Redensammlung

Volkstrauertag 2019 – Sonntag, 17. November 2019 – 11.00 Uhr Ehrenfriedhof


Meine sehr geehrten Damen und Herren,
 
ich begrüße Sie herzlich zum Volkstrauertag 2019.
 
Eine technische Information gleich vorneweg: Unsere Tonanlage ist jetzt so optimiert, dass wir Hörhilfen in Form von Kopfhörern zur Verfügung stellen. Wenn Sie Interesse haben: Wenden Sie sich bitte an die anwesenden städtischen Mitarbeiter.
 
Meine Damen und Herren,
es freut mich, dass Sie heute morgen auf den Ehrenfriedhof gekommen sind. Denn der Volkstrauertag ist kein bequemer Anlass – es ist immer ein Anlass, sich grundlegenden Fragen zu stellen – Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.
 
Umso herzlicher begrüße ich alle diejenigen, die diesen Gedenktag heute Vormittag gemeinsam gestalten werden.
 
Ich begrüße das SBO unter der Leitung von David Krause. Dass unser städtisches Blasorchester diesem traditionellen Gedenktag zu einem würdigen Rahmen verhilft, ist eine schöne Tradition, über die ich mich immer wieder freue.
 
Ein herzliches Willkommen an Martin Brenndörfer vom Verband der Siebenbürger Sachsen. Er sorgt dafür, dass auch das tragische Kapitel von Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in Vergessenheit gerät.
 
Einen herzlichen Gruß an die Schülerinnen und Schüler des IKG und ihrem Lehrer Matthias Bortlik. Ihren Beitrag finde ich besonders wichtig. Denn wer, wenn nicht die jungen Menschen von heute, sind in der Lage, das Gedenken an Krieg und Gewalt weiter zu tragen?
 
Ich freue mich, dass die Vertreter der Gemeinderatsfraktionen nachher gemeinsam mit mir den Kranz niederlegen werden.
 
Und ganz besonders freue ich mich über unseren Hauptredner, unseren Bundestagsabgeordneten Volker Kauder. Er hat über viele Jahre die Politik in Berlin nicht nur aus nächster Nähe erlebt, er hat sie auch aktiv mitgestaltet – und er weiß daher, wie schwer es ist, auf der internationalen Bühne für Frieden und Ausgleich und gegen nationale Egoismen zu kämpfen. Ein Thema beschäftigt ihn auch persönlich seit vielen Jahren besonders: Die Verfolgung von Christen in vielen Teilen der Welt. Hier wird er ständig damit konfrontiert, welche Folgen Krieg, Gewalt, Hass und Diskriminierung auch heutzutage haben – Tag für Tag.
 
Meine Damen und Herren,
erst vor einer Woche haben wir ein Jubiläum gefeiert: 30 Jahre ist es her, dass die Berliner Mauer gefallen ist. Und wieder haben wir uns an den Bildern erfreut, die damals um die Welt gingen. Die Menschen, die sich in den Armen lagen, die Freudentränen, die „Wahnsinn“-Rufe.
 
Damals, vor 30 Jahren, hatten viele das Gefühl, dass mit dem Fall der Mauer und kurz danach mit Ende des Ost-West-Konfliktes auch ein Ende der bedrohlichen Konfliktsituationen auf der Welt gekommen sei. Schließlich gab es wohl nichts, was die Menschen in den 1980er-Jahren mehr beunruhigte als die Angst vor dem Atomkrieg, vor einem Konflikt der Supermächte USA und UdSSR. Die Angst vor der nuklearen Apokalypse hatte ein ganzes Jahrzehnt geprägt. Nun, Ende 1989, waren viel überzeugt, dass wir das größte Problem der Menschheit gelöst hätten.
 
Heute, nach 30 Jahren, sehen wir es anders. Und ich denke, neben vielen der heutigen Probleme wirkt der Ost-West-Konflikt von einst fast schon überschaubar.
  • Wir leben in einer Zeit, in der die berechtigte Sorge vor einer ökologischen Katastrophe so präsent ist wie nie zuvor. Und zu der Sorge kommt die Erkenntnis, dass ein radikaler Umstieg – wenn überhaupt – vermutlich nur mit erheblichen sozialen Härten machbar wäre – die wiederum Konflikte nach sich ziehen würden. Abgesehen davon, dass dieser Umstieg auch in Ländern stattfinden müsste, die noch gar nicht daran denken.
  • Wir leben in einer Zeit, in der Hass und Gewalt nach wie vor präsent sind wie eh und je. Die Unruheherde auf der Erde schwelen weiter – und die Konflikte werden immer wieder aufs Neue angefacht – zuletzt durch den türkischen Einmarsch im Norden Syriens. Die Folgen werden uns weiter beschäftigen. Auch mitten in Europa. Sei es durch Terrorismus, sei es durch erneute Flüchtlingsströme
  • Wir leben in einer Zeit, in der der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft schwindet, in der demokratische Grundwerte ebenso von immer mehr Menschen in Frage gestellt werden, wie die europäische Idee, die uns Jahrzehnte des Friedens bescherte. Populisten biegen die Wahrheit nach ihren Vorstellungen zurecht – und nehmen Hass und Gewalt billigend in Kauf. Und das Schlimmste: Sie haben mit dieser Politik Erfolg, ihre Stimmenanteile steigen.
  • Zuletzt in Thüringen. Und wir erleben auch, dass aus Hass immer häufiger auch tödliche Gewalt wird – zuletzt  in Halle.
 
Meine Damen und Herren,
vor diesen Hintergründen ist es wichtig, dass wir uns immer wieder daran erinnern, wozu Hass, Gewalt und Fanatismus führen können. Denn die Fähigkeit des Menschen, aus seiner eigenen Geschichte zu lernen, hält sich leider in Grenzen. Umso wichtiger ist es, manche Dinge immer wieder in Erinnerung zu rufen – sei es hier beim Volkstrauertag, sie es bei den verschiedenen Projekten und Aktionen, mit denen wir auch hier in Tuttlingen eine lebendige Erinnerungskultur pflegen.
 
Erst vor wenigen Wochen haben wir in unserer Stadt wieder Stolpersteine verlegt – sieben Steine für Menschen aus verschiedenen Gruppen. Sieben Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, ihres Glaubens oder ihrer Krankheit verfolgt, verhaftet und auch ermordet wurden. Sie wurden von Menschen verraten und verleugnet, die kurz zuvor noch Tür an Tür mit ihnen gelebt hatten.
 
Und auch in der NS-Diktatur herrschte nicht vom ersten Tag an Mord und Totschlag. Es begann scheinbar harmlos – mit Sticheleien, mit hasserfüllten Reden, mit Ausgrenzung, mit ersten Inhaftierungen. Es steigerte sich langsam – bis es irgendwann kein Zurück mehr gab. Und auch niemand mehr da war, der etwas hätte unternehmen können.
 
Meine Damen und Herren,
als der Volkstrauertag nach dem Ersten Weltkrieg ins Leben gerufen wurde, gedachte man der Toten der damals noch nicht lange zurückliegenden Schlachten. Heute spannen wir den Bogen weiter, sehen den heutigen Tag als den Tag schlechthin für alle Opfer von Krieg, Diktatur und Gewalt – und vor allem als Tag der Mahnung. Und zur Mahnung gibt es genug Anlass – ich danke Ihnen allen, dass Sie dabei sind.
 
Meine Damen und Herren,
bevor Sie auseinander gehen noch zwei Hinweise:
  • Aus Anlass des Volkstrauertags gibt es auch in diesem Jahr eine Sammlung zu Gunsten des Volksbunds Kriegsgräberfürsorge. Die entsprechenden Sammelbüchsen finden Sie am Ausgang.
  • Wie in den letzten Jahren würden wir uns freuen, wenn Sie noch etwas bei uns bleiben würden. Ich lade Sie daher herzlich ins Alte Krematorium ein – dort gibt es heiße und kalte Getränke und Zopf.