Verleihung des Ehrengeschenks „Kannitverstan“ an Ortwin Guhl - 07. Februar 2014


Meine sehr geehrten Damen,

ich begrüße Sie zur heutigen Feierstunde aus Anlass der Verleihung des Ehrengeschenks der Stadt Tuttlingen an Ortwin Guhl.

Besonders begrüße ich dazu den Hauptredner des heutigen Abends, einen persönlichen Freund von Ortwin Guhl, unseren früheren Bundespräsidenten Herrn Dr. Horst Köhler. Es ist nicht das erste Mal, dass Herr Köhler unsere Stadt besucht - und dies ist immer ein besonderes Ereignis. Herzlich Willkommen in Tuttlingen, Herr Bundespräsident Dr. Horst Köhler!

Als weitere Vertreter der Politik begrüße ich unsere Abgeordneten

- den Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, Volker Kauder
- Landtagspräsident Guido Wolf
- die ehemaligen Landtagsabgeordneten Franz Schumacher und Hans-Jochem Steim

sowie

- die Landräte Dirk Gaerte aus Sigmaringen, Dr. Rainer Haas aus Ludwigsburg und unseren früheren Landrat Hans Volle
- meine Kollegen Emil Buschle und Willi Kamm
- zahlreiche amtierende und ehemalige Bürgermeisterkollegen aus dem Landkreis
- sowie unsere Ortvorsteher und die Vertreterinnen und Vertreter des Gemeinderates. Sie haben einstimmig beschlossen, Ortwin Guhl mit dieser Auszeichnung zu ehren.

Über viele Jahre hat Ortwin Guhl die Geschicke der Kreissparkasse Tuttlingen geleitet. Aus der Welt von Finanzen begrüße ich heute

- Michael Horn, Mitglied des Vorstands der Landesbank Baden-Württemberg
- Ortwin Guhls Nachfolger als Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Tuttlingen, Lothar Broda, sowie Vorstandsmitglied Markus Waizenegger.

Herzliche Grüße soll ich von Sparkassenpräsident Peter Schneider sowie seinem Vorgänger Heinrich Haasis ausrichten – beide bedauern sehr, dass sie aufgrund anderer Termine heute nicht bei uns sein können.

Außerdem sehe ich hier im Saal natürlich das Who-is-who der regionalen Wirtschaft versammelt. Ich begrüße alle anwesenden Vorstände und Geschäftsführer unserer Unternehmen – verzeihen Sie mir, wenn ich Sie aufgrund der großen Anzahl und aus Wettbewerbsgründen nicht einzeln begrüße.

Mit der heutigen Ehrung wird Ortwin Guhl in den Kreis der Tuttlinger Ehrengeschenkträger aufgenommen. Ich freue mich, dass zahlreiche weitere Ehrengeschenkträger heute unter uns sind. Neben Volker Kauder, den ich bereits in seiner Funktion als Bundestagsabgeordneter begrüßt habe, sind dies

- Dr. Dieter Egle
- Dr. Sybill Storz
- Prof. Michael Ungethüm

Heinz Jürgen Koloczek, mein Vorgänger im Amt des Oberbürgermeister, Ehrengeschenkträger und langjähriger Weggefährte Ortwin Guhls, lässt sich wegen einer schon lange geplanten Reise entschuldigen, grüßt Sie aber alle herzlich.

Begrüßen möchte ich an dieser Stelle natürlich auch den Schöpfer unseres Ehrengeschenks, Kulturpreisträger Roland Martin.

Wie wir alle wissen, ist Ortwin Guhl der Kirche eng verbunden.  Ein herzliches Grüß Gott sage ich

- Generalvikar Dr. Clemens Stroppel von der Diözese Rottenburg-Stuttgart
- Erzabt Tutilo Burger vom Kloster Beuron
- Dekan Matthias Koschar von der katholischen Kirchengemeinde
- sowie Dekan Sebastian Berghaus von der evangelischen Kirchengemeinde

Ortwin Guhl wird heute auch für sein vielfältiges Ehrenamt ausgezeichnet. Stellvertretend für mehrere Institutionen, in die er sich einbringt begrüße ich

- Rektor Prof. Rolf Schofer und Dekan Prof. Kurt Greinwald für den Hochschulcampus Tuttlingen
- Ersten Landesbeamten Stefan Helbig in Stellvertretung für den DRK-Kreisvorsitzenden, Bürgermeister Bernhard Flad
- Irmgard Dinkelaker, Dr. Frank Breinlinger und Günter Hermann vom Vorstand der Tuttlinger Bürgerstiftung.

Ganz besonders in unserer Mitte heiße ich aber die Persönlichkeit willkommen, der heute geehrt wird: Ortwin Guhl.

Meine Damen und Herren,

maximal 15 lebende Träger unseres Ehrengeschenks, des „Kannitverstan“, darf es laut Ehrungsordnung der Stadt geben. Mit Ortwin Guhl werden es heute abend zehn sein. Doch ich bin sicher: Keiner der anderen neun hat  über so viele Jahre eine so enge Beziehung zum „Kannitverstan“ aufbauen können wie er. Kaum jemand dürfte mit der Skulptur von Roland Martin so vertraut sein wie Ortwin Guhl. Denn das Vorbild für unser Ehrengeschenk steht direkt vor Ortwin Guhls früherem Arbeitsplatz – im Großformat und stets mit leicht kritischem Blick nach oben. Dort, wo der Vorstand der Kreissparkasse sein Büro hat.

Wenn  Ortwin Guhl also mal aus dem Fenster seines Büros sah, hatte er den Kannitverstan stets im Blick. Als akribischer und gründlicher Schaffer tat er das natürlich nur selten. Aber ich bin mir sicher: Seine Gegenwart spürte er ständig.

Heute nun bekommt Ortwin Guhl einen handlichen Kannitverstan für den heimischen Schreibtisch. Ein Schreibtisch, an dem er vermutlich fast genauso viel Zeit verbringt, wie einst im Vorstandsbüro der Kreissparkasse. Denn wenn es einen Menschen gibt, auf den der vielstrapazierte Begriff des Unruheständlers zutrifft, dann ist es Ortwin Guhl. Und das, was er im Unruhestand für Tuttlingen täglich leistet, ist einer der Gründe für die heutige Ehrung – aber natürlich nicht der einzige. Denn wir würdigen heute die Lebensleistung eines Mannes, der über Jahrzehnte unendlich viel für unsere, für seine, Stadt getan hat. Der seine einflussreiche Position genutzt hat, um in besonderer Weise im Sinne des Allgemeinwohls zu handeln.

Ortwin Guhls Tuttlinger Zeit begann vor ziemlich genau 30 Jahren. Am 1. Januar 1984 wurde er Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Tuttlingen. Hinter ihm lagen Stationen bei der Deutschen Bank, der Deutschen Revisions- und Treuhand AG und dem Württembergischen Sparkassen- und Giroverband - vor allem aber bei der Landeskreditbank Baden-Württemberg. Das Rüstzeug dafür hatte er beim Studium in Tübingen erworben – beim Studium der Volkswirtschaft.

Immer wieder betont Ortwin Guhl, dass er Volkswirtschaftler ist und somit stets das große Ganze im Blick hat: Dass ihm der langfristige Erfolg einer ganzen Volkswirtschaft und somit der ganzen Gesellschaft wichtig ist - und nicht nur die Gewinnmaximierung einzelner Firmen.

Dass diese auf Langfristigkeit angelegte Denkweise auch zu messbarem wirtschaftlichen Erfolg führt, hat er mehr als bewiesen. In seiner Zeit stieg die Bilanzsumme der Kreissparkasse Tuttlingen von 688 Millionen auf 2,8 Milliarden Euro. Und ich darf an dieser Stelle ein Lob aus mehr als berufenem Munde zitieren:

„Herr Guhl gehört zu den scharfen Denkern in der Organisation. Er hat die von ihm geführte Sparkasse immer vorbildlich am öffentlichen Auftrag orientiert und immer beste Ergebnisse im ganzen Verbandsgebiet erzielt.“

Diese Zeilen schrieb mir erst vor wenigen Tagen der langjährige Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Heinrich Haasis, als er sich mit großem Bedauern für heute Abend entschuldigte.

Die von Heinrich Haasis angesprochene Orientierung am öffentlichen Auftrag setzte Ortwin Guhl in mehrerlei Hinsicht um.

Das beginnt beim von ihm gepflegten Selbstverständnis der Kreissparkasse als kommunales Institut zur Wirtschaftsförderung. Als Bank für die Stadt und für den Landkreis, für die mittelständischen Unternehmer und die privaten Bankkunden. Er hatte nie Ambitionen, als heimliche Großbank zu agieren, sich an weltweiten Spekulationen zu beteiligen, immer kompliziertere Produkte auf den Markt zu werfen und vor lauter Gewinnerwartungen immer höhere Risiken einzugehen. Und im Gegensatz zu anderen Sparkassen im Land lautete sein Motto auch nie „Von Sillenbuch bis nach Shanghai.“

Ortwin Guhl war immer das absolute Gegenbild zu den Leuten, die seit der Jahrtausendwende weltweit das Image des Bankwesens in der öffentlichen Wahrnehmung prägten – den selbsternannten „Masters of the universe“, den Finanzjongleuren, die Glamour in die Bankwelt brachten und mit einer Mischung auf Mitleid und Spott verächtlich auf die Sparkassen herabblickten.

Spätestens seit 2008 ist dieser Typ Banker nicht mehr gefragt – Menschen wir Ortwin Guhl dafür umso mehr. Und so wundert es nicht, dass Ortwin Guhl seit der Finanzkrise immer wieder zu Fernseh-Ehren kommt und schon mehrfach zu Interviews gebeten wurde – als Idealbild des grundsoliden schwäbischen Bankvorstandes: Vielleicht etwas bruddlig – aber von Grund auf ehrlich. Ein Banker alter Schule, der auch ohne riskante Spekulationsgeschäfte schöne Gewinne macht. Und der – obwohl sozialistischen Umverteilungsideen gänzlich unverdächtig – die maßlose Gier von gewissen Akteuren der Finanzbranche anprangert. Denn in diesen Auswüchsen sieht er nicht zu Unrecht eine Gefahr für unser Wirtschaftsmodell – eine Gefahr für die Akzeptanz der Marktwirtschaft.

Die Kreissparkasse unter Ortwin Guhl hatte auch ohne solche Auswüchse beachtliche Erfolge. Und ein Rezept dafür ist eine gesunde Bescheidenheit. Denn Ortwin Guhl sah Banken nie als Selbstzweck, sondern als Dienstleister der Wirtschaft. Und so war es dann auch die Firmenbetreuung, die er als Tuttlinger Sparkassendirektor stets in den Mittelpunkt stellte.

Dabei verstand sich Ortwin Guhl immer auch als Unternehmensberater – als Finanzexperte, der den Weg zu Fördertöpfen ebnet und mit einem kompetenten Blick von außen aufzeigt, wie Firmen sich besser aufstellen können.

Niemand kennt die genaue Zahl, aber die Liste dürfte lang sein – die Liste der Unternehmen, die es ohne Ortwin Guhl vermutlich nicht mehr geben würde. Firmen, die in akuten Krisen in ihm einen ebenso kompetenten wie wohlmeinenden Berater hatten. Einen Berater, der an die Firmen und ihre Mitarbeiter glaubte. Und wenn er von den langfristigen Chancen einer Geschäftsideen überzeugt war, brachte er Geduld und Vertrauen auf. Die meisten dieser Firmen schreiben schon lange  wieder schwarze Zahlen. Und manche gehören heute sogar zur Elite ihrer Branche.

Als Ortwin Guhl 1984 in Tuttlingen anfing, brauchten Stadt und Kreis auch dringend einen Mann wie ihn. Denn unsere Region befand sich um Umbruch. Traditionelle Branchen wie die Schuhindustrie bauten ab, die Medizintechnik in Tuttlingen oder auch die Automobilzulieferer auf dem Heuberg spielten noch bei weitem nicht die heutige  Rolle.

Diesen Strukturwandel begleitete Ortwin Guhl aktiv, trieb ihn mit voran. Er baute mit seiner Kreissparkasse mit am Fundament der wirtschaftlichen Stärke unserer Region. Und wenn wir – wie erst vor wenigen Wochen - im FOCUS-Ranking der wirtschaftlich stärksten Landkreise den fünften Platz bundesweit belegen, ist dies auch ein später Erfolg seiner Arbeit.

Der kommunale Auftrag der Bank hörte für Ortwin Guhl aber bei einer guten Betreuung der örtlichen Unternehmen nicht auf. Er verstand sich auch immer als enger Berater und natürlicher Verbündeter der Kommunalpolitik. Gerade in der erwähnten Umbruchsphase gab es ein unzertrennliches Gespann aus Ortwin Guhl, meinem Vorgänger im Amt des Oberbürgermeister Heinz-Jürgen Koloczek sowie dem damaligen Landrats Hans Volle. Und gemeinsam betrieben sie auch aktive Stadtentwicklung.

Das auffälligste Beispiel befindet sich schräg gegenüber der Kreissparkasse. Die etwas Älteren erinnern sich sicher: Dort, wo heute das Landratsamt steht, war einst die Fabrik der Firma Rieker. Und Mitte der 1980er-Jahre wurde immer deutlicher, dass Schuhproduktion im großen Stil in Deutschland kaum zu halten ist. Ortwin Guhl nahm sich des Problems höchstpersönlich an – und wurde zum Unternehmensberater, Wirtschaftsförderer und Makler in Personalunion. Markus Rieker, der heute leider entschuldigt ist, könnte dies sicher bestätigen. Persönlich suchte Ortwin Guhl in Portugal nach neuen Produktionspartnern für Rieker. Er fädelte ein, dass die Firma für ihre Zukunft einen modernen Bau im damals noch frischen Gebiet Gänsäcker bekam. Er forcierte den  Bau des Landratsamtes auf der drohenden Industriebrache. Er knüpfte die Kontakte zu den Sanierungsstellen. Kurzum: Er präsentierte Stadt, Landkreis und Unternehmen eine sauber abgestimmte Lösung aus einer Hand.

Die Umsiedlung von Rieker und der Bau des Landratsamtes war nicht das einzige Projekt, bei dem Ortwin Guhl ebenso still wie effizient hinter den Kulissen den Akteuren aus der Politik die richtigen Fäden in die Hände legte, damit diese daran ziehen können. Die Umwandlung des ehemaligen Heeresflugplatzes in Neuhausen zum Gewerbepark take-off war ein ähnlicher Fall – heute sind wir alle froh darüber, eines der erfolgreichsten Konversionsprojekte in unserer direkten Nachbarschaft zu haben. Und auch bei der Finanzierung der Tuttlinger Stadthalle war es Ortwin Guhl, der entscheidende Wege aufzeigte – und sich auch aktiv in die öffentliche und ausgesprochen kontroverse Debatte einbrachte. Ich glaube, heute sind auch viele der einstigen Kritiker froh, dass es dieses Gebäude gibt.

Bei all seinen fast schon geheimdiplomatischen Vermittlungen war es natürlich ausgesprochen hilfreich, dass Ortwin Guhl schon seit Studienzeiten bestens vernetzt ist. Dieses enge Geflecht aus Kontakten spann er über all die Jahre konsequent weiter. Er ist ein treuer Netzwerker, die Verlässlichkeit in Person. Und darum weiß er immer, wen man wo ansprechen muss, wenn man etwas erreichen will. Denn er versteht nicht nur die Kunst, Beziehungen aufzubauen. Er hat auch das Talent – und das ist noch viel wichtiger– diese über viele Jahrzehnte zu pflegen. Nicht ohne Zufall spricht gleich im Anschluss der frühere Bundespräsident zu uns. Und sowohl bei den schon legendären Sparkassen-Wirtschaftsforen als auch bei der Open-Campus-Reihe treten regelmäßig prominente und hochkarätige Redner aus Politik, Finanzwelt, Wissenschaft und Wirtschaft auf. Sie verbindet alle eines: Irgendwann im Laufe ihrer langen Karriere hat diese sich in irgendeiner Form mal mit der von Ortwin Guhl gekreuzt.

Gleichzeitig ist Ortwin Guhls finanzpolitischer Sachverstand weit über Tuttlingen hinaus gefragt: Erwin Teufel hat ihn ebenso schon in Anspruch genommen wie Volker Kauder oder sogar die Bundeskanzlerin. Und auch viele Kommunen profitierten von seinem Rat – indem er lukrative Anlageformen entwickelte, als viele Städte und Gemeinden sich von ihren EnBW-Aktien trennten und plötzlich mit einem für kommunale Verhältnisse unerwarteten Geldsegen konfrontiert waren.

Ohne Ortwin Guhls Kontakte, seine Fachkenntnisse, sein Insiderwissen und vor allem auch seine enorme Überzeugungskraft wäre auch das wichtigste Tuttlinger Großprojekt der letzten Jahre kaum möglich gewesen. Denn es war ein Meisterstück, rund 100 zum Teil in scharfer Konkurrenz stehende Firmen davon zu überzeugen, gemeinsam jedes Jahr zwei Millionen Euro für den Betrieb des Hochschulcampus zur Verfügung zu stellen. Ich kann mir keinen zweiten vorstellen, dem dies gelungen wäre – außer Ortwin Guhl. 

Aus dem gleichen Grund soll es allerdings auch Unternehmer geben, die hektisch den Rolladen runterlassen, wenn unerwartet ein schwarzer Mercedes mit dem Kennzeichen TUT-PX-100 auf den Hof rollt.

Der Hochschulcampus ist auch das Projekt, das Ortwin Guhls Ruhestand am stärksten zum Unruhestand macht. Bis heute ist er Geschäftsführer des Fördervereins Hochschulcampus – alleine das ist fast schon ein Vollzeitjob.

Sein Engagement für den Hochschulcampus ist das vielleicht wichtigste Ehrenamt von Ortwin Guhl, bei weitem aber nicht das einzige. So engagiert er sich er unter anderem

- als Vorsitzender des Freundeskreises der Fritz-Erler-Schule
- im Kirchlichen Hilfsfonds Rottenburg
- als Stiftungsrat der Eva-Luise und Horst-Köhler-Stiftung
- als Schatzmeister des DRK Tuttlingen
- und als Vorsitzender der Tuttlinger Bürgerstiftung

Vor allem bei seiner Funktion in der Bürgerstiftung kann ich regelmäßig selber erleben, wie stark sich Ortwin Guhl mit dieser Stadt und ihren Menschen identifiziert, wie er zum Tuttlinger mit Leib und Seele wurde.

Dass ihm einmal eine altwürttembergisch-evangelische Stadt so ans Herzen wachsen würde, war freilich nicht abzusehen. Die ersten Jahre seines Lebens verbrachte er als jüngstes von drei Geschwistern im einst vorderösterreichischen und somit katholischen Horb.

Schon als Jugendlicher kam er an die katholischen Internate und Konvikte in Rottenburg und Rottweil. Und das Ziel war klar formuliert: Ortwin Guhl wollte einen geistlichen Beruf ergreifen. Zwei Semester studierte er dann auch an der Uni Tübingen katholische Theologie – bis er sich dann doch für die Volkswirtschaft entschied.

Hier gibt es übrigens eine interessante Parallele: Einige Jahre vor Ortwin Guhl, nämlich 1720, kam in Oberndorf Martin Gerbert zur Welt. Auch er studierte Theologie, brachte es sogar zum Fürstabt von St. Blasien – doch ein Jahr später gründete er die „Waisenkasse Bonndorf“, die Vorläuferin der heutigen Sparkasse Bonndorf-Stühlingen.

Wir sehen: Die Verbindung von Theologie und Sparkassenwesen hat in Horb eine alte Tradition. Und die enge Bindung Ortwin Guhls an die katholische Kirche besteht bis heute. Mit dem Kloster Beuron ist er aufs Engste verbunden, seinen 70. Geburtstag feierte er im Kloster der Jesuiten von St. Blasien.

Für das Beuroner Kloster und die Jesuiten organisiert Ortwin Guhl bis heute auch private Spendensammlungen – unter anderem für ein Projekt, das Pater Walter Happel, der frühere Leiter des Kollegs in St. Blasien, ins Leben gerufen hat. Es ist ein Projekt, für das auch Ortwin Guhl wahre Leidenschaft entwickelt hat: Das Loyola-Gymnasium, eine katholische Schule in Pristina im Kosovo. Es ist ein Hoffnungszeichen in  einem immer noch stark zerstörten Land, das Auswärtige Amt spricht von einem „Leuchturmprojekt“ für das Kosovo. Es ist aber auch Beispiel dafür, was der Glaube bewirken kann.

Der Glaube ist es denn auch, der Ortwin Guhl über all die Jahrzehnte einen festen Rückhalt im Leben gab – zusammen mit seiner Familie, seiner Frau Brigitte und den beiden Kindern Christina und Thomas, mittlerweile gibt es auch schon drei Enkel. 

Während all der Jahre, in denen Ortwin Guhl immer in der ersten Reihe stand, war die Familie für ihn immer auch ein Rückzugsort – ein Ort, den er weitgehend vom beruflichen Leben in der Öffentlichkeit trennte.

Denn um sich selbst und sein Privatleben machte Ortwin Guhl noch nie ein großes Aufheben. Zur beruflichen Schaffigkeit kommt die private Bescheidenheit – auch bei persönlichen Dingen. Es gibt in Tuttlingen zahlreiche Kleinunternehmer oder mittlere Angestellte, die in weitaus opulenteren Eigenheimen leben als der langjährige und überaus erfolgreiche Bankdirektor.

Hier ist Ortwin Guhl auf liebenswerte Weise stur - und auf nicht minder liebenswerte Weise altmodisch. Und dies ist hier ausgesprochen positiv gemeint. Denn er hat es schon lange nicht mehr nötig, jeder neuen Entwicklung zwanghaft zu folgen. Dafür gehört er zu den wenigen Leuten, die noch lange Zahlenreihen in Windeseile im Kopf addieren können -  und er ist der einzige mir näher bekannte Mensch, der über keinen E-Mail-Account verfügt.

Lieber Herr Guhl,
meine Damen und Herren,

bescheiden und fleißig, kompetent und eloquent, hartnäckig und zielstrebig – mit diesen Eigenschaften hat Ortwin Guhl viel erreicht. Für sich, vor allem aber für unsere Stadt.

- Er war für Firmen und Privatleute über Jahrzehnte ein verlässlicher Partner, der viel zur wirtschaftlichen Stärke unserer  Region beigetragen hat.
- Er war für die Politik ein kompetenter Berater und Förderer und verhalf so vielen Projekten zum Erfolg.
- Er engagiert sich bis heute in den verschiedensten kirchlichen und sozialen Einrichtungen, bringt dort seine Fähigkeiten mit ein und sorgt so dafür, dass die sozialen Netzwerke in unserer Stadt funktionieren.

Durch all dies und vieles mehr hat sich Ortwin Guhl um unsere Stadt verdient gemacht. Aus diesem Grund ist es mir eine Freude und eine Ehre, ihm heute Abend das Ehrengeschenk unserer Stadt, den Kannitverstan, überreichen zu dürfen.