Warum das Füttern von Tauben Tierleid verursacht
Es gibt nur wenige Themen, die so die Gemüter bewegen, wie die Tuttlinger Stadttauben. Für die einen sind sie hilfsbedürftige Tiere, für andere lästiges Ungeziefer. Und wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.
Tatsache ist, dass Tuttlingen über eine überdurchschnittlich große Taubenpopulation verfügt. Und immer wieder denken Menschen, dass man den Tieren am besten hilft, wenn man sie großzügig mit Futter versorgt. Doch das Gegenteil ist der Fall. Aus diesem Grund ist das Füttern von Tauben auch verboten und wird geahndet. In Extremfällen sind Geldbußen von bis zu 2000 Euro möglich.
Tierleid durch zu hohe Populationen
Ein Blick in ein Dachgeschoss eines Altbaus in der Innenstadt: Der Boden und das restliche Mobiliar sind dick mit Taubenkot bedeckt. Versunken in den Exkrementen ihrer Artgenossen liegen die Überreste toter Tauben. Und dazwischen sitzen junge Küken - ebenfalls auf Bergen von Taubenkot. Viele der Tiere haben Verletzungen an den Füßen - verursacht durch die ätzenden Ausscheidungen.
Szenen wie diese entdecken Mitarbeitende des Ordnungsamtes immer wieder. Und auch an anderen Brutplätzen der Vögel sieht es nicht viel besser aus: Auch in Zwischengängen oder auf Fassadenvorsprüngen leben Tiere in drangvoller Enge.
Hinter dem folgenden Link sehen Sie weitere Bilder. Wie weisen darauf hin, dass es sich um sensible Inhalte (Darstellung verendeter und verletzter Tiere) handelt, die auf manche Menschen verstörend wirken können. Die Aufnahmen entstanden in Tuttlingen.
Bildergalerie Stadttauben auf Dachboden
Was hat Taubenfüttern damit zu tun?
Je höher das Futterangebot für die Stadttauben ist, desto mehr Brutpaare bilden sich, und die Fortpflanzungsrate steigt: Es gibt mehr Gelege, mehr Küken und damit eine stetig wachsende Population, die sich überproportional ausbreitet.
Nistplätze finden Tauben in den oft durchlässigen Dächern der Altbauten der Innenstadt reichlich. Doch ein großes Angebot an Nistplätzen bedeutet nicht automatisch, dass der Lebensraum auch für eine entsprechend hohe Zahl an Tieren geeignet ist. Vor allem wird es an den bestehenden Nistplätzen immer enger: Da Tauben in der Regel dort brüten, wo sie selber geschlüpft sind, drängen sich bei steigenden Populationen immer mehr Tiere am gleichen Ort. Platzmangel und Stress führen dazu, dass viele Tiere geschwächt und krank sind.
Vor allem die hygienischen Verhältnisse für die Tiere sind verheerend. Unmengen an Kot und gemeinsam genutzte und nicht regelmäßig gereinigte Futterstellen begünstigen die Übertragung von Parasiten, bakteriellen Infektionen und Viruserkrankungen. Das Resultat sind leidende, kranke und häufig früh sterbende Tiere – genau das Gegenteil dessen, was durch Fütterung eigentlich erreicht werden soll.
Taubenfutter zieht auch Ratten an
Ausgelegtes Taubenfutter wird nicht nur von Tauben gefressen. Es zieht vermehrt auch Ratten an, insbesondere die in Städten weit verbreitete Wanderratte. Auch hier führt das zusätzliche Nahrungsangebot zu einer stärkeren Vermehrung. Da Ratten Überträger verschiedener für den Menschen gefährlicher Krankheitserreger sind, entsteht neben dem Tierleid innerhalb der Taubenpopulation auch ein hygienisches und gesundheitliches Problem im städtischen Raum. Die steigenden Rattenbestände führen außerdem dazu, dass die Stadt Tuttlingen im Interesse des Seuchenschutzes zu drastischen Maßnahmen greifen muss. So werden unter anderem Giftköder ausgelegt, die die Ratten verenden lassen. Wer Tauben füttert, trägt also auch dazu bei, dass mehr Ratten mit Gift getötet werden müssen.
Kann ein Taubenschlag Abhilfe schaffen?
Auch in Tuttlingen gibt es einen städtischen Taubenschlag, der zur Regulierung der Population beitragen soll. Die Idee dahinter: Die Tiere können unter guten Bedingungen brüten und bleiben gesund, die Gelege werden aber rechtzeitig entfernt und durch Gipseier ersetzt, so dass kein Nachwuchs entsteht.
Theoretisch funktioniert dieses Modell auch, in der Praxis gibt es aber drei Probleme:
- Der Taubenschlag muss betreut werden. Menschen müssen regelmäßig nicht nur die Eier, sondern auch den Kot entfernen. Dafür werden Freiwillige gesucht. Derzeit sind es deutlich weniger, als benötigt würden.
- In Anbetracht der hohen Tuttlinger Taubenpopulation reicht ein einzelner Taubenschlag nicht aus. Für einen weiteren bräuchte man aber zum einen noch mehr Helfende, zum anderen einen weiteren Standort. Die Suche nach Hauseigentümern in der Innenstadt, die dafür ihren Dachboden zur Verfügung stellen, war bislang nicht erfolgreich.
- Solange außerhalb des Taubenschlages gefüttert wird, entfalten die Maßnahmen nicht die volle Wirkung. Schließlich ist die Fütterun mit hochwertigem Futter im Taubenschlag das wichtigste Mittel, die Tiere in den Schlag zu locken. Wenn sie aber imv öffentlichen Raum große Mengen an Futter finden, verpufft dieser Effekt.
Wer sich also ehrenamtlich engagieren möchte oder einen Dachboden zur Verfügung stellen will, kann sich jederzeit beim Ordnungsamt (siehe rechte Spalte) melden.
Was kann ich als Bürger tun, um den Tauben zu helfen?
- Melden Sie illegale Fütterungen und geben uns dabei so viele Informationen wie möglich. Das hat nichts mit Denunziation zu tun: Es dient der Vermeidung von Tierleid.
- Melden Sie uns wilde Taubenschläge - zum Beispiel in leer stehenden Dachböden. Nur wenn diese verschlossen werden, können tierhygienisch bedenkliche Zustände beseitigt werden. Das gilt natürlich auch, wenn es Ihr eigenes Gebäude ist. Auch hier geht es uns nicht um Schuldvorwürfe, sondern vor allem darum, gemeinsam ein Problem zu lösen.
- Verschließen Sie Brutmöglichkeiten am eigenen Gebäude - zum Beispiel unter PV-Anlagen, an Dachvorsprüngen oder durch Öffnungen am Dachboden.
- Schauen Sie nicht weg, sondern helfen Sie, andere aufzuklären - gerade auch Leute, die aus falsch verstandener Tierliebe denken, sie würden Tauben etwas Gutes tun, wenn sie sie füttern.
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