Verleihung des Sozialpreises an den Verein Frauenhaus, Montag; 17. März 2014, 18 Uhr, Rathausfoyer


 1. ) Ablauf
- Musikstück – Ensemble der Musikschule
- Begrüßung und Würdigung durch OB Beck
- Musikstück
- Gruß- und Dankesworte
- Musikstück
- Empfang und Imbiss

2.) Grußwort

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
nach dieser wunderschönen musikalischen Einstimmung darf ich Sie herzlich begrüßen und möchte gleich mit einem Dank an die Musiker beginnen. Wir hörten soeben das Posaunenquartett der Musikschule mit
- Florian Helbich
- Benedikt Elsässer
- Lena Leiber
- und Jan-Niklas Steinhof

– ein Quartett, das übrigens Landespreisträger des Wettbewerbs Jugend musiziert ist, und von dem wir heute Abend noch mehr hören dürfen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich begrüße Sie alle herzlich zur heutigen Verleihung des Sozialpreises der Stadt Tuttlingen an das Frauenhaus Tuttlingen e.V.

Begrüßen möchte ich meine Bürgermeisterkollegen Emil Buschle und Willi Kamm sowie die Mitglieder des Gemeinderates, die beschlossen haben, den Sozialpreis in diesem Jahr dem Frauenhaus zu vergeben.

Wie Sie wissen, ist das Frauenhaus ein Verein, der  gut vernetzt ist und mit anderen Institutionen gut zusammenarbeitet. Stellvertretend begrüßen möchte ich

- Herrn Landrat a.D. Hans Volle, in des-sen Amtszeit auch die Gründung des Frauenhauses fiel
- Dekan Matthias Koschar für die katholische Kirche
- Pfarrer Matthias Kohler für die evangelische Kirche.

Zahlreich anwesend sind heute auch die Vertreter anderer sozialer Institutionen und natürlich auch Sozialpreisträger früherer Jahre. Herzlich willkommen heiße ich bei uns

- Marianne Huegel
- Tanja Müller-Zaum und Doris Mehren-Greuter von der Ökumenischen Initiative Nachtlager
- Irmgard Rieger und Bärbel Tapal vom Kinderschutzbund Tuttlingen
- Martina Gröne und Daniel Schmidt von Tuttila Abenteuerland

Besonders aber begrüße ich heute die Vertreterinnen des Frauenhauses selber, die Vorstände

- Sylvia Erfle
- Susanne Schnell
- Regina Storz-Irion
- Tanja Szymanski
- Gundula Taschner

sowie die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen
– Nicole Milkau-Schaudt
– Isabelle Riklin
– Juliane Schmieder
– Juliane Weinmann

Meine Damen und Herren,

es gibt Zahlen, die kann und die will man vor allem nicht glauben: Rund ein Drittel der europäischen Frauen waren bereits Opfer von Gewalt. Und eine erst vor einer Woche veröffentlichte Studie der Europäische Agentur für Grundrechte nennt uns für Deutschland nahezu identische Werte: 35 Prozent der Frauen in unserem Land wurden im Laufe ihres Lebens bereits verletzt, misshandelt, sexuell missbraucht.

Egal, ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben.

Ob sie arm oder reich sind.

Ob sie gebildet oder ungebildet sind.

Gewalt gegen Frauen, so das traurige Fazit, findet in jeder Region statt, in jeder Altersgruppe, in jeder sozialen Schicht.

Als 1991 der Verein Frauenhaus Tuttlingen e.V. gegründet wurde, war dies nicht anders. Anders war dagegen das Bewusstsein. Gewalt gegen Frauen war ein Tabuthema – ein Thema, das man schnell zum Problem anderer Städte und Regionen erklärte. In Ballungsräumen komme so was ja leider vor – aber bei uns auf dem Land? Da ist die Welt doch in Ordnung…

Es ist das große Verdienst des Frauenhaus-Vereins, dieses Schweigen durchbrochen zu haben. Durch Taten. Durch Engagement. Und durch eine aktive Öffentlichkeitsarbeit. Ich bin sicher: Heute wird niemand mehr bestreiten, dass wir im Landkreis Tuttlingen ein Frauenhaus benötigen. Dass wir leider auf eine solche Initiative angewiesen sind.

Die Zahlen sprechen für sich. Seit Gründung des Frauenhauses fanden dort 750 Frauen Zuflucht. Dazu kamen – und das darf man nie vergessen – 850 Kinder. 850 Kinder, die Zeugen werden mussten, dass die Familie für sie kein Ort der Geborgenheit sein durfte, sondern ein Ort der Gewalt, der Angst, der Bedrohung. 1600 Menschen also, denen der Verein in einer Extremsituation geholfen hat.

Rund die Hälfte dieser Menschen kam aus der Stadt und dem Landkreis Tuttlingen. Die andere Hälfte aus anderen baden-württembergischen Landkreisen oder anderen Bundesländern. Umgekehrt suchten auch Frauen aus unserer Region in anderen Gegenden Unterschlupf – und zwar immer dann, wenn die Angst vor dem Ex-Partner so groß ist, dass man unter keinen Umständen auch nur ein paar Kilometer von ihm entfernt mehr leben will.

Man muss sich diese Notsituationen immer wieder vor Augen führen. Und ich bin sicher: Keine dieser Frauen hat diesen Schritt aus einer Laune heraus getan. Denn es muss viel passiert sein, bevor man von heute auf morgen alles aufgibt: Das persönliche Umfeld, die vertraute Wohnung – und meist auch die materielle Sicherheit. Dass man freiwillig in eine Wohnung zieht, in der sich bis zu zwölf Personen die sieben Zimmer und zwei Bäder teilen. Und dass man unter diesen Verhältnisse rund zwei Monate lebt – so lange dauert nämlich die durchschnittliche Verweildauer im Frauenhaus.

Keine Frau macht diesen Schritt leichtfertig. Aber sie macht ihn vielleicht früher als noch vor 20 Jahren. Und auch dies ist ein Erfolg der Vereinsarbeit: Die Zeitspanne, in der Frauen die Gewalt ihrer Ehemänner oder Lebensgefährten still hinnehmen, wird immer kürzer. Frauen lassen sich nicht mehr so viel bieten wie früher.

Die Geschichte dieser Vereinsarbeit begann im November 1991 im Rittergarten. 57 Gründungsmitglieder riefen den Verein ins Leben, über 30 sind bis heute noch aktiv. Bereits 1992 öffnete der Verein erstmals eine Beratungsstelle. Gleichzeitig begann er mit einer intensiven, zähen und am Ende aber erfolgreichen Überzeugungsarbeit: Er machte den verantwortlichen Kommunalpolitikern deutlich, dass auch der Landkreis Tuttlingen ein Frauenhaus braucht.

Im Oktober 1994 öffnete dies, und nach einigen schwierigen Jahren ist nun auch die Finanzierung gesichert: Einen Großteil der Kosten steuert der Landkreis bei, auch Mittel des Europäischen Sozialfonds fließen. Die letzten Lücken schließt der Verein mit eigenen Mitteln.

Vier Sozialpädagoginnen sind derzeit in Teilzeit im Frauenhaus beschäftigt. Sie decken einen großen Teil der Arbeit ab: Sie nehmen die Frauen auf, stehen ihnen in dieser extrem schwierigen Phase ihres Lebens bei und helfen beim Neubeginn: Sie unterstützen sie dabei, ihre Leben neu zu ordnen. Und das fängt bei Behördenfragen an, geht über eine psychische Betreuung bis hin zur Hilfe bei der Suche nach einer neuen Wohnung.

Wichtig ist dabei aber auch die Hilfe für die Helferinnen – zum Beispiel durch Supervision. Denn wer hauptamtlich im Frauenhaus arbeitet, bekommt oft Dinge mit, die schwer zu verkraften sind. Wie sagte eine langjährige Mitarbeiterin: Sie dachte, sie kenne mittlerweile alles – und muss doch immer wieder erleben, dass es noch schlimmer geht. Diese Arbeit verdienst höchsten Respekt.

Dem hauptamtlichen Team zur Seite steht der Verein. 160 Mitglieder zählt er, rund ein Viertel davon bringt sich aktiv in die alltägliche Arbeit ein. Dies beginnt bei der Wochenend- und Nachtbesetzung des Notruftelefons: Ohne die Ehrenamtlichen wäre es nicht möglich, dass das Frauenhaus-Telefon an sieben Tagen die Woche  24 Stunden besetzt ist. Und auch die Veranstaltungen des Vereins wären ohne das Engagement der Ehrenamtlichen nicht möglich.

Dies betrifft vor allem die Aktionen, mit denen sich das Frauenhaus in der Öffentlichkeit präsentiert – unter anderem

- die Fahnenaktionen zum Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November
- das Frauenfest zum Frauentag
- die Beteiligung am Stadtfest
- die Kino- und Kulturaktionen des Vereins

Gerade diese Aktionen tragen entscheidend dazu bei, dass das Thema Gewalt an Frauen in der Öffentlichkeit präsent bleibt – und vor allem, dass Frauen nicht aus falscher Scham den rettenden Weg in Richtung Frauenhaus meiden.

Durch seine vielfältigen Aktivitäten der letzten Jahre, durch Ausdauer und Überzeugungsfähigkeit, hat der Verein Frauenhaus Tuttlingen viel erreicht.

- Er leistet praktische Hilfe für Frauen und Kinder in extremen Notlagen.
- Er schärft das Bewusstsein für das Problem der Gewalt.
- Er hat dazu beigetragen, dass viele Menschen genauer hinsehen – und dass niemand mehr unwidersprochen behaupten kann, dass ein paar Schläge ja noch nie geschadet hätten.
- Er hat erreicht, dass Frauen immer weniger bereit sind, Gewalt zu akzeptieren.
- Und er ist eine deutliche Stimme für die Interessen der Frauen und Kinder – eine Lobbyorganisation für viele, die sich alleine vermutlich nicht wehren könnten.

Aus diesen Gründen freut es mich, dass ich dem Verein Frauenhaus Tuttlingen e.V. heute den Sozialpreis der Stadt Tuttlingen übergeben darf.

Die Urkunde trägt den folgenden Text:

„Das soziale Leben unserer Stadt ist auf Menschen angewiesen, die sich in
besonderer Weise für ihre Mitmenschen einsetzen. Sie sind es, die die
sozialen Netzwerke in unserer Stadt pflegen und so in besonderer Weise
zur Lebensqualität in Tuttlingen beitragen.
Die Stadt Tuttlingen fördert daher soziales Engagement und zeichnet
besondere Verdienste aus.

In Anerkennung seines Einsatzes im sozialen Bereich ehrt die Stadt Tuttlingen das
Frauenhaus Tuttlingen e.V.
mit dem Sozialpreis.

Tuttlingen, den 17. März 2014
Michael Beck – Oberbürgermeister“

Der Preis selber ist eine Grafik des Künstlers Ralf Behrendt – ich bin sicher, dass sie einen geeigneten Platz dafür finden werden.