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Volkstrauertag 2021 – Rede von EBM Emil Buschle


Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, werte Anwesende,

"Über Babij Jar, da redet der Wildwuchs,
das Gras.
(...)
Das Schweigen rings schreit.
Ich nehme die Mütze vom Kopf, ich fühle,
ich werde grau.
Und bin - bin selbst
ein einziger Schrei ohne Stimme.
(...)
Nichts, keine Faser in mir,
vergißt das je!

Welcher Schmerz, welche Qualen, welches Leid. Ein Leid, das uns verstummen lässt.

Vielleicht kennen manche von Ihnen diese Zeilen. Ich muss zugeben, ich selbst kannte sie bis dahin nicht - bis zu dem Zeitpunkt, als unser Bundespräsident Frank Walter Steinmeier im Rahmen der Genkfeiern in der Ukraine diese zitiert hat und ich mich sowohl davon als auch von seiner Ansprache habe inspirieren und berühren lassen.  Der 2017 verstorbene russische Schriftsteller Jewgenij Jewtuschenko brach 1961 mit diesem Gedicht das Tabu des Schweigens – ein Tabu, das bis dahin über der Ermordung der Juden über der Ukraine lastete.
Dimitrij Schostakowitsch, hat mit seiner Vertonung dieses Gedichts den Opfern von Babij Jar ein musikalisches Denkmal gesetzt.

Es waren also die Schriftsteller, Musiker, Intellektuellen, Künstler, die es als erste wagten, sich mit den Verbrechen zu beschäftigen, die vor 80 Jahren verübt wurden - so, wie es heute die Gruppe "Silbermond" in der gelungenen „Aufführung“ „ Weiße Fahnen“ der Realschule heute getan hat.

Persönlichkeiten wie Jewtuschenko oder Schostakowitsch verdanken wir viel. Sie legten Erinnerung frei – und machten sie überhaupt erst möglich. Für uns als Deutsche sind Volkstrauertage oder Gedenkfeiern wie in Babij Jar, wo der Bundespräsident vor wenigen Wochen trauerte, besonders intensive, schwierige Momente. Aber zugleich müssen wir dankbar sein, dass wir überhaupt noch fähig sind, heute gemeinsam zu gedenken und uns zu erinnern. An die Gefallenen, an die Vermissten, an die Opfer von Terror und Gewalt, an die Menschen die aus Ihrer Heimat vertrieben wurden und auf der Flucht ihr Leben lassen mussten.

Aber wie soll man gedenken, ... wie soll man trauern, ... mitfühlen, wenn die Ereignisse 75 Jahre und mehr zurückliegen? Jeder macht das individuell, ... jeder auf seine eigene Art und Weise.

Wie sollen man denjenigen, die nie einen Krieg am eigenen Leib erfahren haben – Gott sei Dank – die Schrecken einer solchen Apokalyse überhaupt vermitteln? Gerade jungen Menschen, die in einer Wohlstandsgesellschaft  oder wohlfühlgemeinschaft leben bei denen das Smartphone und das Internet den Tag dominieren, und die sich für Geschichte vielleicht gar nicht interessieren?

Ich selbst – Jahrgang 1954 – gehöre einer Generation an, die wohl in der besten Zeit der Menschheitsgeschichte geboren wurde, aufwachsen, leben und gestalten durfte. Einer Zeit ohne Krieg, ohne Hunger und Mangel – also in einer weitestgehend heilen und geborgenen Zeit. Einer Zeit des Aufbruchs, des sozialen Aufstiegs und des Wohlstands, den wir auch heute trotz aller aktuellen Krisen und Probleme noch erleben dürfen.

Zahlen und Statistiken sind so groß, abstrakt und unfassbar, dass sie Einzelschicksale gar nicht beschreiben können: Die des einzelnen Soldaten, der in einem Schützengraben gefallen ist, noch bevor sein Leben erst so richtig begann. Das der Eltern oder Ehefrauen, die mit der Todesnachricht konfrontiert wurden. Das der Bewohner von Städten und Dörfern, die zerbombt, verbrannt und zerstört wurden. Das der Menschen, die verfolgt, gequält, vertrieben und ermordet wurden, weil sie der vermeintlich falschen Volksgruppe, Religion oder politischen Gruppierung angehörten. Nein – Zahlen können all das nicht beschreiben.

Umso wichtiger sind Zeitzeugnisse. Sie machen das menschliche Leid erst begreifbar. Ich erlebe es regelmäßig, wenn mir Menschen bei meinen Jubilarbesuchen auch Jahrzehnte nach dem Krieg von ihrem Leid und Schmerz erzählen. Wenn sie mir Bilder zeigen vom gefallenen Bruder, Vater oder von ihrem Hofgut im Banat, im Sudetenland oder in Ostpreußen. Menschen, die bis heute unter dem Verlust enger Angehöriger leiden – oder die über Nacht ihr ganzes Hab und Gut verloren haben – und manchmal gebrechliche nahestehende Verwandte zurücklassen mussten. Menschen, die aufbrachen in eine neue ungewisse Zeit und Welt. Und als sie hier ankamen, zu sechst oder zu acht in einer 2-Zimmer-Wohnung hausen mussten, kritisch beäugt und nicht gleich wohlgelitten wurden von denen, die etwas von ihrem Wohnraum abgeben mussten. Und dann für die Bauern in dieser kargen Landschaft der Schwäbischen Alb arbeiten und fruchtbarstes Land in der Heimat aufgeben mussten, weil sie vertrieben wurden.

Leid muss erfahren oder erlitten worden sein, authentisch erzählt worden sein um es hautnah erfahrbar und begreifbar werden zu lassen.

Ich bin bis heute geprägt von den Erzählungen meiner Mutter. Ihr Vater, ein Vater von 6 Kindern und kleiner Obstbauer wurde kurz vor Kriegsende abgeholt wurde und ins KZ gebracht, weil er verraten wurde,nur  weil er Juden in einer „Gundel“ über den Untersee von  der Höri auf die gegenüberliegende Seeseite,  in die Schweiz gebracht hat. Und man wusste nicht, ob er jemals zurückkommen würde. Gott sei dank - das Ende des Krieges kam ihm zu Hilfe und er kam nach Hause.

Ich erinnere mich an die Angst meiner Mutter, als 1962 die Kubakrise die Welt an den Rand eines Dritten Weltkriegs brachte. Es war die Angst einer Frau, die den Krieg noch  erlebt hatte. Weinend zog sie mich damals an ihre Rockschürze und tröstete betend sich selbst und mich.  „Oh Bue s’wird au koan Krieg mehr gäbe“ ! Was ging damals in diesem Menschen vor? Meine Mutter gab keine Antwort. Sie wollte niemand damit belasten. Schon gar nicht die bis dahin unbekümmert aufwachsenden Kinder. Erst viele Jahre später haben wir darüber gesprochen.Einen Tag vor ihrem Tod  noch hat sie meiner Schwester davon erzählt.man merkt daran, dass sie das Alles nie ganz losgelassen hat.

Für die heutige Generation ist so etwas schlichtweg unvorstellbar. Aber sie hat andere Sorgen: Sorglos sind auch sie nicht.

Aber wie können wir unserer heutigen Jugend, nein auch den Menschen mittleren Alters, erklären, was Krieg, Terror, Flucht, Verfolgung überhaupt bedeuten - was so etwas mit Menschen macht? Es wird immer schwerer – denn die Zeitzeugen von damals, die im Schulunterricht oder in Hochschulen, Kirchen berichten könnten, gibt es immer weniger. Umso wichtiger ist es, dass wir unsere heutigen Mittel, vor allem die Medien, die Dokumentationszentren, die Gedenkstätten, die Soldatenfriedhöfe und Ausstellungen nutzen, um dieses leidvolle Thema deutscher Geschichte in Erinnerung zu behalten – auch mit Veranstaltungen wie dem heutigen Volkstrauertag.  Oder mit dem Verlegen von Stolpersteinen wie wir das in Tuttlingen tun, Oder eben mit Gedenkfeiern wie jener in Babij Jar und dem Bekenntnis unseres Präsidenten.

Babij Jar war eine von so vielen Gräueltaten, die jegliche menschliche Vorstellungskraft sprengen. In jenen Septembertagen 1941 ermordeten deutsche Einsatzgruppen fast 34.000 Jüdinnen und Juden, Sinti,Roma und andere- und das innerhalb von 2 Tagen!  48 Stunden ! 34.000 34.000 Lebenm! Ungefähr so viele Menschen, wie heute in Tuttlingen leben. Deshalb wird diese Zahl so plastisch- konkret, begreiflich.

Und die Täter waren Männer, die zuvor ganz normale Bürger waren. Arbeiter, Selbständige,  Handwerker, Bauern, Beamte oder Angestellte, freundliche Nachbarn, Familienväter, Ehemänner. Auf Befehl wurden sie zu Mördern. Auf Befehl warfen sie alles über Bord, was den Menschen ausmacht: Anstand. Mitgefühl, Scham, christliche Nächstenliebe – die einfachsten menschlichen Werte und Regungen. Was in diesen Männern vorging, kann man einfach nicht begreifen. Es ist so unfassbar – und zeigt uns leider, wie dünn und brüchig die Firnis der menschlichen Zivilisation ist.

Der Massenmord an den Juden in Kiew war keine Vergeltungsaktion. Er war ein genau geplantes Verbrechen – geplant und begangen von SS, der Sicherheitspolizei und wahrscheinlich dazu genötigten einfachen Soldaten der Wehrmacht. Sie alle waren beteiligt. Am Morgen des 28. September, so beschreibt es eine Augenzeugin, eine Kiewer Lehrerin, zogen Menschen in einer nicht enden wollenden Kolonne durch ihre Straße. „Frauen, Männer, junge Mädchen, Kinder, Greise, ganze Familien. Und sie gehen schweigend. Es ist unheimlich.“ Die meisten von ihnenwaren der Neinung , umgesiedelt zu werden. In der Schlucht befahlen die deutschen Truppen den ahnungslosen Menschen, sich zu entkleiden, zu entblößen  und zwangen sie, sich auf den Boden zu legen, auf die bereits Toten, mit dem Gesicht nach unten. Dann erschossen sie sie. Frauen, Männer, Jungen, Mädchen, Kinder, Greise. Ganze Familien.  EIne,Einen nach dem anderen. Exakt 33.771 Menschen. Nur einige wenige dieser Menschen überlebten. Und wir wollen uns nicht vorstellen, wie ihr weiteres Leben aussah – die endlose Trauer der Überlebenden mischte sich mit Schuldgefühlen. Warum habe ich überlebt? Und meine Mutter, mein Bruder,mein Kind oder mein Nachbar, andere nicht? Man kann es nur erahnen. Was wir aber wissen: Für ihre Mörder wurden warme Mahlzeiten, Getränke und Schnaps bereitgestellt. Ob es wirklich ein Fest war oder ob sich die  Mörder deshalb besoffen haben, weil sie es selbst nicht ertragen konnten oder schon erkannt haben was Sie in ihrem Wahn angerichtet haben? – Man weiß es nicht.
Das Menschheitsverbrechen des Holocaust begann aber nicht erst mit der sogenannten „Endlösung“, in den deutschen Todesfabriken, in Auschwitz, Treblinka, Sobibor, Majdanek oder Belzec. Es begann schon früher, auf dem Eroberungsfeldzug Richtung Osten, in Wäldern, am Rande von Ortschaften. Weit mehr als eine Million Juden fiel diesem Holocaust durch Kugeln in der Ukraine zum Opfer. In Kiew, in Odessa, in Berdytschiw, Lypowez, Czernowitz, Mizocz – in so vielen anderen Orten. Und man frägt sich: Wer in unserem Land, in Deutschland, weiß heute von diesem Holocaust durch Kugeln? Wer kennt sie, diese mit Blut getränkten Namen? All diese Orte haben keinen angemessenen Ort in unserer Erinnerung. Die Ukraine ist auf unserer Landkarte der Erinnerung nur viel zu blass, viel zu schemenhaft verzeichnet.

Aber machen wir uns nichts vor: Aggression löst Gegenaggression aus.! Immer !

In Rudolfsgnad oder Molidor war es nicht anders. Aber die ist eben keine Rechtfertigung. Deshalb ist Babij Jar 1941 für mich heute am Volkstrauertag 2021 nur stellvertretend das Ereignis 2021, das exemplarisch beleuchtet, inszeniert, lebendig gemacht werden werden soll, und das uns aufzeigen soll,was Krieg und Gewaltherrschaft bewirken können und  dass es deshalb nie wieder Krieg geben darf. Nie wiederlll  Nie wieder!

Ich bin heute zum 50. Mal bei einem Volkstrauertag dabei und seit 37 Jahren versuche ich, mit meinen Ansprachen, Erinnerung wachzurufen, Leid begreifbar zu machen. Denn Erinnerung ist wichtig, um zu erkennen, wohin entfesselter Hass und Nationalismus, Antisemitismus und Rassenwahn führen können. Ohne ehrliche Erinnerung gibt es keine gute Zukunft. Also stehe ich heute vor Ihnen und verneige mich in tiefer Trauer vor den Toten, Vermissten, schuldlos Verfolgten – auf allen Seiten dieser schrecklichen Kriegskarten.

Und ich empfinde zugleich tiefe Dankbarkeit für die Versöhnung mit den Nationen und deren Menschen, der Nachfahren der Opfer von damals, die uns Deutschen die Hand gereicht haben.

Versöhnung und Verzeihen ist nichts, was man verlangen kann. Sie kann nur gewährt werden.

Deshalb ist es wichtig, dass es uns gelungen ist, ein gemeinsames Fundament zu schaffen, zu dem wir uns bekennen: das Völkerrecht und die Menschenwürde, die Freiheit der Völker in politischer Selbstbestimmung und territorialer Integrität, das friedliche und sichere Europa.
Und für dieses Europa müssen wir - trotz aller Widrigkeiten,Widersprüche und Schwierigkeiten mit aller Macht kämpfen. Es gibt keine bessere, verlässlichere Friedensgarantie!

Ich danke Ihnen allen, meine Damen und Herren, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger die Sie an diesem Novembersonntag 2021 gekommen sind und sich Zeit genommen haben, um zu gedenken und zu trauern. Ich danke Herrn Oberbürgermeister Beck, den Vertreterinnen und Vertretern aus dem Gemeinderat, allen die diese Feier mitgestaltet haben, den Schülerinnen und Schülern der Realschule für den Beitrag „Weisse Fahnen“ unter der Leitung von Frau Schlesinger, Herrn Martin Brenndörfer vom Verband der Siebenbürger Sachsen, den Fahnenabordnungen, dem Ensemble des Blasorchesters unter der Leitung von Dirgent Bernd Häcker, der Ehrenformation unserer Feuerwehr, dem DRK für die Sammlung, und last but not least unserem Friedhofspersonal für die würdevolle und gute Vorbereitung dieser Feierstunde wie in jedem Jahr im November.

Ich danke Ihnen fürs Zuhörennund Herrn Oberbürgermeister Beck, dass er mir die Gelegenheit gegeben hat heute hier zu reden. Ihnen  allen wünsche ich ieinen schönen, besinnlichen und gesegneten Sonntag.

Passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund.