Volkstrauertag 2011 - Rede von EBM Emil Buschle - 13. November 2011


Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Besucher unserer Gedenkfeier,

66 Jahre nach Kriegsende gedenken wir heute der Opfer von Krieg und Gewalt. Wir gedenken der Gefallenen und Vermissten Söhne aus Tuttlingen – aber auch all derer, die in den Kriegen danach ihr Leben lassen mussten: Gleich, ob sie Militärs oder Zivilisten waren – oder Menschen, die aufgrund ihrer Rasse, ihrer Religion, ihrer politischen Einstellung oder ihrer Lebensweise verfolgt, gequält und ermordet wurden.

Zugleich aber fragen wir uns am heutigen Volkstrauertag, was wir heute tun können für Frieden und Freiheit, für Gerechtigkeit und Menschlichkeit in unserer Welt. Denn der Volkstrauertag bedeutet zum einen Rückschau und Respekt vor den Opfern, gleichzeitig aber auch Vorausschau und Hinterfragen unseres heutigen Tuns und Unterlassens.

Deshalb ist der Volkstrauertag auch 65 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs kein alter Ritus, sondern nach wie vor aktuell.

Betrachtet man es genauer, dann ist der Volkstrauertag sogar deutlich älter als die Bundesrepublik. Er geht zurück auf die Anregung des Volksbundes Deutscher
Kriegsgräberfürsorge aus dem Jahre 1920. Damals ging es darum, an die Toten des Ersten Weltkrieges zu erinnern. Verbunden damit war die Hoffnung, dass die Erinnerung an das millionenfache Leid endlich für Frieden sorgen würde. Doch diese Hoffnung wurde schon wenige Jahre später bitter enttäuscht. 1939 gab es wieder Krieg. Und er war grausamer als man es sich bis dahin vorstellen konnte. Erst nach dem Ende dieses von Nazi-Deutschland entfachten Zweiten Weltkriegs ist die Hoffnung auf Frieden weitgehend Realität geworden – allerdings nur in Westeuropa.

Denn wir dürfen nicht vergessen: Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden hunderte von Kriegen überall auf der Welt geführt. Bis heute. Und nach wie vor werden Millionen von Menschen Opfer von Krieg, Verfolgung, Vertreibung oder fanatischem Terror.

Nach wie vor ist Gewalt Alltag in vielen Regionen der Welt. Einzelne Menschen, Gruppen oder Staaten werden unterdrückt, um ihnen im Namen von Nation, Volk, Rasse, Religion oder Ideologie etwas aufzuzwingen.

Unser Gedenken an die Toten heute ist für uns deshalb auch Mahnung, aus der Vergangenheit Schlüsse zu ziehen und danach zu handeln. Wann immer und wo immer wir heute helfen können, Blutvergießen zu beenden und Not zu lindern, - dann müssen wir es tun.

Wir dürfen nicht wegschauen, als ginge uns das Ganze nichts an. Das, meine Damen und Herren ist zuallererst ein Gebot der Menschlichkeit. Es ist aber auch ein Gebot vorausschauender Vernunft. Der Glaube an die Begrenzbarkeit von Konflikten war schon häufig eine gefährliche Illusion – im Übrigen auch unserer europäischen Nachbarn als es um Hitler ging.

Auch deshalb ist es richtig, dass deutsche Soldaten an Friedensmissionen in der Welt beteiligt sind. Dabei müssen wir immer kritisch fragen, auf welcher Grundlage dies geschieht, zu welchem Zweck und mit welchem Ziel. Unser Grundgesetz und das Völkerrecht sind heute ein verlässlicher Rahmen. So haben wir auch unserem Grundgesetz und dem Völkerrecht gehorcht, als wir uns dem Krieg im Irak verweigert haben.

„Wenn wir uns dagegen am Einsatz in Afghanistan beteiligen“, – Zitat unseres Altbundeskanzlers Helmut Schmidt – „dann geschieht das in Übereinstimmung mit unserem Grundgesetz, in Übereinstimmung mit dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und gemeinsam mit unseren Verbündeten.“ Zitat Ende.

Natürlich kann man über diesen Einsatz streiten, und jede Meinung hierzu ist legitim. Ich persönlich halte ihn angesichts unserer täglich mehr zu- als ab nehmenden weltweiten Einbindung für richtig. Ich sage Ihnen aber auch ganz offen, dass ich bei den Abstimmungen im Deutschen Bundestag nicht in der Haut der Abgeordneten stecken möchte. Denn es geht dabei immer auch um junge Menschen, die wir in den Krieg  schicken. Deshalb sind das schwierige Gewissensentscheidungen – und jeder Soldat hat einen Anspruch darauf, dass sich der Bundestag seiner besonderen Verantwortung in dieser besonderen Situation bewusst ist.

Helmut Schmidt hat dies in einer Rede beim öffentlichen Gelöbnis am 20. Juli 2008 vor dem Berliner Reichstag treffend umschrieben: „Jeder Soldat und jeder Rekrut darf sich darauf verlassen: Auch künftig werden
Bundestag und Bundesregierung unsere Streitkräfte nur im Gehorsam gegen das Grundgesetz und nur im Gehorsam gegen das Völkerrecht einsetzen. Junge Soldaten! Ihr habt das große Glück – ganz anders als ich als Rekrut des Jahres 1937! –, Ihr habt das Glück, einer heute friedfertigen Nation und ihrem heute rechtlich geordneten Staat zu dienen. Euer Dienst kann auch Risiken und Gefahren umfassen. Aber Ihr könnt  Euch darauf verlassen: Dieser Staat wird Euch nicht missbrauchen. Denn die Würde und das Recht des einzelnen Menschen sind das oberste Gebot – nicht nur für die Regierenden, sondern für uns alle" – soweit Helmut Schmidt.

Unsere Soldaten heute in Afghanistan stehen im Krieg für den Frieden, nicht für den Krieg. Sie wollen kein Land erobern, sondern den Menschen dort zu einem menschenwürdigen Leben in Freiheit und unter Achtung der Menschenwürde und Menschenrechte verhelfen.

Als der Bundestag 2001 beschloss, Soldaten nach Afghanistan zu schicken, hatte man vielleicht überzogene Hoffnungen, was Dauer und Erfolge dieses Krieges betrifft. Die wenigsten hätten gedacht, dass sich viele Dinge auch zehn Jahre später noch nicht grundlegend geändert haben. Trotzdem – oder gerade deswegen- haben die Soldaten in Afghanistan unsere Solidarität und Unterstützung verdient. Und dies unabhängig davon, wie man politisch zu diesem Einsatz steht. Darum möchte ich heute unsere in Afghanistan gefallenen Soldaten und ihre Angehörigen
ausdrücklich in unser Gedenken einschließen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
der nicht enden wollende Krieg in Afghanistan ist aber nicht das einzige Thema das uns deutlich die Aktualität des Volkstrauertages in Erinnerung ruft.

Das Gedicht, das die Realschüler vortrugen, griff die Worte auf, die auch als Motto über der Friedensdekade 2011 stehen:

Gier - Macht - Krieg

Über Gier und Macht ist in diesen Tag wieder viel die Rede. Über die Gier von Managern, denen Profit über Moral geht. Oder über die Gier von Anlegern, die nicht fragen, woher die Rendite kommen. Oder auch über die Machtgier von Politikern, die sich das Wohlwollen der Wähler erkaufen und ihre Staaten dadurch in den Bankrott führen.
Und gerade in diesen Tagen wird immer deutlicher, dass es sich hier nicht nur um theoretische moralische Fragen handelt. Es wird immer klarer, dass wir hier auch über Konflikte reden, die den Frieden ernsthaft gefährden können:

- Wenn zum Beispiel die Spekulation mit Nahrungsmitteln Hungersnöte begünstigt
- Wenn ein kollabierendes Finanzsystem ganze Volkswirtschaften mit sich reißt
- Wenn Sozialsysteme auf einen Schlag nicht mehr bezahlbar sind
- Und wenn es gleichzeitig immer noch Profiteure aus diesen Krisen gibt, die ihren Reichtum ungehemmt zur Schau stellen.

Machen wir uns nichts vor: Die Grenze, an der die Menschen dies nicht mehr akzeptieren, ist unter Umständen schneller erreicht, als wir glauben. Und ich will es nicht ausschließen, dass materielle Konflikte eines Tages auch in Europa wieder mit Gewalt ausgetragen werden. Die Krawalle, die in diesem Sommer ohne jede Vorwarnung in London ausbrachen, waren möglicherweise nur ein Vorgeschmack.

Gleichzeitig erleben wir gerade, dass die Grundlagen unserer Nachkriegsordnung auf eine schwere Probe gestellt werden. Gemeinsamer Handel und der Aufbau eines gemeinsamen Marktes galten lange als der Garant für den Frieden in Europa. Dass der Kontinent, auf dem noch bis 1945 der bis dahin brutalste Krieg der Geschichte wütete, so schnell ein Kontinent des Friedens wurde, ist schließlich der wichtigste Erfolg der europäischen Einigung.

An dieser Selbstverständlichkeit hat bis vor kurzem niemand gezweifelt. Sie war eine Grundlage der Politik. Gerade in diesen Tagen aber müssen wir feststellen, dass die europäische Einheit bei weitem nicht so unverwüstlich ist, wie wir geglaubt haben.

Meine Damen und Herren,

ich will jetzt nicht schwarz malen. Mir ist es aber wichtig, gerade am heutigen Tag daran zu erinnern, dass Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit ständig neu erkämpft werden müssen. Und dass eine freie und friedliche Welt immer auch eine sozial gerechte Welt sein muss.

Dieser tägliche Einsatz ist unsere Pflicht. Wir sind sie denen schuldig, die in all den Kriegen und Konflikten auf unserer Welt gestorben sind. Ihr Tod ist uns Verpflichtung.

Ich darf nun die Vertreter der Gemeinderatsfraktionen bitten, mit mir der Toten zu gedenken und den Kranz niederzulegen.