Dankeschön 60 Jahre nach Kriegsende - Ehemaliger Kriegsgefangener erinnert sich an Lager Mühlau


Ungewöhnliche Post ging dieser Tage auf dem Rathaus ein: Einen Brief mit 100 Euro in bar schickte Karl Hermann aus Ebersbach an die Stadt Tuttlingen - als Dank für die Hilfe, die er von Tuttlinger Bürgern einst im Lager Mühlau erhielt.

Während des Krieges
Knappe Versorgung: Die Gefangenen im Lager Mühlau mussten mit kleinsten
Rationen auskommen. Unsere Aufnahme stammt aus der historischen Fotosammlung
des Tuttlinger Museums im Fruchtkasten.


"Ohne die Bürgerinnen und Bürger von Tuttlingen wären wir verhungert", schreibt Karl Hermann in seinem Brief an Oberbürgermeister Michael Beck. 40 000 Menschen waren im Frühsommer 1945 im Lager Mühlau untergebracht - eine Menschenmenge, die die Logistik der französischen Armee überforderte. Die Versorgung sei schlecht gewesen, oft hätten die Gefangenen gar nichts bekommen, berichtet Karl Hermann. "Unser größter Wunsch war es, wieder einmal satt zu essen", sagt er.

In dieser Situation setzten sich Tuttlinger Bürgerinnen und Bürger für die Gefangenen ein: Täglich, so berichtet Karl Hermann, hätten Tuttlinger Frauen Suppe gekocht und in großen Kesseln zum Lager gebracht. "Von 9 bis 15 Uhr war Essensausgabe - so lange dauerte es, bis alle versorgt waren."

Hermann war damals 18 Jahre alt. Als Siebzehnjähriger war er nach dem Kriegsabitur eingezogen und an die Westfront geschickt worden. Auf dem Rückmarsch geriet er dann in französische Gefangenschaft - und wurde ins Tuttlinger Lager gebracht, einem von drei großen Entlassungslagern, das die französische Armee für deutsche Kriegsgefangene eingerichtet hatte und durch das insgesamt 300 000 Menschen geschleust wurden.

60 Jahre nach Kriegsende war es Hermann nun ein Bedürfnis, den Bürgerinnen und Bürgern Tuttlingens Danke zu sagen. "Diese Geste der Tuttlinger werde ich nie vergessen", schreibt er. Die 100 Euro, die Hermann seinem Brief beilegte, kommen der Bürgerstiftung zu Gute - als künftiger sozialer Einrichtung der Tuttlinger Bürger für Tuttlinger Bürger.