Ort des Bewahrens

Tuttlinger Museumsgeschichte

Vitrinen Fruchtkasten

Großer Andrang bei der Eröffnung

Am 2. März 1924 öffnete das Tuttlinger Heimatmuseum zum ersten Mal seine Pforten für die Besucher. Für ganze dreieinhalb Stunden öffnete das Tuttlinger Heimatmuseum am ersten Besuchstag seine Türen. Von 10.30 bis 12 Uhr und von 14 bis 16 Uhr hatte die Bevölkerung damals Gelegenheit, die dort gesammelten Schätze zu bewundern - übrigens, wie heute, bei freiem Eintritt.

Der Andrang war groß und viele staunten, dass trotz des Stadtbrandes von 1803 so viele alte Gegenstände hatten zusammengetragen werden können. Über dreihundert Gegenstände waren in einem Raum im Erdgeschoss der Friedrichschule (Schulstraße, heute Stadtbibliothek und Volkshochschule) zu bewundern. Feuereimer, Meisterbriefe, Ofenplatten, Stadtansichten sowie Photos und vieles mehr hatten die rührigen Männern des Bezirksausschuss für Denkmalpflege in einer halbjährlichen Aktion gesammelt. Die Museumsgründer durften den Neuanfang in ihrem Protokollbuch als großen Erfolg verbuchen.

Gegen den sorglosen Umgang mit Kulturgut

Erklärtes Ziel der Museumsgründer war es, Kulturgüter vor der Vernichtung oder vor dem Verkauf an auswärtige Händler und Museen zu bewahren. In einige große Museen ("unter anderem nach Berlin und London", wie Museumsleiterin Gunda Woll weiß) aber auch in Privatbesitz waren Gegenstände aus der Region gelangt. Vor allem das Schicksal der Funde aus den im 19. Jahrhundert ausgegrabenen Alemannengräbern in Oberflacht hatte vielen zu denken gegeben.

Gunda Woll: "Vieles war in große Museen gegeben worden und aus einem Sarg hatte man sogar ein Wandkästchen gemacht!" Dieser sorglose Umgang mit wertvollen historischen Hinterlassenschaften hatte das hiesige Bürgertum wachgerüttelt. Da die Stadtverwaltung um die Jahrhundertwende für die Museumspläne noch kein Interesse zeigte, hatten einige Bürger in Tuttlingen, wie z.B. der Schuhfabrikat Dihlmann, private Sammlungen begründet. Diese Objekte wollte der Bezirksausschuss für Denkmalpflege der Öffentlichkeit zugänglich machen. So stand auch zunächst einmal das Sammeln im Mittelpunkt, die inhaltliche Ordnung folgte später.

Gründung im Inflationsjahr

Die Idee zur Museumsgründung wurde im Inflationsjahr 1923 geboren, als die Frage nach beständigen Werten die Menschen bewegte. Die politischen Veränderungen mit der Abdankung des deutschen Kaisers und des württembergischen Königs 1918 sowie der Annahme einer demokratischen Verfassung 1919 hatten erst wenige Jahre zuvor jahrhundertealte Ordnungen umgestoßen.

Die Idee, ein Heimatmuseum zu gründen, fiel auch vor diesem Hintergrund auf einen fruchtbaren Boden. Zur Pflege des neu erwachten Geschichtsbewusstseins wurden Vorträge veranstaltet. "Der erste Vortrag war eine Sensation. Ein Referat des damaligen Stadtpfarrers Dr. J. Rauscher über Tuttlinger Familien lockte mehr als 1.000 Zuhörerinnen und Zuhörer an!

Das evangelische Vereinshaus konnte die Massen nicht fassen", berichtet Gunda Woll, die seit 1992 das Museum leitet. Dies ermutigte die Museumsgründer zur Drucklegung der Rede. Man erhoffte sich aus dem Verkauf Einnahmen, die dem Museum zufließen sollten. Das Gremium dachte an die Zukunft: Es veröffentlichte nicht nur den Artikel, sondern rief gleich eine Zeitschriftenreihe ins Leben. Das erste 32 Seiten umfassende Heft der "Tuttlinger Heimatblätter" erschien im März 1924. Im Dezember folgte bereits das zweite.

Modell Tuttlinger Hut im Fruchtkasten

Spende, Stiftungen und Leihgaben

In den folgenden zehn Jahren flossen dem Museum viele Spenden, Stiftungen und Leihgaben zu. 14 Geschenklisten wurden veröffentlicht, in denen auch die Namen der Spenderinnen und Spender genannt wurden. Jede Familie, die etwas auf sich hielt, versuchte ihren Beitrag zu leisten. Vieles wurde zusammengetragen und bald reichte der Platz nicht mehr aus.

Blut und Boden-Ideologie

In den 30er Jahren erfolgte deshalb der Umzug in den Fruchtkasten. Im Februar 1939 wurde das von einem Stuttgarter Experten geordnete Museum eröffnet. Mit "Blut und Boden"-Ideologien der Nazis angereichert, stand das Museum im Dienste der Partei. Das Ende des Kriegs brachte dann auch das Ende des Museums. Im Fruchtkasten wurden "displaced persons" einquartiert. Was blieb war ein Scherbenhaufen, der dann notdürftig verpackt in eine Fabrik ausgelagert werden konnte. Erst 1952 wurde das Museum im Obergeschoss des Fruchtkastens neu eröffnet.

Auf dem Weg zum Industriemuseum

Ab den 70er Jahren konnte schließlich der ganze Fruchtkasten museal genutzt werden. 1997 folgten die Eröffnungen des Tuttlinger Hauses (mit dem Schwerpunkt Stadtgeschichte) und der Außenstelle des Museums im Rathaus Möhringen. "Die Arbeit im Museum geht nie aus", wirft Museumsleiterin Woll einen Blick in die nahe Zukunft: "In den kommenden Jahren soll im Fruchtkasten ein Industriemuseum entstehen, das die Herstellung medizinischer Instrumente und die Schuhfabrikation in den Mittelpunkt stellt." Die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt in den letzten Jahrzehnten haben diese beiden Branchen schließlich entscheidend geprägt.