Verleihung des Kulturpreises an Herrn Christof Manz - 07. November 2012


Sehr geehrte Damen und Herren,

zur heutigen Verleihung des Kulturpreises möchte ich Sie im Namen der Stadt Tuttlingen herzlich willkommen heißen.

Ich begrüße meine Kollegen Emil Buschle und Willi Kamm sowie die Mit-glieder unseres Gemeinderates. Sie haben einstimmig beschlossen, Christof Manz mit diesem Preis auszuzeich-nen.

Ein Grüß Gott den Vertretern der Kirchen, Dekan Matthias Koschar für die katholische sowie Pfarrer Jens Junginger für die evangelische Kirche.

Mein besonderer Gruß gilt unseren früheren Kulturpreisträgern, die ich heute vollständig willkommen heißen darf:
- Roland Martin
- Siegfried Burger
- Helmut Brand
- Günter Hermann

Ich begrüße die Freunde, Verwandten und Weggefährten von Christof Manz, vor allem aber den zu Ehrenden selber: Christof Manz – besser bekannt als Stiefel.

Meine Damen und Herren,

mit dem Kulturpreis – der Name sagt es ja - ehrt die Stadt Tuttlingen besonderes kulturelles Engagement. Doch wenn wir heute Stiefel Manz ehren, fällt es schwer, dieses Engagement in Wort zu fassen. Seine Vor-Preisträger waren Bildende Künstler, Komponisten, Kirchenmusiker und Architekten. Und Stiefel Manz? Er ist Stiefel. Und auf diese Weise eigentlich fast schon selber ein lebendes Kunstwerk. Er ist ein Mensch, bei dessen kulturellem Engagement immer auch der soziale Gedanke eine Rolle spielt -  insofern hätten wir ihm eigentlich auch den Sozial-preis verleihen können. Und wenn man mit ihm über Fußball spricht, sieht man sogar einen würdigen Anwärter für den Sportpreis vor sich.

Wir haben uns dennoch für den Kultur-preis entschieden – als ideale Auszeichnung für einen Menschen, der auf seine ganz persönliche Weise die Kultur dieser Stadt mit geprägt hat und nach wie vor mit prägt. Denn Tuttlingen ohne Stiefel Manz kann man sich fast nicht vorstellen. Noch weniger freilich kann man sich Stiefel Manz ohne Tuttlingen vorstellen.

Stiefel Manz ist Tuttlinger von Geburt an - und das mit Leib und Seele. Hier wuchs er auf, hierher kam er nach der Buchhändlerlehre in Trossingen auch schnell wieder zurück – und hier absolvierte er seinen Zivildienst bei der e-vangelischen Kirchengemeinde. Es war die bewegte Zeit der frühen 1980er-Jahre – und für Stiefel Manz war es der ideale Rahmen für seine ersten Gehversuche: Er engagierte sich in der Jugendarbeit, rief einen Mittagstisch für Schüler ins Leben – und er organisierte seine ersten kulturellen Veranstaltungen.

Dazu gehörte übrigens auch ein Konzert mit Thomas Felder, den wir zu Beginn des Abends hörten und den wir nachher noch zwei weitere Male hören dürfen. Das Konzert fand auf dem Honberg statt – lange, bevor es den Honberg-Sommer gab.

Der evangelischen Kirchengemeinde blieb Stiefel Manz auch nach dem Ende des Zivildienstes treu – und zwar als Leiter der evangelischen Gemeindebücherei. Weitere Stationen als Buchhändler in Triberg und Waldshut folgten – bis er 1993 endgültig nach Tuttlingen zurückkehrte. Hier erfüllte er sich den Traum vom eigenen Buchladen: Zunächst in der Wilhelmstraße – damals noch mit Papagei Anna als lebendem Maskottchen. Danach in der Königstraße und schließlich in der Donaustraße – zuerst am Eck zur Rathausstraße und jetzt am Place de Dra-guignan.

Stiefel Manz Buchläden waren aber immer schon mehr als Orte, an denen Bücher verkauft werden. Sie waren und sind Treffpunkte, Orte des Austauschs, kulturelle Kristallisationspunk-te – und vor allem die Orte, an denen er selber seine Ideen schmiedet. Hier strickt er seine Pläne und feilt an seinen Konzepten– kurzum: hier wurden all die Projekte und Initiativen geboren, für die wir Stiefel Manz heute aus-zeichnen.

Es fällt schwer, eine lückenlose Aufzählung all seiner Veranstaltungsreigen zusammenzustellen – und darum erhebt diese Liste auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit:

- Im Rittergarten rief er den Tuttlinger Thekentratsch ins Leben – eine Ver-anstaltungsreihe, die regelmäßig für Gesprächsstoff sorgte und auch polarisierte. Dies lag nicht zuletzt an der ausgesprochen breit gefächerten Auswahl an Referenten: Sie reichte von Walter Jens bis zu Aussteigern aus der Neonazi-Szene. Von Gün-ther Amendt bis zu Roger Willem-sen.

- Er organisierte das Honzert und die ersten Drei-Tages-Festivals auf dem Honberg – und wurde so zu einem der Pioniere des Honberg-Sommers, der heute zu den wichtigsten Veranstaltungen in unserer Stadt zählt.

- Gemeinsam mit PROTUT konzipierte er Reihen wie den Kindertreff im Rathaus und gab dem Weihnachtsmarkt ein neues Gesicht.

- Unter der Überschrift „Gut Nacht um Sechse“ lädt er zu politischen und gesellschaftlichen Diskussionen in sein Kulturcafé – und gibt damit Akteuren unterschiedlichster Milieus ein Podium.

Vor allem aber zwei Reihen sind aus dem Kulturprogramm unserer Stadt nicht mehr wegzudenken – und in der langen Reihe der Stiefel-Events sind sie gewissermaßen die Flaggschiffe:

- Seit 2004 gibt es unter dem Dach der Tuttlinger Hallen den Literaturherbst. Mit ihm hat Stiefel Manz den Beweis erbracht, dass man auch in Tuttlingen mit Literatur Säle füllen kann – und er hat eine Reihe mit ganz eigenem Profil geschaffen.

- Und dann ist er natürlich der Vater des Gauklerfestivals: Seit 2002 können wir uns jedes Jahr auf eine wahrhaft zauberhafte Veranstaltung in Tuttlingen freuen. Das Gauklerfest zeigt, dass man auch heute mit leisen, beschaulichen und feinsinnigen Tönen die Menschen begeistern kann – oder gerade damit.

Im Gauklerfest fließt vielleicht am meisten all das ein, worum es Stiefel Manz geht, was ihn antreibt, wofür er steht und wofür er Unmengen an Zeit und Kraft opfert: Man kann dies an drei Punkten festmachen, die immer wieder auffallen, wenn man sich mit der Person Stiefel Manz und mit seiner Arbeit befasst:

- Zunächst einmal will Stiefel Manz etwas in dieser Stadt bewegen. Er will etwas für unser Tuttlingen, für sein Tuttlingen machen. Es ist ihm ein Anliegen, Leben in die Stadt zu bringen und dafür zu sorgen, dass man hier gerne lebt. Er wehrt sich gegen das Klischee der angeblich so langweiligen Provinz. Und er gehört zu den Menschen, die nicht nur fordern und nörgeln, die ständig nur Beispiele bringen, was anderswo angeblich besser läuft. Vielmehr packt er selber mit an um seinen Beitrag dafür zu leisten, dass diese Stadt wieder ein Stück liebenswerter wird. Bei diesem Engagement zählt er nicht die Stunden, die er inves-tiert. Und wenn er von einer Idee überzeugt ist, lässt er sich auch von gewagten Finanzierungsmodellen nicht abhalten.

- Das zweite Charakteristikum: Stiefel Manz ist ein Mensch der Kommuni-kation und des Austauschs. Er will vermitteln zwischen Altersgruppen, Nationen, Religionen, sozialen Schichten und auch politischen Lagern. Und dafür schafft er Begeg-nungspunkte wie das Gauklerfest. Denn bei all seinem Engagement sieht er die Stadt als Einheit. In ihr leben die unterschiedlichsten Menschen. Umso wichtiger ist es, dass diese sich austauschen. Aus seinen eigenen Ansichten macht Stiefel Manz ganz gewiss keinen Hehl. Es ist kein Geheimnis, dass wir uns poli-tisch nicht immer einig sind. Dies macht ihn auch zu einem unbequemen aber von Grund auf aufrechten Zeitgenossen. Denn bei allen Debatten ist es ihm wichtig, dass nie der Gesprächsfaden abreißt. Darum sucht er das Verbindende und Aus-gleichende – und das über alle politischen Lager hinweg.

- Als drittes Merkmal fällt mir ein ganz besonderes Herzensanliegen von Stiefel Manz auf: Er will Kultur in möglichst breite Kreise der Bevölkerung vermitteln. Daher gilt sein Engagement vor allem denen, die sich mit der klassischen Kulturszene schwer tun. Denen, die Schwellenängste haben, die aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Bildung oder ihrer finanziellen Verhältnisse vermutlich nie in ein klassisches Konzert oder ein Theateraufführung gehen würden. Die vermutlich auch nicht zu den Stammkunden seines Buchladens gehören. Doch Stiefel Manz wehrt sich dagegen, dass Kultur nur einem Teil der Gesellschaft vorbehalten sein soll. Denn weil er von der Bedeutung der Kultur für den Menschen überzeugt ist, will er möglichst vielen den Zugang dazu verschaffen. Das fängt bei der Leseförderung für Kinder an und reicht bis zu seiner Arbeit mit Migranten. Und genau für dieses Kulturideal steht auch sein Gauklerfest. Es ist ein niedrigschwelliges Angebot, das jeder verstehen kann. Es erfordert weder besondere Sprachkenntnisse noch eine tiefschürfende Vorbildung. Es ist aber weit davon entfernt, oberflächlich zu sein. Im Gegenteil: Es ist ein Kulturangebot voller Poesie, das seine ganz eigene Sprache spricht – eine Sprache, die man auch ohne Anzug oder Abendkleid verstehen kann.


Stiefel Manz hat über all die Jahre einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, dass das Tuttlinger Kulturange-boten stolz auf einige ganz markante Eigengewächse sein kann. Unserer Stadt tut dies gut. Und Stiefel Manz gibt viel dafür, dass seine kulturellen Kinder weiter wachsen und gedeihen – und dieses Geben ist ganz wörtlich gemeint. Denn im Zweifelsfall stellt er auch seine eigenen wirtschaftlichen und privaten Interessen hinter seine Ideale und Ideen zurück.

Eine Gesellschaft braucht solche Menschen. Menschen, die für ein Thema brennen. Wenn Stiefel von einem Projekt überzeugt ist, strahlt er eine solche Begeisterung aus, die schnell überspringt. Ich selber habe dies schon mehrfach erlebt. Oder genauer gesagt: Erleben dürfen.

Im Laufe der Jahre ist es Stiefel Manz gelungen, viele Menschen für seine I-deen zu begeistern. In unserer Kulturlandschaft hat er dadurch Spuren hin-terlassen. Und deshalb zeichne ich heute Stiefel Manz mit dem Kulturpreis der Stadt Tuttlingen aus.

Die Urkunde trägt folgenden Text:

Kunst und Kultur sind unverzichtbare Bestandteile unseres Lebens. Eine Gesellschaft lebt von künstlerischer Reflexion, von den Anstößen und Dis-kussionsbeiträgen ihrer Kulturschaffenden. Die Stadt Tuttlingen fördert die Kultur und zeichnet besondere Leistungen aus. In Anerkennung seiner Verdienste würdigt die Stadt Tuttlingen

CHRISTOF MANZ
- STIEFEL -
mit dem KULTURPREIS

Der Preis selber ist eine Grafik von Hans-Uwe Hähn, dem Leiter unserer Jugendkunstschule. Ich bin sicher, dass er einen würdigen Platz in Stiefels Buchladen finden wird.