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Profi-Boxtraining im Jukuz – „Kenne keinen Boxer, der sich auf der Straße kloppt“


Boxen als Rezept für mehr Durchhaltevermögen und zur Aggressionskontrolle – ein Projekt im Jukuz setzt genau darauf. Jetzt gab es auch prominenten Unterstützung: Die Hoffmann Twins, Profiboxer aus Villingen-Schwenningen, kamen zum Probetraining nach Tuttlingen.

Mehrere Männer beim Boxtraining

Training mit Profis: Die Hoffmann-Twins kamen zur Boxgruppe im Jukuz.

Zu seiner Schulzeit fällt Rudi Hoffmann nur ein Wort ein: „Eine Katastrophe“. Immerhin, er schleppte sich irgendwie durch und schaffte das Abi – „mit Ach und Krach“, wie er sagt. Dass er den Abschluss überhaupt hinkriegte und danach Maschinenbau studierte, führt Rudi Hoffmann nur auf eines zurück: Mit 15 begann er mit Boxen. Und ohne die Erfahrungen aus dem Sport - da ist er sich sicher - hätte er auch seine weitere Karriere nicht geschafft. Mittlerweile hat Rudi Hoffmann auch noch einen Master in Informatik, derzeit arbeitet er an seiner Promotion. Und er ist Profiboxer: Deutscher Meister, genau so wie sein Zwillingsbruder Alex. Gemeinsam treten sie als „Hoffmann Twins“ auf. Und die Ambitionen der beiden gehen noch weiter: „Unser nächstes Ziel ist klar definiert“, schreiben sie auf ihrer Website, „wir streben den Europameistertitel an.“

Mehrere Männer beim Boxtraining

Zwei amtierende Deutsche Meister im Jukuz – das gibt es nicht jeden Tag. Und wenn Rudi und Alex Hofmann ihre Geschichte erzählen, hören die Jugendlichen gespannt zu. In Sportkleidung stehen sie im Veranstaltungsraum des Jugendtreffs, doch das Probetraining, das sie gleich absolvieren werden, ist mehr als eine rein sportliche Angelegenheit: „Boxen - das bedeutet Ausdauer, sich durchbeißen, etwas durchziehen, sich nicht entmutigen lassen“, sagt Rudi Hoffmann. Vor allem bedeutet es eines: Selbstüberwindung. „Oft hab ich nicht die geringste Lust zum Boxen – ich mach es trotzdem“, sagt er.

Alex Hoffmann führt einen weiteren Aspekt an: „Boxen macht ausgeglichen“, sagt er. Der hochkonzentrierte Kampfsport sei ideal, um Emotionen und Aggressionen zu kanalisieren: „Ich kenne keinen Boxer, der sich auf der Straße kloppt.“ Der gesteuerte Energieabbau funktioniere nicht bei allen Sportarten so gut. „Früher hab ich Tischtennis gespielt“, erzählt Alex Hoffmann, „und ich weiß nicht mehr, wie viele Schläger ich aus Wut zertrümmert habe.“ Anfälle dieser Art kennt er aus seinem jetzigen Sport nicht. „Ein Boxer ist eher geknickt, wenn er verloren hat.“

Mittlerweile haben die Jugendlichen aus der Boxsport-Gruppe im Jukuz das Aufwärmtraining hinter sich. Schon jetzt fließt der Schweiß über ihre Gesichter, die Trikots kleben an ihren Körpern, dabei geht das Training erst richtig los. Alex und Rudi Hoffmann gehen von Schüler zu Schüler, starten fingierte Angriffe, kommentieren die Reaktionen. Mit den Leistungen ihrer Schüler sind sie zufrieden.

Gruppenfoto mit Boxern

Zufrieden ist auch Carlo Forti. Er ist angehender Arbeitserzieher, absolviert einen Teil seiner praktischen Ausbildung bei der städtischen Abteilung Jugend und hat in diesem Rahmen das Boxprojekt ins Leben gerufen. Als aktiver Kampfsportler kam ihm die Idee, Sport und Pädagogik auch hier zu verbinden. Seit acht Monaten trifft sich die von Forti ins Leben gerufene Boxgruppe nun.

Das Probetraining ist dabei der Höhepunkt des Projekts. „Mir war es wichtig, dass die Jungen auch mal Profis kennen lernen – und dass sie nicht nur zusammen trainieren sondern sich auch austauschen.“ Denn von den Profis können sie mehr lernen als nur die richtige Körperhaltung, wenn man einen Schlag abwehrt: „Man muss an seine Ziele und sich glauben und auch jeden Tag daran arbeiten“, so die Zwillinge. Und das gilt im Sport genau wie in der Schule oder im Beruf.