Verleihung des Sozialpreises an die Ini Asyl - 29. April 2015


Meine sehr geehrte Damen und Herren,
ich begrüße Sie herzlich zur heutigen Verleihung des Sozialpreises an die Initiative Asyl.
 
Vorab gilt mein Dank den jungen Musikerinnen und Musikern, die diesen Abend eröffnet hatten: Das Blockflötenensemble unserer Musikschule mit
Hannah Glinka,
Hannah Rieß,
Lena Junt,
Sara Piske
und Aaron Bauer
sowie ihrer Lehrerin Ulrike Schmid.
 
Besonders begrüße ich unseren Ehrengeschenkträger, meinen Vorgänger im Amt des Oberbürgermeisters, Heinz Jürgen Koloczek. 
 
Herzlich willkommen heiße ich den Ersten Landesbeamten Stefan Helbig als Vertreter des Landkreises Tuttlingen – er repräsentiert die Behörde, die bei uns zunächst für die Betreuung von Asylbewerbern verantwortlich ist und mit der  wir hier eng und gut zusammen arbeiten.
 
Zahlreich vertreten sind heute die Mitglieder des Gemeinderats. Sie haben am 2. Februar 2015 einstimmig beschlossen, den Sozialpreis an die Initiative Asyl zu verleihen.
 
 
Auch die Sozialpreisträgerinnen und Sozialpreisträger früherer Jahre sind heute unter uns. Ich begrüße
 
Marianne Hügel
Dr. Frieder Böhme
sowie die Vertreter


des Kinderschutzbundes
des Frauenhaus Tuttlingen e.V.
 
Die Initiative Asyl ist fester Bestandteil eines sozialen Netzwerks in unserer Stadt. Es ist ein Netzwerk, in dem viele Menschen aus den unterschiedlichsten Gruppen gut zusammen arbeiten. Ein fester Bestandteil dieses Netzwerks sind auch unsere Kirchen. Ich heiße herzlich willkommen
 


Stadtpfarrer Richard Grotz für die katholische Kirche
Pfarrer Matthias Kohler für die evangelische Kirche
Wertvolle Arbeit bei allen Themen rund um die Integration leistet unser Integrationsbeirat. Aus seinen Reihen sind heute viele Menschen anwesend. Stellvertretend begrüßen möchte ich Petra  Demmer, die die Arbeit des Beirats bei uns im Hause koordiniert.
 
Willkommen heißen möchte ich auch die Vertreter der Presse, alle Freunde und persönlichen Gäste der Initiative – und natürlich die Vertreterinnen der Initiative Asyl selbst – allen voran Rose Lovrekovic und Hildegard Kieliba – zwei engagierte Frauen, die vom ersten Tag an dabei und bis heute aktiv sind.
 
Wie immer können leider nicht alle heute hier sein, die wir eingeladen haben. Einen von ihnen möchte ich besonders erwähnen und Ihnen seine Grüße ausrichten. Es ist der Künstler Richard W. Allgaier. Sein Werk schmückt die Titelseite unserer Einladung, im Original können Sie es heute ebenfalls bewundern.
 
 „Ein Schiff wird kommen“ heißt die Skulptur von Richard W. Allgaier. Und sie berührt uns, macht betroffen, lässt uns schlucken. Denn sie stellt genau das dar, was wir gerade Tag für Tag im Fernsehen und in den Zeitungen sehen: Ein übervolles Flüchtlingsboot. Sie erinnert an all die unfassbaren Tragödien, die sich derzeit auf dem Mittelmeer abspielen: Das Meer, das die meisten von uns als entspannten Urlaubsort kennen. Und das in den letzten Monaten für tausende von Menschen zur Todesfalle geworden ist.
 
Es waren Menschen, die nur eines wollten: Nach Europa kommen. Sie wollten das, was für uns alle selbstverständlich ist: Frieden, Freiheit und – ja, sicher auch dies - materielle Sicherheit. Nachdem es auf dem Landweg fast keine Möglichkeit mehr gibt, nach Europa zu kommen, riskieren diese Menschen in den Booten ihr Leben – und verlieren es leider auch oft.
 
Das Werk von Richard W. Allgaier sah ich zum ersten Mal vor einigen Monaten. Zu diesem Zeitpunkt fanden die Flüchtlingsdramen vor der lybischen Küste oder vor Lampedusa bereits statt, selten aber fanden sie den Weg auf die Titelseiten der Zeitungen oder in die großen Talkshows. Richard W. Allgaiers Ziel war es daher, uns immer wieder auf dieses Thema hinzuweisen – indem er sein Boot auf Reisen schickt, es im ganzen Land ausstellt. Er macht dies übrigens mit Unterstützung aus Tuttlingen, von Aesculap und auch von Guido Wolf. Und darum zeigen wir das Boot heute Abend auch hier.
 
87 Menschen sind an Bord von Richard W. Allgaiers Schiff. Sie stehen stellvertretend für Millionen, die in diesen Tagen weltweit auf der Flucht sind. Alles in allem sind es derzeit rund 50 Millionen Menschen, die wegen Krieg, Terror, Unterdrückung oder auch Hunger und Naturkatastrophen ihre Heimat verlassen haben. Die alles aufgegeben haben. Die vor einer mehr als ungewissen Zukunft stehen. Wir erleben eine der größten humanitären Katastrophen der Geschichte – und zwar nicht erst seit dem Krieg in Syrien. Und in Anbetracht dieser Zahlen muss man auch feststellen, dass Deutschland sicher nicht von einer Flüchtlingsflut überrollt wird: Bis Ende des Jahres werden bei uns rund 500 000 Flüchtlinge erwartet – gerade mal ein Prozent derer, die weltweit geflohen sind.  
 
Für eine wohlhabende Gesellschaft, die sich als human und den christlichen Werten verpflichtet sieht, muss es eine Selbstverständlichkeit sein, diesen Menschen zu helfen. Dies betrifft sowohl die staatlichen Institutionen, die zuständigen Behörden und Ämter. Aber es betrifft auch uns alle – uns Bürgerinnen und Bürger eines der reichsten Länder der Erde. Und Menschen, die sich hier seit über 25 Jahren einbringen, wollen wir heute ehren: Die Tuttlinger Initiative Asyl.
 
Noch nie war ein Sozialpreis, den die Stadt Tuttlingen verliehen hat, so aktuell. Und deshalb ist diese Preisverleihung am heutigen Tag auch ein Statement:
 
Gegen Rassismus, Vorurteile und Menschenfeindlichkeit
Gegen eine Politik, die Flüchtlinge nur als Belastung oder gar Bedrohung unseres Wohlstandes sieht
Für Mitmenschlichkeit, Humanität und christliche Nächstenliebe
Für uneigennützige Hilfe in Notsituationen
 
Die Initiative Asyl leistet solche Hilfe seit 1999. Rund 20 Ehrenamtliche begannen damals, sich um die Flüchtlinge in Tuttlingen und auf dem Witthoh zu kümmern. Zwei davon sind – wie bereits erwähnt – bis heute dabei: Rose Lovrekovic und Hildegard Kieliba.
 
Der Anstoß ging seinerzeit von der Caritas aus. Denn die hauptamtlichen Helfer mussten damals feststellen, dass die reale Lage mehr Hilfe erforderte, als die vom Budget genehmigten Personalstellen es zuließen  – dass man auch Ehrenamtliche benötigt. Ehrenamtliche, die mehr leisten als das Vorgeschriebene. Denn hinter jedem Asylverfahren stehen ein Mensch oder eine ganze Familie – Menschen mit einer ganz individuellen Geschichte, mit individuellen Sorgen, Ängsten und Problemen.
 
Wenn man sich die Zeit nimmt, den Flüchtlingen zuzuhören, erfährt man Geschichten, die unfassbar sind und einen zutiefst bewegen. So ging es auch mir, als ich im letzten Herbst eine junge Mutter aus Syrien und ihre kleine Tochter kennen lernte. Den Vater hatten sie auf der Flucht verloren. Mittlerweile ist es uns dank der Hilfe verschiedener Behörden gelungen, diese Familie wieder zu vereinen. Wenigstens diese Geschichte fand ein Happy End.
 
Das Schicksal der syrischen Familie ist aber nur eines von ganz vielen. Denn jeder Flüchtling hat eine Biographie, die so gar nichts mit den planbaren Lebenswegen in unserer sicheren Gesellschaft gemein hat. Und alle diese Menschen brauchen Ansprache, benötigen mehr, als nur ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen. Sie sind auf die Hilfe von Menschen angewiesen, die ihnen Zeit, Zuwendung und Unterstützung gewähren.
 
Genau diese individuelle Hilfe leisten die Aktiven der Initiative Asyl. Sie helfen bei den ersten Schritten der Sprachvermittlung, haben ein offenes Ohr für persönliche Probleme. Sie beraten bei Fragen zum Asylverfahren. Sie begleiten Flüchtlinge zu Ärzten oder Rechtsanwälten. Sie kümmern sich um Kinder und Jugendliche. Kurzum: Sie helfen den Flüchtlingen, im neuen Leben Fuß zu fassen.
 
Dabei ist die Initiative gut vernetzt. Mit den Kirchen arbeitet sie ebenso eng zusammen  wie mit den Sozialverbänden oder der VHS. Und sie betreibt auch aktive Lobbyarbeit für Flüchtlinge – und dies durchaus erfolgreich: Dass zum Beispiel Tuttlingen zu den wenigen Landkreisen in Baden-Württemberg gehört, in dem Flüchtlingen ein sehr umfangreiches Angebot an Sprachkursen zur Verfügung steht, ist auch ein Verdienst der Initiative Asyl.
 
Die Initiative Asyl versteht sich als Sprachrohr für Menschen, die unsere Sprache selber meist nicht beherrschen. Und dabei ist sie nicht immer bequem: Sie erinnert uns immer wieder daran, dass auch bei uns, in einem reichen Landkreis in einer Gegend, die sich gerne als „Gewinnerregion“ bezeichnet, Menschen unter schwierigen Bedingungen leben. Bedingungen, bei denen wir gerne wegsehen. Zum Beispiel im Heim auf  dem Witthoh. Ich glaube, dass sich alle einig sind, dass das abgelegene Lager alles andere als integrationsförderlich ist – im Gegenteil. Es ist ein Ort, der junge Männer geradezu dazu provoziert, aus Langeweile heraus Dummheiten zu begehen, die dann wieder bei manchen Menschen Vorurteile bestärken. Und dennoch existiert dieses Heim nach wie vor.
 
In den letzten Jahren ist die Stadt Tuttlingen immer wieder von sich aus aktiv geworden, um Alternativen zum Witthoh zu schaffen:
 
Mit den Häusern in der Stockacher Straße
Mit der Unterkunft in Take off
Mit meinem Appell an Hausbesitzer, leerstehenden Wohnraum zur Verfügung zu stellen
Und demnächst werden wir gemeinsam mit der Wohnbau ein größeres Gebäude in der Bismarckstraße für Flüchtlinge herrichten.
 
Und ich hoffe, dass es uns in nicht zu weiter Zukunft gelingen wird, genügend Wohnungen in den Städten und Gemeinden des Landkreises bereit zu stellen, so dass das marode Heim auf dem Witthoh endlich abgerissen werden kann.
 
Als Stadt oder Kreis können wir aber nur den Rahmen schaffen. Wir können dafür sorgen, dass die Menschen anständige Wohnungen bekommen. Dass die Kinder Plätze in Schulen und Kindergärten erhalten. Oder dass auch der  eine oder andere eine Beschäftigung findet – die ersten Asylbewerber haben dieser Tage bei der Stadt eine Arbeit aufgenommen.
 
Wir brauchen aber immer auch Menschen, die für die persönliche Komponente da sind. Menschen, die bei alltäglichen Problemen zur Stelle sind. Die Zeit zum Zuhören haben. Und die auch in kritischen Situationen vor Ort sind – zum Beispiel nach einer Abschiebung.
 
Sie alle, die in der Ini Asyl tätig sind, geben viel: Zeit, Kraft und Empathie. Aber Sie bekommen auch etwas zurück: Die Dankbarkeit der Menschen, denen Sie geholfen haben. Und zunehmend auch die Anerkennung der Bevölkerung.
 
Das war nicht immer so. In den ersten Jahren mussten sich die Ehrenamtlichen der Initiative Asyl immer wieder kritische Fragen anhören, warum sie sich gerade hier engagieren. Für Wirtschaftsflüchtlinge oder Scheinasylanten und wie all die Begriffe so lauten. Dies ist mittlerweile anders. Und dies spricht auch für das offene und tolerante Klima in unserer Stadt.
 
Ich bin dankbar und glücklich darüber, dass offene Fremdenfeindlichkeit in Tuttlingen kein Thema ist – im Gegensatz zu vielen anderen Städten. Dass wir keine „TUGIDA“ haben, die gröhlend durch die Straßen zieht. Und dass es bislang keine Facebook-Gruppe „Nein zum Heim in Tuttlingen“ gibt, in der sogenannte „besorgte Bürger“ unter vollem Namen ihre Hass- und Hetzparolen verbreiten.
 
Dass dies so ist, ist auch das Ergebnis eines breiten Konsens in unserer Stadt: Er wird von allen Fraktionen des Gemeinderates mitgetragen, von den zuständigen Behörden, den Kirchen, den Sozialverbänden – und eben den Ehrenamtlichen in Gruppen wie der Initiative Asyl.
 
Sie, meine Damen und Herren beweisen durch Ihr tägliches Engagement, dass Flüchtlinge keine Bedrohung für uns sind, sondern Menschen. Menschen, die auf unsere Hilfe und angewiesen sind. Menschen, die unsere Gesellschaft auch bereichern.
 
Für dieses unermüdliche Engagement zeichne ich die Ini Asyl heute im Namen der Stadt Tuttlingen  mit dem Sozialpreis aus.
 
Der Preis ist eine Arbeit von Hans-Uwe Hähn, dem Leiter unserer Jugendkunstschule.
 
Übergabe Bild -
 
Die dazugehörige Urkunde hat folgenden Wortlaut:
 
Urkundentext –
 
Ich darf nun alle Mitglieder der Ini Asyl bitten, sich ins Goldene Buch der Stadt einzutragen.