Verleihung des Sozialpreises an Marianne Huegel - 26. April 2010


Meine sehr geehrten Damen und Herren,

zur heutigen Verleihung des Sozialpreises der Stadt Tuttlingen darf ich Sie herzlich willkommen heißen. Wunderbar eingestimmt wurden wir soeben vom Streichquartett der Musikschule Tuttlingen

– Leonie Hilzinger
– Clara Kessler
– Hedwig Sum
– und Linda Barthelmes.

Vielen Dank, wir werden nachher noch mehr von Euch hören.

Begrüßen darf ich als Vertreter der Landespolitik unseren Landrat und Landtagsabgeordneten Guido Wolf sowie unseren Landtagsabgeordneten Fritz Buschle – herzlich willkommen in unserem Kultur-haus.

Der Sozialpreis ist eine der Auszeichnungen, die unsere Stadt seit 2007 vergibt. Ich freue mich daher, so viele Repräsen-tanten der Stadt begrüßen zu dürfen – meinen Kollegen Emil Buschle sowie zahlreiche Vertreter des Gemeinderates.

Ich begrüße die Menschen, die sich ebenfalls um unserer Stadt verdient gemacht haben und deswegen ebenfalls Träger wichtiger Preise sind: Von unseren Ehrengeschenträgern anwesend sind

  • mein Vorgänger im Amt des Oberbürgermeisters Heinz-Jürgen Koloczek
  • und Dr. Dieter Egle
Ebenfalls unter uns ist ein Vertreter der Gruppe, die 2008 den Sozialpreis verliehen bekam:

  • Hans-Werner Weidmann von der Initiative Nachtlager für Wohnungslose
Mit dem Sozialpreis würdigt die Stadt Tuttlin-gen ein über Jahre andauerndes soziales Engagement. Und wir alle wissen, dass dies nur zusammen mit anderen Menschen möglich ist.

Deswegen freue ich mich,
heute viele der Menschen begrüßen zu dürfen, die für die Gruppen stehen, in denen sich unsere Geehrte eingebracht hat.

Ich begrüße für die Kirchen

  • Dekan Matthias Koschar für die katholische Kirche
  • und Dekan Frank Morlock für die evangelische Kirche
Als Vertreter der Lebenshilfe heiße ich willkommen
  • Otto Weihing
  • und Winfried Baumann
Und für das Heimatforum und die Initiative Altes Krematorium begrüße ich hier auf vertrautem Terrain

  • Barbara Dieterich
Ganz besonders willkommen heiße ich natürlich die Person, die heute Abend im Mittelpunkt steht:

Marianne Huegel

Meine Damen und Herren,

zunächst ein paar Daten.
  • in Singen aufgewachsen
  • in Tuttlingen heimisch geworden
  • in Tuttlingen politische Erfahrungen gesammelt
  • ausgestattet mit einem starken sozialen Engagement und einem ausgeprägten Sinn für Kunst
Sie wissen, von wem ich jetzt rede? Nein, ich meine nicht Volker Kauder. Obwohl all diese Attribute auch auf ihn zutreffen würden. Ich spreche von Marianne Huegel. Und die überraschende Ähnlichkeit zeigt uns eines:

Singener, die etwas bewegen und erreichen möchten, zieht es nach Tuttlingen. Und davon profitieren dann beide Seiten.

Auch bei Marianne Huegel hat die Stadt von ihrem jahrzehntelangen Engagement profitiert. Und deshalb sind wir heute hier versammelt. Um unmittelbar nach ihrem 80. Geburtstag am gestrigen Sonntag eine Frau zu ehren, die in unserer Stadt in verschiedenen Bereichen besondere Akzente gesetzt hat.

Tuttlingerin ist Marianne Huegel seit 1960. In unsere Stadt kam sie, weil ihr Mann kurz zuvor Chefarzt am Tuttlinger Krankenhaus wurde – Dr. Dr. Arnulf Huegel, der leider im vergangenen Jahr verstarb. Ein Mann, der eben-falls eine besondere Persönlichkeit unserer Stadt war. Eine Persönlichkeit, die wir sehr vermissen.

Zuvor hatte Marianne Huegel selbst im medizinischen Bereich gearbeitet. Als medizinisch-technische Assistentin war sie in der Nierenforschung tätig. Doch nach der Heirat widmete sie sich zunächst ganz der Familie, dem Ehemann und den Töchtern. Schon bald brachte sie ihre Fähigkeiten aber auch außer-halb der Familie ein. Und damit begann eine Karriere im Ehrenamt. Eine Karriere, die der Gränzbote aus Anlass des 70. Geburtstages vor zehn Jahren mit einer Neudeutung der klassischen drei „K“ charakterisierte: Er schrieb von einem „Leben zwischen Kirche, Kunst und Karitas“. Wenn auch das letzte der drei Huegelschen „K“s orthografisch nicht ganz korrekt ist – die Person Marianne Huegel trifft diese Beschreibung umso besser.

In der Kirche begann ihr ehrenamtlicher Einsatz. 1968 – also vor über 40 Jahren - wurde sie erstmals in den Kirchengemeinderat von St. Gallus gewählt. Und in der Kirchengemeinde ist sie bis heute aktiv – als Kommunionhelferin und als Lektorin.

Das kirchliche Engagement war bei ihr der Ausgang für ihre weiteren Ehrenämter.

  • Zehn Jahre gehörte sie im Auftrag der Kirchengemeinde dem Fachausschuss Caritas an.
  • Seit vielen Jahren engagiert sie sich für den Förderverein für die Heime der Stiftung St. Franziskus – und gehört dort bis heute dem Beirat an
  • Vor allem aber gehört sie zu den Mit-begründerinnen der Lebenshilfe.
1969 war Marianne Huegel mit dabei, als die Tuttlinger Lebenshilfe aus der Taufe gehoben wurde. Den Anstoß dazu hatte seinerzeit Wilhelm Buggle gegeben – auch aus Dankbarkeit dafür, dass seine eigenen Kinder gesund auf die Welt gekommen waren.

Das Engagement für geistig Behinderte geschah damals noch unter ganz anderen Vorzeichen als heute. Es war durchaus noch üblich, Menschen mit geistigen Behinderungen als „Irre“ oder „Verrückte“ zu bezeichnen. Im öffentlichen Bewusstsein wollte sie ein großer Teil der Bevölkerung nicht wahrhaben. Eine starke Lobby gab es schon gar nicht.

Marianne Huegel gehörte zu denen, die sich damit nicht zufrieden gaben. Die es als Teil ihres christlichen Auftrags sahen, sich gerade für diese Menschen einzusetzen. Und dieses Engagement geschah nicht im Verborgenen. Denn es ging nicht nur darum, Behinderten in der Werkstätte der Lebenshilfe eine sinnvolle Aufgabe zu geben. Es ging auch darum, das Bild in der Öffentlichkeit zu ändern.

Also griff Marianne Huegel zur Super-Acht-Kamera. Sie filmte die Arbeit in den Werkstätten. Und sie ging hinaus zu den Menschen, um diese Bilder zu zeigen.

Durch ihr Engagement ebneten Marianne Huegel und ihren Mitstreitern damals den Weg für die überaus erfolgreiche Entwicklung der Lebenshilfe. Und dass die Lebenshilfe erst vor kurzem mit den Donauwerkstätten in der Zeughausstraße moderne Räume mitten in der Stadt einweihen konnte, ist die Krönung einer Entwicklung, die von Marianne Huegel ganz entscheidend mit angestoßen wurde.

Allein schon diese Tätigkeiten wären Anlass genug, Marianne Huegel heute zu ehren. 1990 erhielt sie vor allem für ihren Einsatz für die Lebenshilfe auch bereits das Bundesverdienstkreuz. Aber ihr Engagement ging und geht weit über den sozialen Bereich hinaus. Denn ihre zweite große Leidenschaft gilt der Kunst.

Diese Leidenschaft begleitet sie durch ihr ganzes Leben. Eine kleine Geschichte verdeutlicht dies: 1948 erlebten die Deutschen die Währungsreform. Nach dem Mangel der Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre füllten sich plötzlich die Schaufenster. Die Menschen genossen es, wieder zu konsumieren – in bescheidenem Rahmen und den überschaubaren finanziellen Verhältnissen angepasst. Man freute sich auf Leckereien, Möbel oder neue Kleider. Und für was gab Marianne Huegel ihre ersten 18 D-Mark aus? Für zwei Stiche.

Mittlerweile ist ihre Kunstsammlung gewachsen – auch Arbeiten von Udo Braitsch oder Roland Martin gehören dazu. Und den Sachverstand gab Marianne Huegel über Jahre zum Wohle der Allgemeinheit weiter: Als Mitglied der städtischen Kunstkaufkommission entschied sie mit darüber, welche Gemälde oder Skulpturen heute Teil der städtischen Kunstsammlung sind. Die Sammlung, die von vielen Besuchern unseres Rathauses regel-mäßig bewundert wird, trägt somit auch ein Stückweit ihre Handschrift.

Im Engagement für die Kunst bezog Marianne Huegel auch deutlich Position. Darum war es für sie klar, dass sie sich in die Diskussion über den Erhalt des Alten Krematoriums einschaltete. Dass das Gebäude, in dem wir heute feiern, noch steht und so wundervoll restau-riert wurde, ist auch ihr Verdienst.

Die Erfahrungen, wie man sich politisch einbringt, hatte sie jahrelang im Gemeinderat gesammelt. Von 1980 bis 1999 gehörte sie für die CDU-Fraktion dem Gremium an. Soziale und kulturelle Themen waren hier ihre Schwerpunkte. Als „Konservative mit starkem sozialem Engagement“ bezeichnete sie seinerzeit mein Vorgänger im Amt des Oberbürgermeisters Heinz-Jürgen Koloczek.

Diese Attribute gelten nach wie vor. Marianne Huegel zeigt uns bis heute, wie man das christliche Menschenbild im Alltag leben kann, wie man soziales Engagement über Jahrzehnte pflegen kann. Ihre Ausdauer ist bewundernswert.

Marianne Huegel gehört zu den Menschen, die unsere Stadt über Jahrzehnte positiv geprägt haben. Die Tuttlingen wieder ein Stück lebenswerter gemacht haben. Sie hat uns gezeigt, dass man sich mit voller Energie für eine Sache einsetzen kann, dabei aber immer auch einen Blick auf andere Themen behalten kann. Sie war immer Kämpferin, nie aber Fanatikerin.

Die Dauer ihres Engagements, seine Nachhaltigkeit und die bis heute positiven Folgen der von ihr angestoßenen Entwicklungen haben den Gemeinderat der Stadt dazu bewogen, Marianne Huegel zu ehren.

Der Preis ist – wie auch unser Kultur- und unser Sportpreis – ein Kunstwerk. In diesem Fall der Druck „…wie ein Fisch im Wasser“ von Daniel Erfle.

Ich bin sicher, dass das Kunstwerk bei Ihnen, liebe Frau Huegel, in besonders guten Händen ist. Und ich freue mich, Ihnen hiermit den Sozialpreis der Stadt Tuttlingen überreichen zu dürfen.