Nazis müssen nicht dumm sein - Aussteiger Christian Weißgerber im IKG und im JuKuz


Rechtsextreme sind nicht zwangsläufig dumm, und die Grenzen zum Rechtspopulismus sind oft fließend. Darauf wies am Dienstag Christian Weißgerber in der IKG-Aula sowie abends im JuKuz hin. Der Aussteiger aus der Nazi-Szene sprach auf Einladung der Stadt Tuttlingen und von Stiefels Buchladen.


Sprach in der IKG-Aula und im JuKuz: Nazi-Aussteiger Christian Weißgerber.

Mit Musik fing es an. Es wurde normal, Lieder von „Landser“ zu hören – auch bei Schulausflügen. Irgendwann entstanden   Kontakte zu einer ortsbekannten Nazi-WG, und wenig später gründete Christian Weißgerber selber eine rechtsextreme Jugendgruppe. „Ich bin bewusst in die Szene eingestiegen“, sagt er, „denn es gibt einem auch ein gutes Gefühl.“ Das Gefühl, dass andere Angst vor einem haben. Das Gefühl Macht, ausüben zu können.

Bis 2010 gehörte Christian Weißgerber der rechtsextremen Szene Thüringens an. Zuletzt war er bei den „Autonomen Nationalisten“, während seines Studiums in Jena wandte er sich von der Szene ab. Doch der Prozess der Entradikalisierung brauchte mehrere Jahre. „Man streift nicht so einfach alles ab, woran man über Jahre geglaubt hat.“

Am Dienstag berichtete Christian Weißgerber in Tuttlingen von seinen Erfahrungen. Am Vormittag vor rund 600 Schülerinnen und Schülern in der IKG-Aula, abends dann im kleineren Kreis in JuKuz. „Viele der Thesen, die Weißgerbers Nazi-Freunde von sich geben, klingen auf beunruhigende Weise vertraut“, so OB Michael Beck bei seiner Begrüßung in der IKG-Aula, „man hört sie heute sogar im Bundestag.“ Umso wichtiger sei es, dass auch Kommunen aktiv politische Bildungsarbeit leisten – zum Beispiele mit Vorträgen wie diesem. Und mit Christof „Stiefel“ Manz, der den Besuch Weißgerbers organisiert hatte, habe man einen verlässlichen Partner für solche Aktionen zur Hand.

Die Parallelen zwischen Rechtsextremen und Rechtspopulisten arbeitete auch Weißgerber heraus. Für viele Zuhörer überraschender waren freilich die Widersprüche und Vielschichtigkeiten der rechten Szene: In seinem Vortrag und auch in seinem Buch „Mein Vaterland!“ schildert er zum Beispiel seine Bundeswehrzeit und seine Freundschaft mit einem Stubenkameraden mit Migrationshintergrund: Der Nazi und der Deutsch-Iraner verstanden sich bestens: Denn nach der NS-Rassenlehre gelten Perser als Arier, und mit dem grenzenlosen Hass auf Israel gab es ohnehin einen gemeinsamen Nenner.

Ohnehin sei die NS-Szene weitaus vielschichtiger als viele glaubten. Langhaarige Metalfans und intellektuell wirkende Hipsterbart-Träger gebe es ebenso wie sich vegan ernährende Öko-Nazis. Viele seien hochintelligent und alles andere als dumpf wirkende Schreihälse. Weißgerber: „Wenn die Tagesschau ein Symbolbild für Neonazis braucht, werden immer Glatzköpfe mit Bomberjacke eingeblendet – das greift zu kurz.“