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Der Mord an Lucrezia im Castello Catajo


Wer einmal in Battaglia Terme war, jenem auf den ersten Blick so wenig bedeutend wirkenden Städtchen einige Kilometer südlich von Padua, Partnerstadt erst Möhringens und seit einiger Zeit auch Tuttlingens, dem wird ganz sicher jenes beeindruckende Gebäude aufgefallen sein, das sich unweit der Stadt aus den Hügeln erhebt: das Castello Catajo. Man muss entweder selbst ausreichend Italienisch sprechen oder sich von Deutsch sprechenden Einheimischen erzählen lassen, um etwas über seine Geschichte und Bedeutung zu erfahren. Dann allerdings lernt der Besucher, dass er sich hier in einem äußerst geschichtsträchtigen Eckchen Italiens befindet, in dem sich bei unterschiedlichsten Ereignissen die „Promis der Geschichte“ sozusagen die Klinke in die Hand gegeben haben. Dieser Tage ist das Schloss Schauplatz einer Historie besonderer Art: Bis zum 25. November wird hier in einer längeren Veranstaltungsreihe unter anderem eine Bluttat theatralisch beleuchtet, welche dem Castello wahrscheinlich am meisten zu Bekanntheit verholfen hat: der grausame Mord an Lucrezia degli Obizzi vor etwa 350 Jahren.
Zum Schauplatz: Mit dem Namen Catajo, der offenkundig nicht italienischen Ursprungs ist, verbindet sich ein majestätisches Schloss, das sich an die Hänge des Montenuovo lagert, jene kleine Erhebung, die nach Osten hin die Hügelkette des Berges Ceva ergänzt, die die „Battagliensi“, wie die Bewohner von Battaglia Terme sich selbst nennen, wegen seiner Form als „Hufeisen“ bezeichnen. Die Komplexität und Größe des Gebäudes - 350 Zimmer, dazu unzählige Korridore, Treppen, Gärten, Parks, Brunnen, Tiere - beeinflussen die Fantasie, die das Schloss in Verbindung bringt mit dem fabelhaften Katay Marco Polos, doch leitet sich der Name in Wirklichkeit ganz bescheiden von „tajare“ (durchqueren, vorübergehen) ab, oder wie es auch heißt, vom Gebiet „Ca del Tajo“, in dem es sich befindet.
Es ist dieses Schloss ein imponierendes Bauwerk, reich an Geschichte, Zauber und Legende, das erbaut wurde, um die Familie der Obizzi lobzupreisen, und das zur Zeit seines größten Prunks in Venetien Sitz einer der wichtigsten Sammlungen archäologischer Fundstücke war. Diese und andere sind die Besonderheiten eines Wohnsitzes halb Militärunterkunft, halb Herrenresidenz und Feudalschloss. Das Burgschloss von Catajo hat wegen seiner Besonderheiten schon immer seine Besucher bezaubert: von seinem Namen bis zu seiner Stattlichkeit, die es kennzeichnet, und bis zu den Legenden, deren Schauplatz es ist: Im Burgschloss befindet sich ein Stein, der mit dem Blut der Lucrezia degli Obizzi befleckt ist, die in der Nacht des 14. Novembers 1654 grausam von einem zurückgewiesenen Verehrer ermordet wurde. Der Geist der unglücklichen Lucrezia zieht seitdem im Schloss umher, und viele erzählen, dass sie an den oberen Fenstern des Schlosses
eine in Blau gekleidete Figur gesehen hätten…
Tommaso, eine weitere tragische Gestalt, die mit dem Ort verbunden ist, war der letzte Vertreter der Familie der Obizzi, ein seltsamer und gewalttätiger Typ, der die Frauen und das mondäne Leben liebte, der aber auch ein großer Sammler von Kunstwerken war. Seine junge Frau, Barbara Quercini, so erzählt man, starb nach nur zwei Ehejahren wegen der Sorgen und des Kummers, die ihr Mann ihr machte. Tommaso ließ aus Reue im Park des Catajo ein Grabmal für sie erbauen und prägte eine Münze ihr zu Ehren. Er heiratete nicht mehr und hatte keine Kinder. Mit ihm endete die Dynastie der Obizzi.
Es gibt aber noch eine andere schaurige Akteurin auf der Szene. Hinter dem Eingang des Burgschlosses befindet sich eine Nische mit einer weiblichen Figur und der folgenden Inschrift: “Gabrina ruht hier, alt und geil / von dem anmutigen Stutzer auf dem Buckel hierher getragen / die, auch wenn taub, verdreht und lahm, herumliebelte solange sie lebte.“ Sie war eine heimtückische Hofdame im Leben und ist es auch heute noch: Wenn man sich zum Lesen der Inschrift nähert, kann es passieren, dass einem Wasser ins Gesicht spritzt. Wie’s funktioniert, wird hier selbstverständlich nicht verraten.