Bleidämpfe in der Gutenbergstraße - Ausstellung im Fruchtkasten erinnert an Geschichte des Gränzboten


"Neues aus Tuttlingen - 175 Jahre Zeitungsberichterstattung aus Tuttlingen" heißt die Sonderausstellung des Tuttlinger Museums im Fruchtkasten, die am Sonntag, 29. Januar 2006, im Foyer des Rathauses eröffnet wird. Der Anlass: Am 1. Januar 1831 gab der junge Buchdrucker Matthäus Johann Friedrich Bofinger die erste Zeitung in Tuttlingen heraus, die er "Gränz-Bote" nannte.

Bleidämpfer in der Gutenbergstraße
Der frühere Inhaber Wilhelm Blind an seinem
Arbeitsplatz als Redakteur


Die Schau gibt einen Überblick über die Zeitungen, die seit 1831 über Tuttlingen aktuell berichteten. Mehr als ein Dutzend Blätter lieferte Informationen. Die Ausstellung beschäftigt sich auch mit dem Produktionsprozess, an dessen Anfang Setzkästen und Winkelhaken standen. Ab 1907 verdrängten mächtige Linotype-Setzmaschinen den Handsatz zugunsten des Maschinensatzes. Wie dies dann aussah, dokumentierte 1952 Verleger Max Blind in einem Schmalfilm, der in der Ausstellung gezeigt wird. Alle Arbeitsschritte von der Recherche bis zum Verteilung sind dargestellt. Förmlich riechen kann man die Druckerschwärze und die aufsteigenden Bleidämpfe.

Dieses filmische Dokument lässt ahnen, wie die Produktion zu Bofingers Zeiten vonstatten ging. An Anfang erschien das Blatt wöchentlich in einer Auflage von 250 Exemplaren. Idealismus brauchte Johann Friedrich Bofinger, denn er holte das Papier im dem Leiterwagen selbst in der Kohlerschen Papiermühle. Außerdem verfasste er die Artikel, setzte und druckte die Zeitung selbst. Bereits 1842 wurde das Blatt zwei Mal in der Woche gedruckt. Seit 1879 kam täglich eine Zeitung ins Haus geflattert. Zugleich gewann das Medium immer stärkeren Einfluss auf die öffentliche Meinung.

Der "Bildung des Herzens" und der "Aufklärung des Verstandes" sollte der Gränzbote dienen, wie Bofinger in einer der ersten Ausgaben schrieb. Zunächst füllten geschichtliche Abhandlungen und Gedichte das Blatt, und der Besuch des Württembergischen Königs Wilhelm am 29. Juli 1831 löste eine wahre Versflut aus. Während Bofinger seine Inhalte vor dem Druck dem Oberamt zur Vorzensur vorlegen musste, konnten nach Einführung der Pressefreiheit 1848 Informationen und Meinungen ohne Einschränkung veröffentlicht werden. Demonstrativ blieb 1832 eine Seite einer Ausgabe fast leer, nur die Überschrift. "Protestation eines alten Teutschen" war übrig geblieben, der restliche Text war dem Rotstift der Obrigkeit zum Opfer gefallen.

J.F Bofinger
 Schattenriss des Zeitungsbegründers J.F.Bofinger


Sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus weltanschaulichen Gründen wurden ab 1879 weitere Zeitungen gegründet, die aber meist nur kurze Zeit Bestand hatten. In einer Hauptversammlung beschlossen beispielsweise die Mitglieder der Demokratischen Partei 1907, eine eigene Zeitung herauszubringen. Als Drucker gewannen sie Ernst Gagstatter. Allerdings sah sich der Verlag bereits im folgenden März mit "lebhaftem Bedauern" gezwungen die Herausgabe des Blattes einzustellen. Ähnlich erging es anderen Zeitungen.

Manchmal war es auch ein konkretes Ereignis, das den Wunsch nach einem gedruckten Organ auslöste. Viele Katholiken der Stadt und des Bezirks sahen ihre Meinung in der "Krematoriumsfrage" nicht vertreten und suchten ein Organ, das Ihre Position vertritt. So erschienen ab 1. Dezember 1929 die "Tuttlinger Nachrichten". Nahezu alle Zeitungen mussten nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 ihr Erscheinen einstellen. Lediglich am Gränzboten hatten die Nationalsozialisten wegen seiner starken Verbreitung so viel Interesse, dass sie ihn nicht verboten, sondern gleichschalteten. Er musste sich arrangieren.

INFO:

Die Ausstellung ist vom 29. Januar bis 14. Mai 2006 zu sehen. Geöffnet ist dienstags, Donnerstag, samstags und sonntags jeweils von 14 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.