Als die Chirurgie noch als Handwerk galt - Ausstellung über Medizingeschichte im Fruchtkasten


Ein versteinerter Fötus und ein Gefäß für Menschenfett – das sind nur zwei der außergewöhnlichen Exponate, mit denen die neue Ausstellung im Fruchtkasten Einblicke in vormoderne Medizin gibt. Am Freitag, 7. Oktober, wird die Schau unter dem Titel „Ärzte, Bader und Barbiere“ von Oberbürgermeister Michael Beck eröffnet.

Augen-OP
Augen-Operation (Ex Voto Schenkenbergkapelle)

Auf 100 Text- und Bildtafeln sowie anhand von rund 170 Exponaten zeigt die Schau das Bemühen, Kranke zu heilen, Schmerzen zu lindern und Gesundheit zu fördern. Sie gewährt einen Blick zurück in die Zeit vor dem 19. Jahrhundert. In die Zeit vor der modernen Medizin also und in die Zeit, bevor Tuttlingen Weltzentrum der Medizintechnik wurde.

Blasen-Stich
Blasenstich  (Encyclopédie Diderot)

Die Ausstellung wurde bereits im Hällisch-Fränkischen Museum mit großem Erfolg gezeigt, jetzt wurde sie um einige Tafeln, die die Tuttlinger Situation erläutern, ergänzt. Die Exponate stammen von über 30 Leihgebern aus Süddeutschland und der Schweiz. Neben historischen medizinischen Instrumenten werden Abbildungen von medizinischen Eingriffen aber auch Portraits, Kräuterbücher wie das des Leonard Fuchs oder Präparate gezeigt.

Schroepfen
Bader beim Schröpfen

Ärzte, Bader und Barbiere sind nicht die einzigen Berufsgruppen, die in der Ausstellung vorgestellt werden. Selbstverständlich gehören dazu auch die Apotheker, die Hebammen sowie die zahlreichen Stümpler, zu welchen auch die Henker zählen. Neben einem Gebärstuhl ist auch das Steinkind aus Leinzell zu sehen. Der versteinerte Fötus wurde 1720 bei der Sektion einer 91-jährigen Frau aus Leinzell entdeckt.  Ein Standgefäß mit der Aufschrift „Axung. Homin.“ verweist darauf, dass sich in dem Gefäß Menschenfett befand, das von Scharfrichtern hergestellt und als „Armsünderschmalz“ bezeichnet wurde. Es wurde in Salben gegen Zahnschmerzen, Knochenschmerzen und Gicht angewendet.
Seuchen und Krankheiten wie die Lepra, Pest und Syphilis, denen die Menschen hilflos ausgesetzt waren, wurden ebenso in die Untersuchung einbezogen wie die Leprosenhäuser und die Spitäler, die Vorläufer unserer modernen Krankenhäuser. In Tuttlingen befand sich das Spital in der Innenstadt, das Siechenhaus aber in der Unteren Vorstadt. Das 1819 errichtete Katharinenheim löste beide Einrichtungen ab.

Abgeschlossen wird die Schau mit einem Blick auf die Entwicklung hin zur modernen Medizin. Dabei gilt das besondere Interesse zwei folgereichen Zäsuren: der Reformation und der Aufklärung. Die Aufklärung bewirkte die Akademisierung der Medizin und brachte das Ende zweier medizinischer Berufe mit sich: Bader und Barbiere konzentrierten sich auf die Wellness und Schönheit. Chirurgie war nun kein reines Handwerk mehr, und die über Jahrhunderte bestehende Trennung zwischen Arzt und Chirurg wurde aufgehoben.
Die Exponate dokumentieren ebenso Irrungen wie wegweisende Erkenntnisse in der Entwicklung der heilkundigen Handwerke hin zur modernen Medizin. Manche Therapien wie zum Bespiel ausleitende Verfahren erscheinen uns seltsam und erregen vielleicht sogar Abscheu. Doch die Präsentation zeigt, dass hinter allen Maßnahmen das Bemühen  stand, Menschen zu helfen und zu heilen.

INFO:
Zu der Ausstellung ist ein Begleitbuch mit zahlreichen  Aufsätzen erschienen: „„Ärzte, Bader und Barbiere – Die medizinische Versorgung vom Mittelalter bis zum Ende des Alten Reichs“, 28 x 21 cm, 352 Seiten, über 300 farbige Abbildungen, 28 €. Die Ausstellung ist im Fruchtkasten in der Donaustraße 50 78532 Tuttlingen, zu sehen. Sie dauert bis zum 22. Januar und ist Dienstag, Donnerstag, Samstag und Sonntag jeweils von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Die Eröffnung findet am Freitag, 7. Oktober, um 19 Uhr im Foyer des Rathauses statt.