Verleihung des Sozialpreises an den Arbeitskreis Dritte Welt Tuttlingen e.V. - 9. November 2016


Sehr geehrter Damen und Herren,
zur heutigen Verleihung des Sozialpreises an den AK Dritte Welt begrüße ich Sie herzlich.
Herzlich begrüße ich meinen Kollegen Willi Kamm und die Vertreter des Gemeindesrates – sie waren es schließlich, die beschlossen haben, den AK Dritte Welt mit dem diesjährigen Sozialpreis auszuzeichnen.
 
Den Sozialpreis vergibt die Stadt seit 2007. Ich freue mich, dass zahlreiche der seither geehrten Personen und Initiativen heute unter uns sind. Willkommen heiße ich hier
Dr. Frieder Böhme, der nachher auch zu uns sprechen wird
Die Vertreterinnen des Frauenhauses Tuttlingen
Irmgard Rieger vom Kinderschutzbund
Daniel Schmid von Tuttlila Abenteuerland
 
In der Geschichte des Weltladens haben die Kirchen immer eine große Rolle gespielt. Umso mehr  freut es mich, dass die beiden großen Kirchen auch heute prominent vertreten sind. Ein herzliches Grüß Gott an
 
Dekan Sebastian Berghaus von der Evangelischen Kirche
Dekan Matthias Koschar von der katholischen Kirche
 
Besonders aber begrüße ich die zahlreichen Vertreterinnen und Vertreter des AK Dritte Welt – sie sind schließlich die Hauptpersonen des Abends.
 
 
Meine Damen und Herren,
 
erst vor wenigen Wochen zog das „Forum Fairer Handel“ eine mehr als positive Bilanz:
Der Umsatz der Weltläden in Deutschland hat sich seit 2010 hat sich mehr als verdreifacht.
1,14 Milliarden Euro wurden 2015 im Fairen Handel umgesetzt.
61 Prozent der deutschen Konsumenten kaufen Produkte aus fairem Handel.
 
Man kann es auch so sagen: Fairer Handel hat seinen Platz im Alltag vieler Menschen.
 
Diese Entwicklung können wir in der Fair-Trade-Stadt Tuttlingen nur begrüßen. Und Sie als AK Dritte Welt können stolz darauf sein, dass Sie seit über 30 Jahren dazu beigetragen haben. Sie gehören zu den Wegbereitern dieser Entwicklung sind. Denn seit 1983 leisten Sie Ihren ganz persönlichen Beitrag zu
  • gerechtem Handel
  • auskömmlichen Erzeugerpreisen
  • menschenwürdigen Arbeitsbedingungen
  • Bildungschancen für Kinder
 
Erfreut kann man heute feststellen, dass der faire Handel seine winzige Nische verlässt, in der er in den 1980er-Jahren startete. Ein Teil dieser Geschichte wurde auch in Tuttlingen geschrieben. Und die Entwicklung des Tuttlinger Weltladens steht dabei exemplarisch für die Entwicklung des fairen Handels.
 
Die Ursprünge lagen im kirchlichen Umfeld. Vor allem in der evangelischen Kirchengemeinde hatte sich Anfang der 1980er-Jahr eine alternativ geprägte Szene entwickelt. Der Rittergartenverein entstand hier, man fühlte sich der Friedensbewegung verbunden – und eben auch der Dritte-Welt-Thematik, die seit den 1970er-Jahren verstärkt in der politischen Diskussion angekommen war. Denn mittlerweile war deutlich geworden, dass nach dem Ende des Kolonialismus die Lebensbedingungen in vielen Ländern der Südhalbkugel nicht unbedingt besser geworden waren. Dass an die Stelle der direkten Herrschaft durch europäische Länder nun die unauffälligere Macht internationaler Konzerne getreten war. Dass die Bedürfnisse der Bevölkerung vor Ort dabei zweitrangig waren – und leider oft noch sind – wollte die Weltladenbewegung nicht hinnehmen. „Wir wollten Gerechtigkeit für die Dritte Welt“ beschreibt ein Initiator von einst die Motive der Gruppe.
 
Die Idee des fairen Handels war damals revolutionär – und sicher auch unpopulär: Der Verbraucher soll freiwillig höhere Preise zahlen, damit es Menschen irgendwo auf der Welt besser geht. Bis dahin galt – und gilt für viele noch heute – die Devise: Je billiger, desto besser. In den Mangeljahren nach dem Krieg war das sicher noch gerechtfertigt. Damals gab ein deutscher Durchschnittshaushalt auch noch 44  Prozent seines Einkommens für Lebensmittel aus. Heute sind es gerade mal 13 Prozent. Und lange wurde verdrängt, dass dieser Zuwachs an Wohlstand bei uns mit Armut in anderen Ländern erkauft wurde.
 
In Tuttlingen schlossen sich die Pioniere des fairen Handels am 23. Februar 1983 zusammen. Im Dachgeschoss des evangelischen Gemeindehauses wurde der AK Dritte Welt formell gegründet. Rund 40 Leute waren dabei, und in den folgenden Jahren baute ein harter Kern das Projekt auf. Mit dabei waren unter anderem
  • Angelika Zinser
  • Margret Simmendinger
  • Thomas Kremer
  • Gisela Vetter-Manz
  • Christine Klinker
  • Margret Hess
Einen Laden gab es zunächst noch nicht. Verkauft wurde auf Basaren der Kirchen oder auf den ersten Tuttlinger Weihnachtsmärkten. Die Produktpalette war überschaubar – es gab Kaffee, Tee und Honig, ein bisschen Kunstgewerbe – und die legendären „Jute-statt-Plastik“-Taschen. Bei der Beschaffung der Waren war Improvisationstalent gefragt. Einmal im Monat fuhr man nach Bad Canstatt, wo es ein entsprechendes Lager gab. Mit Privatautos brachte man die Ware dann nach Tuttlingen.
 
Ende 1983 öffnete dann Tuttlingens erster Weltladen – und zwar ziemlich genau dort, wo wir uns jetzt gerade befinden: In der Donaustraße 11, in einem Altbau im Sanierungsgebiet. Stadt und evangelische Kirchengemeinde unterstützten das Projekt. Von Beginn an war aber auch klar, das  es nur auf Zeit war: Nach drei Jahren wurde das Gebäude abgerissen, heute ist dort der Galeriehof.
 
Für die folgenden Jahre war der Weltladen nun wieder ein Laden ohne Laden. Verkauft wurde auf dem Wochenmarkt und bei Veranstaltungen, im Gemeindehaus gab es ein Warenlager, ein Mitglied baute sogar einen fahrbaren Marktstand. Das zweite feste Domizil bezog der Verein 1986 in der Königstraße, eine kurze Zwischenstation in der Zeughausstraße folgte, und seit 2003 nun ist der Laden am heutigen Standort in der Schulstraße.
 
Glück hatte der Verein dabei mit seinem Vermieter: Wilhelm Martin hatte seinerzeit bewusst dazu beschlossen, das Geschäft an den AK zu vermieten – obwohl andere Bieter mehr geboten hätten. Nach seinem Tod führt seine Tochter Brigitte Schulze das Werk ihres Vaters weiter. Auch sie darf ich heute begrüßen – und mich an dieser Stelle auch herzlich bedanken.
 
Seit 13 Jahren – so lange wie noch nie in seiner Geschichte – ist der Weltladen nun an einem festen Platz. Und diese Kontinuität tut ihm gut. Er ist ein fester Bestandteil des Tuttlinger Einzelhandels, eine attraktive Adresse in der Innenstadt, und so wie der faire Handel überhaupt ist auch der Tuttlinger Weltladen zu einem professionell geführten Geschäft geworden. Das Sortiment reicht über Kaffee, Tee und Honig hinaus, und auch die Zeiten, in denen man den Kofferraum des privaten Kombis im Cannstatter GEPA-Lager mit Kaffee füllte, sind lange vorbei. Heute gibt es einen online-Bestellservice mit regulären Lieferungen. Auch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 150 000 Euro setzte der Weltladen im letzten Jahr um – in den Anfangsjahren war man froh, wenn man ein paar D-Mark vom Wochenmarkt nach Hause  brachte.
 
Neben dem regulären Ladengeschäft ist der Weltladen außerdem an zwei konkreten Projekten beteiligt – dem Pidekaffee-Projekt, das maßgeblich von unserem Stadtrat Hans-Martin Schwarz betreut wird, sowie der Mango-Aktion mit Burkina Faso, zu deren schmackhaftesten Ergebnissen auch der legendäre Apfel-Mango-Saft gehört.
 
Möglich ist all dies alles nur, weil es einen engagierten Kreis an Ehrenamtlichen gibt, die seit Jahr und Tag unentgeltlich den Laden betreuen, Kunden bedienen, Bestellungen aufgeben, die Kasse führen. Als Außenstehender weiß man meist nicht, wie viel Arbeit auch jenseits der Öffnungszeiten hier anfällt.
 
Rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind es. Bei ihnen alle möchte ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken, allen voran bei den Vorstandsfrauen Sonja Schwarzwälder-Walden und Sigrid Ubert sowie Bärbel Haffa vom Ladenteam.
 
Seit über 30 Jahren sorgen Sie alle nicht nur dafür, dass fair gehandelte Produkte ihren Weg zum Verbraucher finden. Sie haben auch aktiv an einem Bewusstseinswandel mitgearbeitet. Dass fair gehandelte Waren heute kein Nischenprodukt mehr sind, ist auch Ihr Verdienst. Und gerade in Tuttlingen kann man ja beobachten, wie  die Idee immer weitere Kreise zieht:
 
Seit zwei Jahren ist die Stadt Tuttlingen offiziell Fair-Trade-Stadt – und wir bemühen uns, diesem Titel jeden Tag noch gerechter zu werden. Mit fairem Kaffee in Gemeinderatssitzungen ist es nicht getan
In 22 Tuttlinger Geschäften und Gastronomiebetrieben finden Sie heute faire Produkte – ich hoffe, es werden noch mehr
Und als nächstes wird Tuttlingen eine Projektpartnerschaft mit Montero in Peru eingehen – einer Stadt aus dem Anbaugebiet des Pide-Kaffees. Ich bin sicher, dass Stadt und Weltladen hierbei gut zusammen arbeiten werden.
 
All diese Ideen und Projekte haben eines gemeinsam: Es geht nicht darum, Almosen zu verteilen, sondern Menschen dabei zu helfen, dass sie von ihrer Arbeit gut leben können. Der faire Handel gibt ihnen ein Auskommen – und vor allem ihre Würde.
 
Doch bei allen Erfolgsbilanzen die wir heute Abend gezogen haben: Arbeit bleibt noch genug. Denn trotz aller Fortschritte sind wir vom Ziel eines gerechten Welthandels noch weit entfernt. Meilenweit.

Zehn Prozent der in Deutschland verkauften Bananen tragen das Fair-Trade-Siegel – 90 Prozent also nicht.

3,6 Prozent des in Deutschland verkauften Kakaos sind fair gehandelt – 96,4 Prozent demnach nicht.

Und obwohl Kaffee das Fairtrade-Produkt der ersten Stunde ist, liegt sein Marktanteil bei derzeit gerade mal drei Prozent. Und immer klagen manche Leute, dass 18 Euro für ein Kilo fairenKaffees doch ziemlich teuer seien – während sie für Kaffee in Alukapseln ohne mit der Wimper zu zucken 60 Euro pro Kilo hinlegen.
 
Sie sehen: Es gibt noch viel zu tun. Und wir müssen etwas tun. Denn während Deutschland über die Frage diskutiert, ob und wie man rund eine Million Flüchtlinge integrieren kann, sind weltweit rund 50 Millionen weitere Menschen auf der Flucht. Und sie fliehen nicht nur vor Krieg und Terror – sie fliehen auch vor Perspektivlosigkeit und Armut. Sie fliehen, weil sie in ihrer Heimat keine Chance sehen – und oft haben sie auch deshalb keine Chancen, weil unfaire Handelsbedingungen die Wirtschaft ihres Heimatlandes zerrütten – sei es durch Fangflotten, die die Meere leer fischen, sei es durch billig exportierte Altkleider, die lokalen Textilfirmen das Wasser abgraben.
 
In den Strategien der großen Lebensmittelkonzerne haben unabhängige Kleinbauern meist keinen Platz. Und noch immer werden zwischen der EU und afrikanischen Staaten Freihandelsabkommen geschlossen, die primär den Interessen Europas dienen und die wirtschaftliche und soziale Situation in Afrika eher verschärfen als verbessern.
 
Wir sprechen derzeit viel darüber, dass wir die Fluchtursachen in den Herkunftsländern beseitigen müssen. Durch unsere Art zu wirtschaften und zu konsumieren schaffen wir in der westlichen Welt sie selber.
 
In Tuttlingen werden wir diese Probleme sicher nicht lösen können. Aber wir können ein kleines Stückchen daran arbeiten. Sie tun das seit über 30 Jahren. Und deshalb freue ich mich, Ihnen heute im Namen der Stadt Tuttlingen den Sozialpreis überreichen zu dürfen.
 
Die Urkunde trägt folgenden Text:
 
Das soziale Leben unserer Stadt ist auf Menschen angewiesen, die sich in besonderer Weise für ihre Mitmenschen einsetzen. Sie sind es, die die sozialen Netzwerke in unserer Stadt pflegen und so in besonderer Weise zur Lebensqualität in Tuttlingen beitragen.
Die Stadt Tuttlingen fördert daher soziales Engagement und zeichnet besondere Verdienste aus.
In Anerkennung seines Einsatzes im sozialen Bereich ehrt die Stadt Tuttlingen den
Arbeitskreis Dritte Welt Tuttlingen e.V.
mit dem
SOZIALPREIS
Tuttlingen, den 09. November 2016
Michael Beck, Oberbürgermeister
 
Der Preis ist eine Arbeit von Hans-Uwe Hähn, dem Leiter unserer Jugendkunstschule. Ich bin sicher, dass Sie einen passenden Platz dafür finden.