Ein Gebäude, viele
Besitzer

Die Geschichte des Tuttlinger Hauses

Wagnerei

Wem gehörte das Haus?

Das Gebäude Donaustraße 19 wurde nach dem Stadtbrand von 1803 für zwei Bauersfamilien errichtet. Zunächst war das Gebäude zu gleichen Teilen aufgeteilt. Im ersten Obergeschoss wohnten die Weinheimers, im zweiten Obergeschoss die Koßmanns. Jeder nannte „einen Stock“ sein eigen. Das Erdgeschoss und das Dach wurden gemeinsam genutzt. Aber auch hier gab es exakt definierte Eigentumsverhältnisse. Die links der Tenne gelegenen Stallräume gehörten zum 1. Obergeschoss, die rechts der Tenne gelegenen zählten zum 2. Obergeschoss. Kompliziert wurde die Situation in den Zwischengeschossen. Hier gingen die Besitzverhältnisse über Kreuz. Diese häufig sehr komplizierten Gebäudeaufteilungen sind eine rechtliche Variante (Stockwerkseigentum), die besonders in abgebrannten Städten anzutreffen ist.

Als sich die wirtschaftliche Situation im Haus änderte und Jakob Stengelin 1867 eine Messerschmiede einbauen wollte, tauschte man die Bühnen gegen das Einverständnis zur Werkstatteinrichtung. In den folgenden Jahren wechselte man wiederholt Räume: Eine ungeheizte Kammer im zweiten Obergeschoss wurde gegen einen Barnraum im ersten Obergeschoss, der mit dem Zwischengeschoss ohne Decke verbunden war, getauscht. Eine spezielle Treppe führte in den als Getreidelager genutzten Raum im zweiten Obergeschoss, der auch „Grischtkammer“ hieß.

Häufig ließ sich die Erbteilung durch Verteilen der Güter durchführen, aber besonders bei sozial Benachteiligten wurde der Besitz gesplittet und die Häuser aufgeteilt, so dass mancher nur ein Achtel oder sogar nur ein Sechzehntel an einem Gebäude besaß. Dies bedeutete, dass der Familie ein bis zwei Wohnräume, die manchmal noch als Werkstätte dienen mussten, und vielleicht eine Mitnutzung der Küche zustanden.

In unserem Gebäude blieb es bei zwei Hauptbesitzern. Besondere Regelungen gab es nur bei der Vermögensübergabe an die Kinder. Sobald die Eltern aber gestorben waren, löste sich dieser Nießbrauch wieder auf. Ähnliche Regelungen gab es auch mit der Aufnahme des unehelichen Kindes Maria Ursula Weinheimer. Ihr wurden eine Kammer sowie die „licht- und holzfreie“ Nutzung der Stube bis zu ihrer Heirat zugesichert.

Das Haus und sein letzter Bewohner

Karl Ernst Diener (1912-1994) wohnte als letzter Eigentümer in diesem Haus. Sein Auszug im Februar 1991 erfolgte nicht freiwillig. Beim morgendlichen Anfeuern des Küchenherds fiel Glut auf das davor gelagerte Brennmaterial und entzündete sich. Wegen des starken Qualms erlitt Karl Diener eine Rauchvergiftung, die ihn jedoch nicht davon abhielt, persönlich zur Polizei zu eilen und Hilfe herbeizuholen. Die Feuerwehr konnte den Brand ohne großen Substanzverlust löschen, das Gebäude war allerdings unbewohnbar geworden.

Viele Geschichten und Anekdoten ranken sich um den sparsamen Sonderling. Er war von kleiner Statur und mit einer Behinderung am Bein geboren. Als er sieben Jahre alt war, erwarb sein Vater den Hausanteil und richtete eine Wagnerei (Werkstatt zur Herstellung von Holzwagen) ein.

Als Karl Ernst Diener 13 Jahre alt war, verunglückte seine Mutter. Berta Diener stürzte vom obersten Dachboden durch das „Obertenloch“ in die Scheune und erlag nach acht Tagen ihren schlimmen Verletzungen. Sein Vater heiratete dann Emilie Teufel, die Schwester der Verstorbenen. Beim Vater ging Karl auch in die Lehre und legte die Meisterprüfung ab. Trotz seiner Behinderung wurde er eingezogen und diente in einer Panzereinheit. Nach dem Krieg heiratete er die Witwe Marta Klement, die ihm einen Sohn gebar.

Bekannt war er in der Stadt vor allem für seine Sparsamkeit. Seit seiner Kindheit an Entbehrungen gewöhnt, brachte erst der Verkauf von Grundstücken Geld ins Haus. Dies veränderte seinen Lebensstil jedoch nicht. Er lebte zurückgezogen und anspruchslos. Mit seinem Handwagen zog er durch die Stadt und nahm manches mit, was niemand mehr wollte. In seiner äußerst genügsamen Lebenshaltung versagte er sich jeder Neuerung, die eine Veränderung mit sich gebracht hätte. Dieser Stillstand schützte das Haus vor tiefgreifenden Umbauten und erhielt eine heutigem Wohnkomfort zwar nicht genügende, aber als historisches Dokument einmalige Wohnung.

Das Gebäude weist zudem alle typischen Merkmale der nach dem Stadtbrand von 1803 errichteten Häuser auf. Vom unveränderten Walmdach, dem „Tuttlinger Hut“, über den Aufzugschacht im Gebäudeinneren, dem „Obertenloch“, bis hin zur Aufteilung in Stockwerkseigentum sind alle Charakteristika der früheren Tuttlinger Häuser vertreten. Seine günstige Lage gegenüber dem Fruchtkasten mit dem darin sich befindenden Museum führte zum Erwerb des Gebäudes durch die Stadt und zur Einrichtung eines Museums. In einer beispielhaften Bürgeraktion wurde die Instandsetzung und Restaurierung vom Tuttlinger Heimat-Forum e.V. in den Jahren zwischen 1994 bis 1997 betreut und durchgeführt.