten. Sie verüben Attentate auf Politiker, die sich für Flüchtlinge einsetzen. Und sie zünden Flüchtlingsheime an, schrecken nicht vor Mord zurück und üben Gewalt gegen die Menschen aus, die zu uns kamen, um Schutz zu suchen. Abscheulicher geht es nicht, weiter kann man sich von den Werten unserer Gesellschaft nicht entfernen. Gegen diese Menschen müssen wir uns als Christen, Demokraten und Humanisten mit aller Kraft entgegen stellen.

Denn mit Hassparolen auf den Straßen begann auch das düsterste Kapitel unserer Geschichte, das zum Holocaust und zum Zweiten Weltkrieg führte. In einem Kommentator des „Spiegel“ hieß es dieser Tage:

„Wenn es so weitergeht, herrscht bald jenes Klima der Verrohung, das es bei uns zuletzt in den Zwanzigerjahren gab, zu Zeiten der Weimarer Republik, jenem rüden deutschen Jahrzehnt, das den Boden bereitete für das brutalste Jahrzehnt der Weltgeschichte.“

Meine Damen und Herren,
der Volkstrauertag wurde in früheren Jahren oft als überholtes Ritual bezeichnet. Eine Gedenkfeier, an der von Jahr zu Jahr weniger Menschen teilnehmen, und die sich irgendwann überlebt hat. Diese Einschätzung war schon immer falsch. Und in diesem Jahr zeigt sich, dass der Volkstrauertag so aktuell ist, wie nie zuvor.
   
Am heutigen Volkstrauertag gedenken wir daher all der Opfer, die Krieg und Terror auf dieser Welt forderten – und bis heute fordern.

Wir gedenken all der Menschen, die unterdrückt, verfolgt und ermordet wurden und werden, weil sie einem anderen Glauben oder einer anderen Volksgruppe angehörten, weil sie anders dachten oder lebten.

Wir gedenken der Menschen, die verjagt und vertrieben wurden, ihre Heimat und alles, was ihnen lieb und wichtig war, hinter sich lassen mussten.

Der heutige Gedenktag muss daher auch ein klares Bekenntnis sein:

- Für christliche Nächstenliebe, für Mitmenschlichkeit, Hilfsbereitschaft und Toleranz
- Gegen Krieg, Gewalt und Terror
- Gegen Hass, Rassismus und Vorurteile

All dies sind wir den Opfern schuldig – in Paris und überall anderswo in der Welt.