Ansprache von Ministerpräsident Winfried Kretschmann zur Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuzes an Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Michael Ungethüm


Sehr geehrter Herr Professor Ungethüm,
sehr geehrte Frau Ungethüm, liebe Familie Ungethüm!
Ich begrüße Herrn Landtagsabgeordneten Niko Reith,
Herrn Oberbürgermeister Michael Beck und
Herrn Landrat Stefan Bär.
Herzlich grüßen möchte ich auch die Mitglieder des Tuttlinger Gemeinderats.
Und den ehemaligen Landtagsabgeordneten Franz Schuhmacher sowie die beiden Alt-OBs Heinz-Jürgen Koloczek und Claus-Wilhelm Hoffmann begrüße ich.
Ein herzliches Grüß Gott allen Gästen, Ihren Freunden und Wegbegleitern, die heute hier sind, um mit Ihnen, sehr geehrter Herr Professor Ungethüm, diese hohe Auszeichnung zu feiern.

I. Einleitung
In der Bundesliga ist es bekanntlich so, dass es den Bayern fast immer gelingt, die besten Spieler der anderen Clubs für sich zu gewinnen.
Die Vereine aus Baden-Württemberg können davon ein trauriges Lied singen.
Im Fußball haben die Bayern die Nase vorn.
Aber auf anderen Gebieten können wir mit unserem Nachbarland nicht nur mithalten.
Wir sind ihm auch eine Nasenlänge voraus.
Zum Beispiel in der Medizintechnik, in der Baden-Württemberg eine Spitzenposition innehat.
Dass das so ist, haben wir zu einem nicht geringen Teil ausgerechnet einem gebürtigen Münchner zu verdanken.
Der berufliche Wechsel von Michael Ungethüm nach Baden-Württemberg hat sich als großer Glücksfall nicht nur für das Medizintechnik-Unternehmen Aesculap, sondern auch für die Stadt Tuttlingen, die ganze Region und das Land Baden-Württemberg insgesamt erwiesen!
Ich freue mich, Ihnen, lieber Herr Professor Ungethüm, heute Abend das vom Bundes-präsidenten verliehene Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland persönlich überreichen zu dürfen und ich überreiche es wirklich gerne hier in Tuttlingen. Ich habe in meiner Jugend im benachbarten Mühlheim gewohnt und habe Tuttlingen somit gut in Erinnerung. Damals sprach man nicht von Aesculap, sondern man sagte: „Der schafft bei der AG“. Deswegen bin ich heute auch so gerne hergekommen, weil ich die Stadt mag und mit ihr sehr gute Erinnerungen verbinde. Wie bereits Herr Oberbürgermeister gesagt hat, wird diese hohe Ehrung nur ganz wenigen Persönlichkeiten zuteil.
Sie, lieber Herr Professor Ungethüm, sind einer von ihnen.
Die Auszeichnung, die Sie heute erhalten, ist ein sichtbares Zeichen des Dankes für Ihre herausragenden Verdienste um unser Land und unser Gemeinwesen.
Der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ist keine Auszeichnung für einmalige Aktionen, sondern ein Zeichen der Wertschätzung und der Anerkennung von Persönlichkeiten, die bereit waren, über eine große Zeitspanne hinweg Verantwortung für unser Gemeinwesen zu übernehmen.
Michael Ungethüm hat dies getan – und zwar auf eine, wie ich finde, beeindruckende und in vielerlei Hinsicht vorbildliche Art und Weise.

II. Würdigung
Als Ministerpräsident habe ich schon viele Ehrungen vorgenommen und dabei zahlreiche Lebenswege studiert.
Aber wie aus dem einstigen Kriegskind, Schüler und Schlosserlehrling Michael Ungethüm der Forscher und Wissenschaftler, der Unternehmer und Ingenieur und schließlich der Stifter und Mäzen wurde, das ist mehr als beeindruckend.
Schlosserlehre – Abitur auf dem zweiten Bildungsweg – Maschinenbaustudium – Diplom – Promotion – Habilitation – Leiter des Biomecha-nischen Labors an der Orthopädischen Klinik und Poliklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Eine Aufsteiger-Karriere wie aus dem Bilderbuch.
Dann haben Sie beschlossen, ein neues Kapitel in einem neuen Buch aufzuschlagen.
1977 haben Sie die Säle der Alma Mater verlassen, um in die Produktionshallen von Aesculap einzutreten.
Oder, wie es der Schriftsteller Martin Walser in einem Beitrag über Sie formuliert hat: Sie sind „aus dem brillanten München in das schlichtere Tuttlingen gezogen“. (FAZ, 07.05.2009)
Was bei Walser nach einem Abstieg aus der ersten in die zweite Liga klingt, war in Wirklichkeit der Beginn einer großartigen Erfolgsgeschichte, die Sie und das Unternehmen Aesculap gemeinsam geschrieben haben.
Über 30 Jahre lang haben Sie, lieber Herr Ungethüm, Verantwortung im und für das Unternehmen Aesculap getragen.
In dieser Zeit stieg der Umsatz um das 20fache, die Zahl der Beschäftigten wuchs um fast 90 %, und die ohnehin schon hohe Exportquote kletterte noch einmal auf 76 %.
Aesculap wurde zu einem Weltkonzern mit Milliardenumsatz und Tuttlingen wurde mit all den anderen mittelständischen Unternehmen in dieser Branche zu einem weltbedeutenden Zentrum der Medizintechnik. Ich habe es heute bereits auf dem Parteitag gesagt; wir sprechen immer nur von den Kernbranchen wie Automobilbau, Maschinenbau und Anlagenbau. Dass wir auch ein Zentrum der Medizintechnik sind, sollten wir auch ein weinig öfter sagen. Denn auch die Medizintechnik gehört zu den starken Säulen von Baden-Württemberg. Sie trägt zur hohen Wertschöpfung und zum Wohlstand, aber auch zu Gesundheit und Wohlbefinden vieler Menschen auf der ganzen Welt bei, in die die ganzen Instrumente exportiert werden.
Der Ruf von Aesculap beruht auf medizin-technischer und medizintechnologischer Innovation.
Hierin liegt der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg und zur vergleichsweise großen Krisensicherheit gegenüber anderen Branchen.
Innovation bei der Entwicklung neuer Produkte und Anwendungen.
Innovation bei der Aus- und Weiterbildung der Fachkräfte.
Innovation bei der Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft, denn wir wissen das auch der ökonomische Fortschritt immer stärker wissenschaftsbasiert ist. Aber auch in Zusammenarbeit mit der Politik.
Hier in Tuttlingen kommt all dies zusammen.
Und das ist vor allem auch Ihnen, lieber Herr Professor Ungethüm, zu verdanken,.
Denn Sie waren ja nicht nur ein Grenzgänger zwischen den Welten der Wissenschaft und der Wirtschaft.
Sie haben es zudem verstanden, Wirtschaft und Wissenschaft, Forschung und Entwicklung, aber auch Ethik und Technik, Medizin und Philosophie miteinander zu verbinden und sie für das Große und Ganze fruchtbar zu machen.
Und dieses Große und Ganze war für Sie nicht nur der Erfolg des Unternehmens Aesculap.
Es war immer auch das Wohlergehen des einzelnen Mitarbeiters, des Mitmenschen und des Gemeinwesens insgesamt.
Sie, lieber Herr Ungethüm, waren eben immer ein ganzheitlicher Unternehmer.
In Ihrem Buch „Verantwortung für das Ganze“ schreiben Sie: „Ich bin kein Anhänger der kurzlebigen modernen Managementlehren mit ihren flotten Anglizismen und ihrem meist vordergründigen Menschenbild. Vorbilder für Führung und Zusammenarbeit finde ich eher in der Regel des Heiligen Benedikt.“
Und an anderer Stelle sagen Sie: „Die Zeitläufe haben die Welt geändert. Doch die Tugenden der Antike und des frühen Christentums werden für alle Zeiten Orientierungspunkte sein.“
Hier kommt das Denken eines Menschen zum Vorschein, der aus der Erfahrung heraus spricht und der weltoffen ist, nicht obwohl, sondern gerade weil er geistig tief verwurzelt ist in christlich-abendländischer Tradition.
Diese Verwurzelung fand nicht nur in Werten und Worten, sondern auch in konkretem Tun und Handeln ihren Niederschlag.
Aesculap Akademie, Ungethüm-Aesculap-Stiftung, Aesculap-Abiturpreis – die Liste ließe sich problemlos weiterführen.
Ganz besonders hervorheben möchte ich Ihr Engagement bei der Gründung der Hochschule Tuttlingen, die 2009 ihren Betrieb aufgenommen hat.
Aber nicht nur der Unternehmer, sondern auch der Bürger und Mensch Michael Ungethüm hat sich zeitlebens für das Gemeinwesen eingesetzt.
Sie haben sich über viele Jahre hinweg als Präsident der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg in die Pflicht nehmen lassen.
Und Sie haben sich als großzügiger Förderer von Kunst und Kultur gezeigt.
So ist es im Wesentlichen Ihnen zu verdanken - Herr Oberbürgermeister Beck hat auch bereits darauf hingewiesen - ,dass aus dem ehemaligen Krematorium in Tuttlingen ein mittlerweile sehr beliebtes Kultur- und Bürgerhaus geworden ist.
Ein ganz besonderes Herzensanliegen war Ihnen die Stiftung der Kapelle St. Johannes und Jakobus am Witthoh von der ich wusste und die ich an einem Wander-Sonntag mit meiner Frau gesucht und gefunden habe.
Sie selbst haben dazu einmal gesagt: „Der Umstand, dass ich als Protestant eine katholische Kapelle stifte, kann nur vordergründig erstaunen. Denn wir haben weder einen katholischen noch einen evangelischen Herrgott.“
Einfacher, klarer und schlüssiger kann man Ökumene nicht begründen. Und origineller kann man sie nicht in die Tat umsetzen. Und an keinem besseren Ort – Ökumene heißt ja wörtlich „bewohnter Erdkreis“.
Wo bekommt man ein größeres Gefühl für den bewohnten Erdkreis, als auf dem Witthoh mit seinem weiten Blick auf Hegau, See und Alpen, den Weitblick, den wir immer wieder benötigen, um uns klar zu machen, dass Christus der Erlöser für alle Menschen ist, dass Christentum eine Weltreligion in dem Sinne ist, dass sie für die ganze Welt da ist und nicht dafür, dass man sich in der eigenen Konfession wohlfühlt. Dafür haben Sie damit ein ganz wunderbares Zeichen gesetzt.

III. Schluss
„Verstehen kann man das Leben rückwärts, leben muss man es vorwärts.“
Dieses schöne und von Ihnen selbst gerne verwendete Zitat des Philosophen Sören Kierkegaard lehrt uns, dass sich der Sinn des eigenen Lebens nur in der Rückschau erschließt.
Zugleich verweist es darauf, dass das Leben selbst immer im Hier und Jetzt stattfindet.
Sie, lieber Herr Ungethüm, können mit Genugtuung auf Ihr Leben und Ihr Lebenswerk zurückblicken.
Nicht nur auf das, was Sie als Wissenschaftler und Unternehmer erreicht haben. Sondern auch und gerade auf das, was Sie als Bürger und Mensch für andere getan haben.
Dafür möchte ich Ihnen von Herzen danken!
Ebenso wichtig wie der Blick zurück ist der Blick nach vorne.
Und so dürfen Sie, lieber Herr Ungethüm, an einem Tag wie diesem auch mit Freude und Neugier dem entgegensehen, was vor Ihnen liegt.
Meine Damen und Herren, wir, die wir in Führungspositionen sind, wissen, dass wir ohne die vielen anderen Menschen, die uns unterstützen, weniger erreichen können. Deswegen dürfen sich alle aus Ihrer Familie, Ihre Frau, aus Ihrem Freundeskreis, aus dem Unternehmen, aus der Stadt und alle, die Sie unterstützt haben bei Ihrem Handeln, sich heute mitgeehrt fühlen. Bitte fassen Sie auch diese Ehrung in diesem Sinne auf. So freue ich mich, Ihnen in Anerkennung Ihrer Leistungen und Verdienste nun das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland überreichen zu dürfen und gratuliere Ihnen sehr herzlich zu dieser hohen Auszeichnung!